Trotz zahlreicher Lockrufe zog es Ennio Morricone nie nach Hollywood. Der Meister-Komponist wird am 10. November 2018 90 Jahre alt.

Er gilt nicht erst seit den späten Oscar-Weihen als größter Filmkomponist aller Zeiten: Zu den bekanntesten Werken von Ennio Morricone gehören seine Arbeiten für die italienischen Sergio-Leone-Western "Zwei glorreiche Halunken", "Für eine Handvoll Dollar" und "Spiel mir das Lied vom Tod". Am 10. November vollendet Ennio Morricone, der 2019 mit seiner "60 Years Of Music"-Tour noch einmal nach Deutschland kommt, das 90. Lebensjahr. Auch wenn er zuletzt schon etwas deutlicher mit der Rente liebäugelte: Ernsthafte Anzeichen von Altersmüdigkeit sind bei dem Mann, den alle nur Maestro nennen, kaum festzustellen. 

Eigentlich sollte 2018 schon Schluss sein – er hat es sich anders überlegt: Am 21. Januar kommt Ennio Morricone im Rahmen seiner vermeintlich letzten Europa-Tour auch noch einmal mit Orchester nach Berlin. Auf dem Programm steht dann vielleicht auch wieder "Gabriel's Oboe" aus seiner Musik für den Film "Mission" von Roland Joffé (1986). Es ist immerhin das Stück, das ihm indirekt den Ehren-Oscar bescherte. Denn erst auf Drängen von "Mission"-Hauptdarsteller Robert De Niro soll Morricone 2007 die Auszeichnung erhalten haben, die ihm zuvor fast 50 Jahre verwehrt geblieben war. 2016 folgte dann endlich Morricones erster "richtiger" Oscar für die Musik zu Quentin Tarantinos "The Hateful 8".

Und dennoch, Morricone und Hollywood – das war trotz aller Erfolge immer ein schwieriges Verhältnis. Das wohl auch, weil sich der Mann mit Hornbrille, der 1928 in Rom geboren wurde und bis heute kein Wort Englisch spricht, den Verlockungen der Traumfabrik stets entzog. "Sie boten mir sogar eine Villa an", erinnerte sich Morricone einmal in einem Interview, "damit ich nach Amerika komme und für sie komponiere. Aber ich dachte nicht im Traum daran, mich dort niederzulassen. Ich bin Römer durch und durch und liebe meine Stadt." Und dann diese Sache mit den Academy Awards: Als er 2007 seinen Ehren-Oscar von Clint Eastwood entgegennahm, hatte er Tränen in den Augen, auch bei der Auszeichnung für "The Hateful Eight" wirkte er sichtlich gerührt. Er hielt mit Blick auf die Oscars aber auch fest, dass solche Auszeichnungen für ihn "absolut nichts" veränderten.

Morricone komponierte über 500 Filmmusiken

Seine erste Filmmusik schrieb Morricone 1961 für die Kriegskomödie "Il federale – Zwei in einem Stiefel" von Luciano Salce. Seitdem komponierte er über 500 Filmmusiken, seiner Arbeitsweise ist er dabei immer treu geblieben. In einem Interview vor wenigen Jahren erklärte er: "Andere schreiben Noten mit Computern, ich benutze immer noch Papier und Bleistift, um die Partituren für jedes einzelne Instrument festzuhalten. Manchmal komponiere ich, ohne den Film vorher gesehen zu haben." Wie das geht, bleibt sein Geheimnis. Wo das geht, ist bekannt: Mit seiner Gattin Maria, mit der er seit 62 Jahren verheiratet ist, wohnt er seit jeher in Rom.

Bei vielen Interviewpartnern gilt Morricone als schwierig, weil er recht verkopft von seiner Musik spricht, sie genauso präzise erklärt, wie er sie komponiert. "Wenn sie mich als ernsthaft, fokussiert und diszipliniert beschreiben, trifft es das ganz gut. Eine Leichtigkeit ist mir als Mensch nicht immer gegeben", gestand der Maestro einmal. "Meine Musik indes muss geschmeidig klingen. Man darf ihr die schwere Arbeit nicht anhören."

Ihre Geschmeidigkeit macht seine Musik vielseitig einsetzbar: Die Heavy-Metal-Band Metallica etwa geht seit über 30 Jahren zu seinem Stück "Ecstasy Of Gold" auf die Bühne. Den Pet Shop Boys wurde sogar die Ehre zuteil, für den Track "It Couldn't Happen Here" von ihrem Album "Actually" mit ihm zusammengearbeitet zu haben. Viele Musiker bekunden, wie sehr sie vom Morricone-Sound und seinen Spaghetti-Western-Melodien beeinflusst sind.

Über den Grund, warum er immer wieder von der Popkultur vereinnahmt wird, konnte der Komponist selbst immer nur mutmaßen. Einst erklärte er dazu: "Dass diese Leute mit meiner Musik etwas anfangen können, liegt wohl an der Simplizität der von mir gewählten Akkorde und der Gefälligkeit der Stücke. Man kann sie gut auf der Gitarre reproduzieren." Viele dieser Musiker hätten ihn schon zum Essen eingeladen, aber an die Namen könne er sich nicht erinnern. Warum auch? Morricone ist sein eigener Meister.


Quelle: teleschau – der Mediendienst