"Die Welt der Wunderlichs" ist chaotisch und laut: Mutter Mimi Wunderlich sucht nach einer zweiten Chance als Musikerin, ihre Familie macht ihr auf dem Weg dahin das Leben zur Hölle.

Im US-Indie-Kino gehören charmante Außenseiter-Komödien seit Jahren zum liebgewonnenen Trend. Werke wie "Juno" (2007) und "Little Miss Sunshine" (2009) erzählten vom Unangepassten und Unperfekten, vom Scheitern und Mutfassen. Auf die inzwischen nicht mehr außergewöhnliche Ästhetik ließ sich auch das sonst oft grobschlächtig agierende deutsche Komödienkino ein – allen voran Maren Ades "Toni Erdmann" mit Peter Simonischeck in der Titelrolle. Jener verkörpert auch in Dani Levys Versuch einer Familien-Screwball-Comedy wieder einen Vater der etwas anderen Art. Überhaupt bewegen sich in der kaputten "Welt der Wunderlichs" alle Familienmitglieder abseits der Norm – im Gegensatz zum gut gemeinten, doch trotz enormer Überzeichnungen allzu braven "Little Miss Sunshine"-Abklatsch, den ARTE nun als Erstausstrahlung zeigt.

Mimi Wunderlich, deren fahriger Charakter Katharina Schüttler wie auf den Leib geschneidert ist, sucht nach einer zweiten Chance. Die ehemals erfolgreiche Musikerin und Alleinerziehende ist am Ende: Ihr ADHS-Sohn Felix (Ernst Wilhelm Rodriguez) sperrt Lehrer ein und sorgt nur für Trubel, Mutter Liliane (Hannelore Elsner) gibt als abgehalfterter Ex-Schlagerstar nicht minder infantil die Hypochonderin. Währenddessen machen der spielsüchtige Vater (Simonischek) und die emotional kalte Schwester (Christiane Paul) Mimis Leben ebenso zur Hölle wie ihr Ex und Kindsvater Johnny (Martin Feifel), seines Zeichens Rockmusiker und Drogenwrack.

In dieser klischeereichen und an psychologischen Auffälligkeiten nicht gerade armen Konstellation schickt Levy seine Protagonisten auf eine absurde Reise. Ziel: ein Castingwettbewerb namens "Second Chance", zu dem Felix seine einst erfolgreiche Mutter heimlich anmeldete. Auf dem Weg in die Schweiz, wo die Comeback-Show entsteht, wird Mimi von ihrer hoffnungslos chaotischen Familie begleitet. Nicht nur auf den ersten Blick lässt der 2009er-Erfolg "Little Miss Sunshine" mit frappierenden Ähnlichkeiten grüßen.

Subtilitäten und Anspielungen sind Levys Sache nicht: Jedwede bizarre Charaktereigenschaft der Familienmitglieder wird ausgespielt und hoffnungslos überzeichnet. "Die Welt der Wunderlichs" entpuppt sich als ein Kosmos voller Zerrbilder von Alleinerziehenden, Alkoholikern, Drogenabhängigen, Depressiven, Narzissten, psychisch Kranken und gescheiterten Musikern. Das ehrbare Anliegen – nämlich angebliche individuelle Mängel als gesellschaftlich hervorgerufene und deshalb weit verbreitete aufzuzeigen – wird dadurch ironischerweise ad absurdum geführt: Hinter den pathologischen Kaputtheiten der Figuren verbirgt sich wenig Sympathisches, sie geraten lediglich zu (in der Tat wunderlichen) Slapstik-Wesen.

Selbst Simonischeck, der gezeigt hat, wie es besser geht, vermag seine Klasse im Holzhammer-Humor des Drehbuchs nicht auszuspielen. Selten gelingt es Levy, der ebenfalls schon bewies, dass er es besser kann, seiner im Ansatz verheißungsvollen Failed Family so etwas wie spaßige Dysfunktionalität zu verleihen. Selbst die Steilvorlage, sowohl das krankmachende Musikgeschäft als auch das ausbeuterische TV-Castingshow-Business intelligent zu persiflieren, nutzt "Die Welt der Wunderlichs" nur spärlich. Um Längen unterhaltsamer als der übliche deutsche Humor-Schmonz ist Levys Screwball-Experiment natürlich allemal – wären da nicht die geläufigen US-Vorbilder, an denen es sich die Zähne ausbeißt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst