Wie hält man die langen Nachtschichten durch, wenn dann auch noch wie so oft die Welt in Krisen- und Zankmodus steckt? Die Hauptmoderatorin des "RTL Nachtjournals" hat eine ganz eigene Routine im Umgang mit der Hektik der Nachrichtenbranche entwickelt.

"Wir sind längst aus der Pubertät raus", sagt Ilka Eßmüller, mehrfach ausgezeichnete Hauptmoderatorin des Mitternachts-Nachrichtenklassikers "RTL Nachtjournal". Inspiriert von amerikanischen Vorbildern startete der Kölner Privatsender – damals noch mit Heiner Bremer als Nachrichtengesicht – das Wagnis, auch zur Geisterstunde noch einmal ausführlich das Deutschland- und das Weltgeschehen zu beleuchten. Im Januar 1994 ging das "RTL Nachtjournal" erstmalig auf Sendung, nun feiert man in Köln das 25-jährige Bestehen – die Jubiläumsausgabe steht am Freitag, 18. Januar, 0.00 Uhr, auf dem Programm. Mit ihrem Nachtschatten-Berufsalltag hat sich Ilka Eßmüller, die seit 2008 mit an Bord ist, längst angefreundet. Auch wenn ihr immer mal wieder eine Mütze Schlaf guttun würde. Ausgeruht zu sein, hilft auch beim Kampf gegen Fake News und die "Lügenpresse"-Hetze.

prisma: Frau Eßmüller, Sie moderieren das "RTL Nachtjournal" schon seit zehn Jahren. Können Sie über aktuelle Diskussionen über das Für und Wider von Zeitumstellungen zwischen Winter- und Sommerzeit nur müde lächeln?

Ilka Eßmüller: Da ich morgens immer mit den Kindern aufstehe, bin ich tatsächlich froh, wenn es früh hell wird. Das spricht dafür, auch im Winter die Sommerzeit zu haben. Forscher sind sich aber ja einig, dass für uns Mitteleuropäer die Winterzeit insgesamt angenehmer ist, also beuge ich mich gerne. Mir persönlich macht die Umstellung, diese eine Stunde Unterschied, tatsächlich wenig aus. Insofern lächle ich oft über die engagierte Diskussion.

prisma: Wie läuft denn für Sie ein "Tag danach" – nach einem langen Nachteinsatz ab?

Ilka Eßmüller: Ich bekomme recht wenig Schlaf am Stück ab, da ich am nächsten Morgen mit den Kindern für die Schule aufstehe. Wenn es irgendwie geht, gönne ich mir dann im Laufe des Vormittags nochmal ein Stündchen Schlaf. Und wenn es ganz gut läuft, auch ein bisschen Bewegung.

prisma: Und wie halten Sie sich fit, um genau zu der Uhrzeit auf dem Punkt zu sein, wenn viele Zuschauer längst mit dem Gähnen kämpfen müssen?

Ilka Eßmüller: Mitternacht ist die Deadline, da bin ich topfit und top vorbereitet. Ich habe immer ausreichend Früchte im Büro und trinke gerne Kaffee. Zur Sendung hin werde ich tatsächlich immer wacher. Ansonsten hilft viel frische Luft!

prisma: Ungewöhnliche Arbeitszeiten kennen Sie ja gut. Was ist eigentlich anstrengender – in aller Früh aufstehen für die Arbeit an den Morgennachrichten oder die langen Redaktionsnächte zur Vorbereitung der Mitternachtssendung?

Ilka Eßmüller: Da ist die Antwort eindeutig: Nachts länger zu arbeiten, ist viel einfacher und angenehmer für mich, als mitten in der Nacht aufzustehen! Das kennt ja jeder, mal länger aufzubleiben. Ich mache das eben regelmäßiger und nicht zum Plaudern oder Feiern, sondern um zu arbeiten. Mein Tagesablauf ist anders als bei den meisten, aber nicht komplett auf den Kopf gestellt wie zu den Zeiten, als ich das Frühmagazin moderiert habe.

prisma: Als das Konzept hintergründiger Nachtnachrichten in Deutschland – nach US-Vorbild – eingeführt wurde, war die Skepsis zunächst groß. Warum eigentlich?

Ilka Eßmüller: Vielleicht lag das ja noch an den Testbildern, die ganz früher in der Nacht im Fernsehen liefen (lacht). In den USA haben die Menschen schon viel früher morgens oder auch spät abends den Fernseher angeschaltet und sich informiert. Diesen Infohunger um Mitternacht haben die TV-Verantwortlichen den Deutschen damals wohl nicht zugetraut. RTL hatte dann als erster Sender den Mut. Das neue Konzept kam schnell sehr gut an, und ich bin froh, dass wir bis heute bei vielen als Vorreiter wahrgenommen werden.

prisma: Wie schwer fällt es Ihnen, zur vorgerückten Uhrzeit den Themen des Tages noch einmal einen neuen, vertiefenden Dreh zu geben?

