Nach der Gerichtsentscheidung soll Julien (Thomas Gioria) jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen.
Das Sorgerechtsdrama "Nach dem Urteil" entwickelt sich immer mehr zum aufwühlenden Thriller.

Nach dem Urteil

KINOSTART: 23.08.2018 • Drama • F (2017) • 94 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Jusqu'à la garde
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
F
Filmstudio
K.G. Productions, France 3 Cinéma, CNC, Ciné+, Canal+, France Télévisions, Haut et Court, Hengye Pictures
Einspielergebnis
81.455 USD
Laufzeit
94 Minuten
Regie
Xavier Legrand
Kamera
Nathalie Durand

Filmkritik

Schlachtfeld Familie
von Christopher Diekhaus

"Nach dem Urteil", das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Xavier Legrands, entwickelt sich von einem ambivalenten Sorgerechtsdrama zu einem aufwühlenden Thriller mit Gänsehautgarantie.

Längst nicht jeder Film wartet mit einem Einstieg auf, an den man sich auch später schwer beeindruckt zurückerinnert. Der Franzose Xavier Legrand beginnt seine erste abendfüllende Regiearbeit "Nach dem Urteil" mit einer bürokratischen Anhörung vor einer Familienrichterin, die mehr als 15 Minuten der Gesamtlaufzeit in Anspruch nimmt. Betont nüchtern dokumentiert die Kamera, wie die beiden anwesenden Parteien – auf der einen Seite Miriam Besson (Léa Drucker), auf der anderen Noch-Ehemann Antoine (Denis Ménochet) – ihre Standpunkte im Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Julien (Thomas Gioria) durch ihre Anwältinnen vortragen lassen. Von Gewaltausbrüchen und Einschüchterungsversuchen des Vaters ist die Rede. Davon, dass sich der Junge – ebenso wie seine ältere Schwester Joséphine (Mathilde Auneveux) – gegen den Kontakt ausspricht, was jedoch Zweifel nicht beiseite wischt. Immerhin klingen Antoines Beteuerungen und die Einlassungen seiner Rechtsvertreterin durchaus plausibel.

Mit dieser hochkonzentrierten Sequenz, die die Aufmerksamkeit des Publikums sofort bindet, führt Legrand nicht nur in die offenbar dramatisch zerrütteten Familienverhältnisse ein. Gleichzeitig veranschaulicht er auch, wie schwierig eine Bewertung für Juristen ist, wenn sich komplett widersprüchliche Aussagen gegenüberstehen. In "Nach dem Urteil" entscheidet die Richterin im Anschluss an die Anhörung zugunsten Antoines. Fassungslos muss sich Miriam mit dem Gedanken anfreunden, dass der elfjährige Julien von nun an jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen soll. Trotz dieser Regelung spitzt sich die Lage allerdings immer weiter zu.

Manch ein Kritiker bemängelte, dass Legrand die anfängliche Ambivalenz mehr und mehr für eine klare Rollenverteilung aufgibt. Ein Einwurf mit Berechtigung. Und doch bleibt festzuhalten, dass der Film durch seine zunehmend parteiische Haltung in seiner intensiven Wirkung keinen Schaden nimmt. Ohne plump zu psychologisieren, entwirft das in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnete Regiedebüt eine explosive emotionale Gemengelage und zeigt vor allem eines: Kinder sind oft die Hauptleidtragenden, wenn eine Ehe auseinanderbricht. Auch der spürbar verunsicherte Julien wird zu einem Spielball und sieht sich mehr als einmal gezwungen, selbst mit Lügen und Manipulationen zu operieren.

Faszinierend ist angesichts der sich langsam Bahn brechenden Eskalation, dass Legrand an seiner unaufgeregten Inszenierung festhält. Statt effekthascherische Mittel zu bemühen, verharrt die meistens starre Kamera weiterhin in einer Beobachterrolle. Und bis zum Schluss kommt "Nach dem Urteil" ohne musikalische Untermalung aus. Gerade der Verzicht auf allen Schnickschnack schärft die Sinne für die tiefsitzenden Konflikte, denen das Ensemble durch fein austarierte, eindringliche Darbietungen ungeahnte Wucht verleiht.

