Tsunamis kennt man von den Katastrophen in Thailand, Japan oder zuletzt Indonesien. Erdbeben oder Hebungen des Ozeanbodens sind die Ursache der Riesenwellen, die über die Meeresufer treten. Doch auch der Genfer See, mitten in Europa gelegen, hatte seinen Tsunami.

Nach einem Bergsturz am östlichen Ende trat der See einst bis hin zum 90 Kilometer entfernten Genf im Westen meterhoch über die Ufer und vernichtete Mensch und Tier. In der Chronik des Marinus von Avenches, Bischof von Tours, ist die Katastrophe von 563 beschrieben. Der Chronist benannte sie nach dem verschwundenen Ort Tauredunum. Die mit Comiczeichnungen angereicherte ARTE-Doku "Ein Tsunami auf dem Genfer See" von Laurent Graenicher und Pierre-Yves Frei (ARTE / Schweizer Fernsehen RTS) verdeutlicht, dass eine solche Katastrophe auch heute noch möglich ist.

Der Bericht des Bischofs von Tours wurde im 19. Jahrhundert entdeckt, doch Wissenschaftler forschten lange Zeit vergeblich nach Beweisen für die beschriebene Katastrophe. Sollte die Chronik am Ende doch nur eine Legende gewesen sein? In der angeblich 563 von acht Meter hohen Wellen überschwemmten Stadt Genf wurden jedenfalls keine Spuren mehr gefunden. Selbst Gräber in unteren Bodenschichten gaben keine Geheimnisse preis, obwohl tausende Menschen ums Leben gekommen sein dürften.

Im Film von Laurent Graenicher und Pierre-Yves Frei (RTS) kommen Experten aus den Gebieten Archäologie, Geologie und Meteorologie zu Wort. Vor allem Geologen wurden alsbald fündig und konnten durch Vergleiche der Gesteinsschichten von nahen Bergmassiven und deren Wänden mit den am Boden des Sees abgelagerten Sedimente nachweisen, dass es die Katastrophe am angegebenen Ort vis à vis von Montreux einst tatsächlich gegeben hat.

Allerdings wurde die Tsunamiwelle (Japanisch: "Hafenwelle") durch das Abrutschen der im See abgelagerten Sedimentgesteine, ähnlich den Erdbewegungen im Ozean, noch verstärkt und weitergetrieben. Eine Studie der Universität Genf kommt zu dem Schluss, dass sich dort, wo die Rhone in den Genfer See mündet, eine Unterwasserlawine bildete, die hunderte Millionen Kubikmeter Ablagerungen verschob. Die so ausgelöste Welle war bis zu 16 Meter hoch und erreichte die Stadt Genf in etwa 70 Minuten. Die Forscher fanden zudem heraus, dass die Welle von 563 in der Vergangenheit nicht die einzige gewesen sein dürfte. Sie geben nun die Warnung heraus, dass sich eine derartige Katastrophe jederzeit wiederholen könnte.

Die Forscher sprechen vor allem vor "Starkbauten" in Nähe des Sees, vor Kraftwerken und großen Krankenhäusern. Schließlich ist die Gefahr von Bergstürzen keineswegs kleiner geworden. Die Erosion der Berge schreitet fort, und das mehr denn je. Die idyllischen Bilder vom glitzerneden See mit den Dreitausendern im Hintergrund, die der Film dem Betrachter opulent serviert, sind so gesehen trügerisch. Dabei ist der Genfer See mit seiner Rhone-Einmündung kein Einzelfall – auch andere Alpenseen in der Schweiz und Österreich bergen erstaunliche Gefahren, auch wenn man nicht daran denken mag.


Quelle: teleschau – der Mediendienst