Ilka Eßmüller: Dieser Extra-Dreh ist ja unsere tägliche Aufgabe und Herausforderung, und das Wie ist quasi Teil unserer DNA. Wir überlegen uns so früh wie möglich, welchen Schwerpunkt wir bei einer Geschichte setzen können, welche Extra-Informationen wir liefern, wie wir ein Thema vertiefen können, sodass die Zuschauer die Knackpunkte besser verstehen oder auch mal ganz praktische Tipps bekommen. Ereignisse entwickeln sich ja auch weiter, deshalb aktualisieren wir gegebenenfalls noch in der laufenden Sendung.

prisma: Ist denn nicht eigentlich nach den "Tagesthemen" oder dem "heute-journal" schon alles gesagt?

Ilka Eßmüller: Auf keinen Fall! Jeder hat ja seinen eigenen Blick auf die Ereignisse und wir haben unsere eigene "Handschrift". Wir haben sehr gute Autoren, die die Ereignisse "sezieren", die hervorragend texten und die es oft schaffen, auch komplizierte Sachverhalte pointiert und – wo möglich – mit einem Augenzwinkern auf den Punkt zu bringen. Außerdem legen wir großen Wert auf selbst-recherchierte und selbst-gedrehte Reportagen. Wir setzten damit eigene Themen – übrigens auch in unseren wiederkehrenden Rubriken. Das kommt sehr gut bei den Zuschauern an.

prisma: Wie hektisch muss man sich die Vorbereitung Ihrer Sendungen hinter den Kulissen vorstellen? Ab einer gewissen Uhrzeit wird es doch wohl schwer sein, überhaupt noch Ansprechpartner in die Leitung oder bestenfalls sogar vor die Kamera zu kriegen?

Ilka Eßmüller: Wir werden ja 25, sind damit längst aus der Pubertät raus und haben ein sehr professionelles, routiniertes und eingespieltes Team. Unsere Tagesplanung bereitet die Themen, die uns wichtig sind, schon bestens vor. Und wenn wir nachmittags oder abends noch weitere Ideen haben oder sich Themen und Ereignisse entwickeln, sind wir so gut vernetzt, dass wir fast immer noch gute Interviewpartner finden.

prisma: Wie steht es um den besonderen Zeitdruck so spät in der Nacht?

Ilka Eßmüller: Grundsätzlich schätze ich Deadlines. Wenn sich dramatische Dinge auch zu später Uhrzeit ereignen oder so etwas Furchtbares passiert wie der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin vor zwei Jahren, erhöht sich mein Pulsschlag erst mal. Aber dann werde ich sehr ruhig und noch konzentrierter. Das hilft natürlich. Bis jetzt haben wir als "Nachtjournal"-Team immer alles rechtzeitig hinbekommen.

prisma: Der Anklang des "Nachtjournals" ist gut – aber auch eine Verpflichtung: Was muss man beim Aufbereiten der Nachrichten beachten, um auch sehr spät noch die Zuschauer zu fesseln?

Ilka Eßmüller: Wir wissen, dass die meisten unserer Zuschauer über die Nachrichtenlage zumindest im Groben informiert sind. Unser Schwerpunkt liegt daher immer darauf, einen Mehrwert zu bieten, zu pointieren und eigene Geschichten umzusetzen – manchmal auch skurrile. Wir haben Rubriken wie "Mal ehrlich", unseren Kommentar. Ich begleite zum Beispiel in unserer Reihe "Unterwegs mit" Top-Politiker wie zuletzt Annegret Kramp-Karrenbauer oder Grünen-Chef Robert Habeck. Wichtig ist uns auch, nach Möglichkeit konstruktiv zu berichten, also positive Entwicklungen aufzuzeigen!

prisma: Wie groß ist aber trotzdem ab und an die Befürchtung, Ihre Zuschauer möglicherweise mit allzu schweren Gedanken um den verdienten Nachtschlaf zu bringen?

Ilka Eßmüller: Wir haben gemerkt, dass die Zuschauer in ernsten Zeiten auch ernste Sendungen von uns erwarten. Aber wir achten auch darauf, dass wir den Tag für unsere Zuschauer und uns möglichst positiv zu beenden!

prisma: Wie wichtig ist ein bisschen nächtlicher, augenzwinkernder Humor?

