Schauspielerin im Interview

Heike Makatsch: "Vielleicht regt sich etwas in den Kindern"

von Denis Demmerle

Im Interview erklärt Heike Makatsch, warum "Benjamin Blümchen" mehr ist als ein Kinderfilm und gar eine politische Botschaft hat, die auch Greta Thunberg gefallen würde.

Im Kinderfilm "Benjamin Blümchen" (Kinostart: 1. August), der ersten Realverfilmung der Abenteuer des grauen Kinderhelden, spielt Heike Makatsch eine fiese Finanzinvestorin. Eine Frau also, die für so ziemlich alles steht, das Makatsch selbst ablehnt. Die 47-Jährige, die ihre Karriere einst beim Musiksender VIVA begann und heute eine der gefragtesten Schauspielerinnen des Landes ist, ist seit Jahren auch sozial engagiert – etwa als Botschafterin der Hilfsorganisation Oxfam. Im Interview spricht Makatsch über die "Fridays for Future"-Bewegung und über Influencer und erzählt, warum sie neuerdings auch bei Instagram zu finden ist.

prisma: Frau Makatsch, können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Benjamin Blümchen erinnern?

Heike Makatsch: Als Kind ging Benjamin Blümchen tatsächlich halbwegs an mir vorbei. Ich habe andere Sachen gehört, "Hui Buh – Das Schlossgespenst" oder "Heidi", "Pinocchio" und "Biene Maja", das sind meine Kindheitscartoons.

prisma: In der Verfilmung spielen Sie die zickige Investorin Zora Zack. Waren Sie von der Rolle sofort begeistert?

Makatsch: Auf jeden Fall! Mit ihrer ganzen Doppelgesichtigkeit und ihrem fiesen Humor ist die Figur der Zora Zack für einen Schauspieler sehr reizvoll. Durch Zack erzählt das ansprechende Drehbuch, dass das Streben nach Profit, nach immer weiterem Wachstum und die Anhäufung von immer mehr Geld das Liebende und Bewährte verdrängt. In unseren Zeiten muss ein Umdenken stattfinden. Es ist wichtig, dass das schon den Kindern vermittelt wird. So schwingt in diesem Film eine politische Haltung mit – und das bei einem Film, der sich an Kleinkinder richtet. Da kommt diese glamouröse und gleichzeitig gierige Frau zum Zoo – und die Kinder erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

prisma: Der Film holt Kinder mit einem Thema ab, über das sich normalerweise die Eltern unterhalten. Hilft es Kindern, mitreden zu können?

Makatsch: Es wäre schön, wenn in die Kinder ein sozialer Gedanke gepflanzt wird. Dass nicht jeder für die Geldmaschine funktionieren muss. Benjamin Blümchen wird von Zora Zack und ihren Helfern ausgenutzt und vor einen Karren gespannt. Er wird in trendy Klamotten gepackt und soll so ein Maskottchen werden. Als er murrt, hat er ausgedient und wird weggeschafft. Vielleicht regt sich etwas in den Kindern, wenn ihr Freund Benjamin wie ein Gebrauchsgegenstand benutzt wird. Vielleicht fragen sie sich, ob wir Luxusbauten wirklich brauchen. Im Zoo hat jeder den Raum, den er braucht, um friedlich miteinander zu leben. Im Zuge der Modernisierung kommen die Tiere in kleine Käfige, Hauptsache das Geld fließt. Das macht was mit den Kindern, auch ohne dass sie dadurch eine theoretische Diskussionsgrundlage bekommen.

prisma: Wollen Ihre Kinder mit Ihnen über solche Themen reden?

Makatsch: Ich positioniere mich natürlich politisch in unserer Familie, und es ist immer wieder Thema, wie wir die Welt um uns herum sehen. "Fridays for Future", was für Kinder heutzutage Gott sei Dank eine Möglichkeit der politischen Aktion ist, da gehen unsere Kinder hin. Es ist schön zu sehen, dass Kinder in Greta Thunberg eine Identifikationsfigur finden können und somit eine Politisierung stattfindet. Greta Thunberg ist hip. Was sie macht, ist cool. Vor nicht allzu langer Zeit war jeder Mensch, der sich dazu äußerte, ein Öko oder langweilig. Nachhaltig, das klang verstaubt. Kinder fragen jetzt aktiv nach, wenn Eltern eine Flasche Wasser aus Plastik kaufen. Das ist deren Realität, die trennen Müll, sie sind häufig Vegetarier. Meine Generation kann sicherlich in vieler Hinsicht von der heranwachsenden lernen.

prisma: Junge Menschen fordern das ein und entwickeln einen Standpunkt.

Makatsch: Kinderfilme wären vertane Chancen, würden sie nicht auch solche Aspekte mitschwingen lassen. Sowohl die Geschichte mit den Neubauten als auch diese beiden Influencer-Typen im Film, Hans und Franz, die beiden Helfer von Zora Zack, die ständig um sie herumwuseln. Das sind Duckmäuser, die vorankommen wollen. Hipster, die im jugendlichen Jargon sprechen, aber tatsächlich Idioten sind. Selbst Zora Zack nimmt sie nicht wirklich ernst.

prisma: Waren Sie nicht selbst auch Influencerin, noch bevor es den Begriff überhaupt gab?

Makatsch: Das weiß ich nicht, ich habe bei Viva Musik moderiert.

prisma: Aber Sie haben Einfluss ausgeübt.

Makatsch: Nicht jeder, der Einfluss auf Leute ausübt, ist Influencer. Das kann man in und mit jeglicher Kunst-Richtung machen.

prisma: Sie sind recht frisch bei Instagram vertreten. Braucht es das heute?

Makatsch: Das ist quasi meine Website. Ich hatte nie einen großen Wunsch in mir verspürt, mich in sozialen Medien zu präsentieren. Ich fand es immer schwierig, ungefragt zur Welt zu sprechen, und bin, im Gegenteil, eher zurückgezogen. Aber nun habe ich doch Lust, mich damit selbst herauszufordern, und wollte mir erlauben, da meine Stimme zu haben. Ich bin noch ein wenig auf der Suche danach, welches Profil mein Profil haben soll. Ich versuche aber, sehr autark und autonom zu sein. Das ist noch ein zartes Pflänzchen.

prisma: Was ist Ihnen denn so wichtig, dass Sie es mit der Welt teilen wollen?

Makatsch: Meine Arbeit, aber auch Haltungen, die ich zur Welt habe. Gedanken, die sich hier oder da widerspiegeln.

prisma: Sie haben sich etwa für eine Steuer gegen Armut eingesetzt. Aktuell fordern eine Reihe Milliardäre und Millionäre höhere Steuern.

Makatsch: Ist das nicht interessant? Selbst Milliardäre erkennen die ökonomische Falschverteilung auf unserem Planeten an. Die Finanztransaktionssteuer – oder Steuer gegen Armut -, für die ich mich durch Oxfam eingesetzt habe, würde nur einen geringen Teil der Finanzströme betreffen und könnte genutzt werden, um für eine gerechtere Welt mit weniger Armut verwendet zu werden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst
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