Für Leitmayr und Batic wird die Aufklärung eines alten Falls zur Zerreißprobe.

"Eins, zwei, drei, vier, fünf ..." Thomas Barthold (Gerhard Liebmann) murmelt vor sich hin. Seelenruhig, routiniert. Das ist sein Job, denn Barthold ist in einem Museum dafür zuständig, die Besucher zu zählen. Doch auch nach Feierabend lässt ihn diese Routine nicht los. Vor sechs Monaten etwa, da ging Barthold durch eine Münchner Fußgängerzone und zählte ebenfalls. "Eins, zwei, drei, vier, fünf ..." Dann hatte er sein Opfer, den fünften Passanten, der ihm entgegenkam, einen jungen Vater. Er ging auf ihn zu, seelenruhig, routiniert, und stach zu. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Fünfmal.

Einige Monate zuvor hatte Barthold das schon mal getan. Das Opfer damals: Ben Schröder, Ehemann von Ayumi Schröder (Luka Omoto) und Vater von Taro. Ein Fall, der Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) lange beschäftigt hatte, im vorigen München-Tatort "Die Wahrheit". Und für den es lange keine Lösung gab.

Irgendwann dann wurden die Ermittlungen eingestellt. "Es war vorbei", sagt Leitmayr. "Dachten wir." Doch es war nicht vorbei, denn sein Kollege Batic, der liegt jetzt im Krankenhaus, fraglich, ob er jemals wieder wird laufen können. Und Leitmayr, der sitzt vor einem internen Untersuchungsausschuss und muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Doch mehr noch, er muss sich Vorwürfe anhören, die Batic betreffen. Ihr Verhältnis. Sein Vertrauen in den Kollegen.

Zwei alte Männer

Und plötzlich sieht man da nicht mehr zwei Kommissare, sondern zwei alte Männer. Plötzlich sind das keine Kollegen mehr, stattdessen liegt Misstrauen in der Luft. Nach 26 gemeinsamen Jahren steht mehr auf dem Spiel als nur die Aufklärung eines komplizierten Falls. "Man kennt sich auswendig, vertraut sich blind – und plötzlich wackelt alles", sagt Kriminaloberrätin Horn (Lina Wendel), Leiterin der internen Ermittlungen. Leitmayr entgegnet: "Ich weiß, was ich glauben soll." Doch ganz sicher klingt er dabei nicht.

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Diese ganzen Ermittlungen, sie ziehen sich – ohne dass sich dieser Tatort ziehen würde. Im Gegenteil. Regisseur Philip Koch gelingt es, in "Der Tod ist unser ganzes Leben" über all die Szenenwechsel und Zeitsprünge hinweg nervenzerreißende Spannung zu erzeugen. Da erzählt er in Rückblenden die Geschichte, die überhaupt zu diesen internen Ermittlungen geführt hat. Er erzählt von der Verhaftung Bartholds, dem Gefangenentransport zu seinem Gerichtsprozess, den Leitmayr und Batic begleiten, von den Justizbeamten Sabine Merzer (Friederike Ott) und Robert Steinmann (Jan Bluthardt), vom Verhältnis zwischen Batic und Ayumi Schröder – und von alldem, was in diesen wenigen Stunden schiefgegangen ist, von dem, was all diese Menschen am Ende miteinander verbindet.

Spannung auf den nächsten Tatort aus München

Vor allem den Darstellern und der Kamera von Jonas Schmager verdankt dieser Krimi dabei seine Wirkung. Schon die Geschichte erzählt weniger von einem Verbrechen als von menschlichen Schwächen, von Lüge, Verrat und Intrige, von dem, wovon wir uns blenden lassen, von dem, was wir glauben zu verstehen und woran wir verzweifeln, weil es uns nicht gelingt. Und genau diese menschlichen Schwächen, die finden sich auch in den Gesichtern wieder, von Gerhard Liebmann, von Friederike Ott, von Udo Wachtveitl und von Miroslav Nemec. All diese beeindruckenden Darsteller fängt Jonas Schmager gekonnt ein. Am Ende, das eigentlich keins ist, da lässt das Drehbuch von Holger Joos und Erol Yesilkaya den Zuschauer zwar alleine mit diesen Dramen, doch nicht – wie so oft – verzweifelt und enttäuscht, sondern voller Neugier, voller Spannung auf den nächsten Tatort aus München. Denn die Geschichte nach diesen 90 Minuten überhaupt noch weiterzuerzählen, das wird eine ebenso große Kunst sein wie sie dieser Krimi erfordert hat.