Ilka Eßmüller: Ich denke, der ist sehr wichtig und macht vor allem Spaß! Das ist ja auch das Gute am "Nachtjournal". Wir haben große Freiheiten, dürfen frech und auch mal im positiven Sinne "durchgeknallt" sein.

prisma: Vor allem die digitalen News-Ticker stehen nicht still. Wer sich informieren möchte, kann das rund um die Uhr im Netz machen. Wie kann das Fernsehen da überhaupt mithalten?

Ilka Eßmüller: Die schnelle Meldung bekommt man inzwischen überall, aber Hintergründe, Einordnung, Haltung ... Dafür sind wir zuständig, das müssen und wollen wir bieten. Wir haben sehr erfahrene Reporter und Redakteure, die Informationen abwägen und Orientierung im Informations-Dschungel bieten.

prisma: In nervösen Zeiten kommt seriöser Nachrichtenberichterstattung vermutlich noch größere Bedeutung zu. Wie sehr belastet Sie eigentlich persönlich die aufgeregte Grundstimmung im Land?

Ilka Eßmüller: Die belastet mich gar nicht, sondern ist eher eine Herausforderung. Gut zu recherchieren, glaubwürdig zu sein, Argumente aufzuzeigen und dann Schlüsse daraus zu ziehen – all das ist noch wichtiger geworden in unseren aufgeregten Zeiten.

prisma: Im Angesicht von Fake News und der unsäglichen Lügenpresse-Vorwürfe wächst der Druck auf die Medien. Wie gehen Sie damit um?

Ilka Eßmüller: Wir müssen dagegen halten, indem wir uns nicht beirren lassen und unser Handwerk so seriös wie eh und je betreiben: gewissenhaft recherchieren, Informationen und Hintergründe sammeln, filtern, prüfen, abwägen und Folgen aufzeigen. Wir müssen Gesagtes und Nichtgesagtes, Geschehenes und Ungeschehenes einordnen und dabei auch mal eine klare Haltung zeigen. Und wir dürfen keinem Trend hinterherlaufen – das ist jetzt noch wichtiger als je zuvor.

prisma: Zyniker behaupten ja manchmal: Bad News are Good News. Wie kommt man als TV-Macher aus dieser Falle heraus?

Ilka Eßmüller: Nur mit positiven Meldungen füllt man leider tatsächlich keine Nachrichten-Sendung. Aber die Mischung macht's: Die Welt ist nicht nur schlecht, nicht nur gut. Das sollte man auch in einem Nachrichtenjournal spüren.

prisma: Wie bereiten Sie sich als News-Junkie auf die abendlichen Aufgaben vor, und an welchen Medien kleben Sie förmlich?

Ilka Eßmüller: Ich nutze wirklich alle Quellen, die mir zur Verfügung stehen: Telefonate, Agenturmeldungen, Internet, soziale Medien, Zeitung, Zeitschriften, ich höre auch sehr gern Radio. Auch zu Hause surfe ich regelmäßig durch diverse Nachrichten-Apps.

prisma: Trotzdem: Irgendwann muss ja auch mal Feierabend sein. Wie sieht Ihr Ritual nach erfolgreich abgeschlossener Sendung aus?

Ilka Eßmüller: Ich sage allen im Studio und in der Regie "Gute Nacht", räume meinen Schreibtisch in der Redaktion auf, schminke mich ab und fahre schnell nach Hause. Leider lege ich dann oft noch einen Schokoladen-Stopp in der Küche ein und gehe dann schlafen. Weil ich so früh aufstehen muss, kann ich den Tag leider nicht wie manche Kollegen gemütlicher ausklingen lassen.

prisma: Wie lange brauchen Sie dann auf dem Rückweg noch mit dem Herunterkommen – um das Weltgeschehen, das ja nicht immer heiter ist, hinter sich zu lassen?

Ilka Eßmüller: Das geht inzwischen sehr schnell, ich habe mich da quasi selbst erzogen. Aber eine ausgesprochen aufwühlende Nachrichtenlage lässt mich auch nicht auf Kommando los.

prisma: Und letzte Frage, Hand aufs Herz: Wie gut können Sie privat auch mal abschalten – und sogar beim Taxi nicht aufs Radio zu hören?

Ilka Eßmüller: Interessiert am Geschehen bin ich immer! Und ich habe mich auch schon oft dabei ertappt, einen Taxi-Fahrer zu bitten, die Nachrichten anzustellen oder lauter zu machen. Aber wenn ich freihabe, kann ich auch gut abschalten. Es gibt doch so viel Schönes zu tun...


Quelle: teleschau – der Mediendienst