Zu den Stärken des nach und nach zum Thriller avancierenden Familiendramas gehört nicht zuletzt die realistische Art und Weise, wie das Drehbuch auf seinen großen Knall zusteuert. Da sich der Regisseur allzu reißerischen Mustern verweigert, drängt sich dem Betrachter am Ende, als es tatsächlich zu einem erschütternden Ausbruch kommt, ein unbehaglicher Gedanke auf: Der traurige Schlusspunkt und der Weg dorthin könnten ohne weiteres einem ausführlichen Zeitungsbericht entnommen sein.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Léa Drucker Denis Ménochet Thomas Gioria Mathilde Auneveux Mathieu Saikaly Florence Janas Saadia Bentaïeb Sophie Pincemaille Emilie Incerti-Formentini Coralie Russier Jérome Care-Aulanier Jenny Bellay Martine Vandeville Jean-Marie Winling Martine Schambacher Jean-Claude Leguay Julien Lucas Laurence Besson Anne-Gaëlle Jourdain Alain Alivon Laurent Moreau Sylvain Pajot Lola Frichet Charlie Ballaloud Baptiste Lonjaret

Neu im kino

Godzilla Minus Zero (2026)
Godzilla Minus Zero
Science Fiction • 2026
prisma-Redaktion
Kommissar Jennerwein – Hochsaison (2026)
Kommissar Jennerwein – Hochsaison
Krimi • 2026
prisma-Redaktion
Ein Talent fürs Morden (2026)
Ein Talent fürs Morden
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Klara und die Sonne (2026)
Klara und die Sonne
Science Fiction • 2026
prisma-Redaktion
By Any Means (2026)
By Any Means
Thriller • 2026
prisma-Redaktion
Die Blutgräfin (2026)
Die Blutgräfin
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Der perfekte Urlaub (2026)
Der perfekte Urlaub
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Clayface (2026)
Clayface
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Ali G: Who Iz I? (2026)
Ali G: Who Iz I?
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte (2026)
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Street Fighter (2026)
Street Fighter
Action • 2026
prisma-Redaktion
Whalefall (2026)
Whalefall
Thriller • 2026
Sinn und Sinnlichkeit (2026)
Sinn und Sinnlichkeit
Drama • 2026
prisma-Redaktion
The Social Reckoning (2026)
The Social Reckoning
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Alte Liebe (2026)
Alte Liebe
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Lügen über meine Mutter (2026)
Lügen über meine Mutter
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Digger (2026)
Digger
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Verity – Dunkle Geheimnisse (2026)
Verity – Dunkle Geheimnisse
Mystery • 2026
prisma-Redaktion
Corpus Delicti (2026)
Corpus Delicti
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Emil und die Detektive (2026)
Emil und die Detektive
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Eiserne Wildnis – Heart of the Beast (2026)
Eiserne Wildnis – Heart of the Beast
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise (2026)
Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Adams Acht (2026)
Adams Acht
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Coyote vs. ACME (2026)
Coyote vs. ACME
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern (2026)
Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern
Liebesfilm • 2026
prisma-Redaktion
Bad Apples (2026)
Bad Apples
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Oasis: Don't Look Back in Anger (2026)
Oasis: Don't Look Back in Anger
Dokumentarfilm • 2026
prisma-Redaktion
Vaterland (2026)
Vaterland
Drama • 2026
prisma-Redaktion
That's Why the Lady Is A Champ (2025)
That's Why the Lady Is A Champ
Historie • 2025
prisma-Redaktion
Das gewisse Etwas (2026)
Das gewisse Etwas
Komödie • 2026
prisma-Redaktion