Würde man diese Geschichte von hinten erzählen, man wollte den Anfang gar nicht erst hören. Aber es hilft nichts, in den Geschichtsbüchern lässt sie sich nun einmal nachlesen. 2011 verstarb John Paul Getty III, Enkel des einst reichsten Mannes der Welt, im Alter von nur 54 Jahren als Pflegefall. Sein eigener Vater, immerhin ein Milliardär, musste von einem amerikanischen Gericht dazu verurteilt werden, für die Pflegekosten seines Sohnes aufzukommen. In der zehnteiligen Fernsehserie "Trust" des US-Senders FX (in Deutschland ab 9. Mai, mittwochs, 20.15 Uhr, Sky Atlantic HD) ist Getty noch ein gutaussehender junger Mann, einer, dem die ganze Welt offen steht und der noch nichts ahnt von seinem tragischen Schicksal. Eine glückliche Geschichte erzählt die Serie dennoch nicht. Denn 1973 wurde der junge Mann entführt. Sein reicher Großvater weigerte sich, ihn freizukaufen.

"Trust" erzählt weitgehend dieselbe Geschichte wie der Film "Alles Geld der Welt" von Ridley Scott, der erst vor wenigen Monaten in den deutschen Kinos lief. Das meisterhafte Drama machte vor allem Schlagzeilen, weil Regisseur Scott seinen Hauptdarsteller Kevin Spacey, der Großvater Getty spielte, kurzerhand aus dem fertigen Film schnitt, nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen den Hollywood-Star bekannt geworden waren. Ersetzt wurde Spacey durch Christopher Plummer. In der FX-Serie spielt nun ein großartiger Donald Sutherland den alternden Milliardär, der zeitlebens für seinen Geiz bekannt war (so mussten Gäste seines englischen Anwesens einen Münzfernsprecher nutzen, wenn sie telefonieren wollten).

Während "Alles Geld der Welt" noch ein hoch spannender, kondensierter Thriller war, breitet "Trust" die Geschichte der Getty-Entführung als episch angelegte Erzählung aus. Gnadenlos wird der Getty-Clan seziert, beginnend mit dem Selbstmord des ältesten Sohns der Familie mit einer Barbecue-Gabel, der Vater Getty zu dem Kommentar verleitet, so etwas dürfe in seiner Familie nicht vorkommen. Sutherland zeigt John Paul Getty aber nicht nur als von Geiz zerfressenes Ekel, sondern auch als einen Lebemann. Von einem zwielichtigen Arzt lässt er sich ein dubioses Mittel in den Penis spritzen, um wieder seinen Mann stehen zu können. Vier Frauen schart der 80-Jährige in seinem Landsitz um sich. Als sein Enkel in Rom von Mitgliedern der Mafia entführt wird, zuckt er mit keiner Wimper. "Die Butter ist zu hart", sagt er am Frühstückstisch, als er in der Zeitung von dem Vorfall liest. Würde er das geforderte Lösegeld zahlen, so seine berechnende Logik, würden seine anderen 14 Enkelkinder in ständiger Gefahr leben, ebenfalls entführt zu werden.

Harris Dickinson als John Paul Getty III

Schon am Ende der ersten Folge wird Getty Junior in ein Kellerloch gesteckt. In Rückblenden erzählt "Trust", wie es dazu kam. Dabei widmet sich die Serie ausführlich der Theorie, der Entführte habe sein Kidnapping nur inszeniert – eine Theorie, die heute weitgehend als widerlegt gilt. Gespielt wird John Paul Getty III, das 16-jährige Entführungsopfer, vom fantastischen Newcomer Harris Dickinson, der zuletzt im tollen Coming-Out-Drama "Beach Rats" einen ersten großen Auftritt hatte. Der hagere 21-jährige Schauspieler, der nur aus Muskeln zu bestehen scheint, macht aus Getty ein androgynes Wesen, das noch ziemlich planlos durch ein Leben irrlichtert, das Großes für ihn bereithält. Der junge Getty, der ein wenig an den jungen David Bowie erinnern, lebt mit ein paar Freunden in Rom, nimmt Drogen, treibt sich auf Partys von Roman Polanski herum. Und er hat Schulden, da zwar ein großes Erbe auf ihn wartet, er aber noch an der ganz kurzen Leine gehalten wird. Als er der falschen Person zu viel Geld schuldet, verschwindet er.

Der Presse wurden vorab die ersten drei Folgen von "Trust" gezeigt, bei denen kein Geringerer als Danny Boyle ("Trainspotting - Neue Helden", "The Beach") Regie führte. Geschrieben hat die Serie Simon Beaufoy, der mit Boyle bereits bei "Slumdog Millionär" zusammenarbeitete. Boyle wechselt etwas planlos zwischen herkömmlicher Seriendramaturgie und kleinen Experimenten. In der zweiten Folge arbeitet er plötzlich mit Split-Screens und lässt Brendan Fraser, der als Privatermittler den jungen Getty aus der Hand der Mafia befreien soll, immer wieder unvermittelt in die Kamera sprechen – nur um in der dritten Folge auf dieses Stilmittel wieder zu verzichten. Eine irritierende Methode. Boyle zeigt allerdings ein perfektes Gespür für die richtige Atmosphäre, setzt das Rom der 70er-Jahre grandios in Szene. Auch der Soundtrack ist sorgfältig ausgewählt. Die richtige Balance zwischen Sittenroman und True-Crime-Story findet die Serie allerdings nur selten.

Niemand ist sympathisch

Denn das Problem von "Trust" sind seine Charaktere. Niemand ist hier sympathisch; der obszön reiche Großvater Getty ist durch und durch abstoßend, und auch die Entführung seines verzogenen Enkels lässt den Zuschauer überraschend kalt. Und das, obwohl "Trust" bis in die kleineren Rollen hervorragend besetzt ist (so spielt Hilary Swank die Mutter von Getty Junior). Ridley Scott war sich dieser Ambivalenz bei seiner Kinoadaption der tragischen Familiengeschichte wohl bewusst und konzentrierte sich deswegen auf das spannende Element der Entführung. "Trust" muss deutlich weiter ausholen, um über fast zehn Stunden Sendezeit zu tragen. Viel Zeit, die der Zuschauer mit Menschen verbringt, die ihn bestenfalls gar nicht berühren, schlimmstenfalls abstoßen. Manche Stoffe lassen sich eben doch besser in zwei Kinostunden erzählen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst