Michael Tsokos ist ein wahrer Tausendsassa. Als wohl berühmtester Rechtsmediziner Deutschlands leitet der 51-Jährige das entsprechende Fach-Institut an der Berliner Charité. Zudem wird er regelmäßig als Experte für rechtsmedizinisch komplexe Fälle von internationaler Tragweite angefragt.

Auch als Autor von Sachbüchern und Romanen ist Tsokos erfolgreich. Nicht zuletzt brachte es der in Schleswig-Holstein aufgewachsene Sohn eines Griechen und einer Norddeutschen zu einer eigenen Familie mit fünf Kindern und einem schwarzen Gürtel in Taekwondo. Auch im Fernsehen ist Tsokos präsent. Nach der Krimireihe "Dem Tod auf der Spur – Die Fälle des Professor Tsokos" ist nun die Verfilmung seines Forensik-Thrillers "Zersetzt – Ein Fall für Dr. Abel" (Dienstag, 11. Dezember, 20.15 Uhr) in der SAT.1-Primetime zu sehen.

prisma: Wie viel haben Ihre Bücher mit der Realität zu tun?

Michael Tsokos: Alle Geschichten bauen auf realen Grundlagen auf. Sie setzen sich jedoch aus mehreren Fällen zusammen, ein wenig Fantasie kommt hinzu, und natürlich ist auch ein Zeitraffer eingebaut. Rechtsmedizin ist mitunter ein sehr langsames Geschäft, weil man sehr akribisch arbeiten muss. Im Thriller hingegen zählt das Tempo.

prisma: Rechtsmediziner sieht man seit einigen Jahren in jedem Krimi. Wie kam es dazu?

Tsokos: Krimis insgesamt liegen seit vielen Jahrzehnten im Trend, sowohl in der Literatur als auch beim Film. Irgendwann begannen die Autoren, sich detaillierter mit dem Tod zu beschäftigen. Der Leiche wurde sozusagen mehr Aufmerksamkeit zuteil. Wir Menschen beschäftigen uns heute relativ wenig mit dem Tod. Er ist ein Tabu unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Trotzdem weiß jeder, dass es ihn irgendwann treffen wird. Krimis, die sich detaillierter mit dem Sterben auseinandersetzen, sind eine Möglichkeit, dem Mysterium am Ende des Lebens zu begegnen. Das ist ein Grund, warum sich die Menschen heute für rechtsmedizinische Details interessieren.

prisma: Was unterscheidet den Konsumenten der Geschichten von Ihnen als Akteur?

Tsokos: Zunächst mal die Möglichkeit, das Buch zuzuklappen – oder den Fernseher auszuschalten. Jeder, der sich mit dem Tod in seiner Freizeit beschäftigt, kann jederzeit aussteigen. Wenn mir eine Sektion zu hart vorkommt, kann ich nicht sagen: "Passt mir jetzt nicht, ich mache morgen weiter."

prisma: Sind Rechtsmediziner und Pathologe ein und dasselbe?

Tsokos: Nein. Pathologen sitzen vor dem Mikroskop und diagnostizieren Schilddrüsen-Erkrankungen und anderes. Sie haben jedoch nichts mit Forensik zu tun, also der systematischen Untersuchung krimineller Handlungen. Sie verwenden auch keine toxikologischen oder DNA-Untersuchungsmöglichkeiten.

prisma: Wie oft schlugen Sie schon die Hände über dem Kopf zusammen, wenn im Fernsehkrimi Rechtsmediziner referierten?

Tsokos: Natürlich ist nicht alles, was man da sieht, zu 100 Prozent korrekt. Trotzdem kann ich vieles akzeptieren, weil ich es als Unterhaltung und nicht als Fortbildung schaue. Die Rechtsmediziner im Krimi bringen unser Fach nach vorne. Sie betreiben sozusagen Werbung für die Rechtsmedizin. Da halte ich es schon mal aus, dass die erfundenen Kollegen im Sektionssaal klassische Musik hören oder ein Brötchen essen. Beides halte ich in der Realität für ziemlich ausgeschlossen.

prisma: Hatte Ihr Fach denn Werbung nötig?

Tsokos: Es gab eine Zeit, vor allem in den 80ern, da standen viele Rechtsmedizinische Institute in Deutschland kurz vor der Schließung. Unter anderem, weil keiner wusste, was die da machen. Rechtsmediziner betreiben relativ wenig hochkarätige Forschung. Der überwiegende Teil unserer Arbeit ist anwendungsorientiert und geschieht im Auftrag der Justiz. Juristen interessiert, wie lange es dauert, bis jemand stirbt, der sich erhängt hat oder erdrosselt wird. Solche Fragen spielen in der medizinischen Forschung jedoch fast keine Rolle. Deshalb war die Rechtsmedizin über lange Jahre ein Nischenfach.

prisma: Wann fing es an, dass Rechtsmedizin auf einmal für viele interessant wurde?

Tsokos: Meiner Meinung nach mit der amerikanischen Serie "Autopsie – Mysteriöse Todesfälle", die ab 2001 auch bei uns im Fernsehen lief. Seit dieser Zeit kommen Leute auf mich zu und fragen interessiert nach dem, was ich tue. Menschen, die komplizierte Dinge hinter verschlossenen Türen machen, kann man gut wegrationalisieren. Insofern nutzte der Trend zum Rechtsmediziner im Krimi unserem Fach ungemein. Ich habe mir diese Sendungen 15 Jahre lang interessiert angeschaut. Irgendwann schrieb ich dann ein Buch über das Thema mit dem Titel "Sind Tote immer leichenblass?" Da geht es um die populärsten Irrtümer in Bezug auf Rechtsmedizin.

prisma: Als da wären?

Tsokos: Wie gesagt – keine klassische Musik und kein Essen im Sektionsraum. Bei uns kommen auch nicht einfach so die Angehörigen plötzlich in den Sektionssaal. Auch deshalb, weil es unzumutbar wäre, die Toten den Hinterbliebenen so zu zeigen.

prisma: Welche Formate fallen Ihnen ein, in denen die Rechtsmedizin realistisch oder auch komplett falsch dargestellt wurde?

Tsokos: "Der letzte Zeuge" mit Ulrich Mühe war ein sehr gut recherchiertes Programm. Die hatten auch einen sehr kundigen Berater. Ein Rechtsmediziner, der früher in Berlin tätig war. Ein Beispiel fürs Gegenteil wäre der Filmklassiker "Das Schweigen der Lämmer". Eigentlich ein irrer Film. Ich weiß noch, wie ich mich als Mittzwanziger im Kinosaal an den Sitz genagelt fühlte. Darin gibt es jedoch eine Sektionsszene, wo mit viel Tamtam ein Leichensack geöffnet wird. Danach geht eine Dose Minzpaste herum, die sich alle unter die Nase reiben. Diese Idee hat danach jede zweite Darstellung einer Sektion im Film übernommen. Dabei ist das kompletter Quatsch!

prisma: Weil niemand eine solche Minzpaste benutzt?

Tsokos: Genau, das ist einfach frei erfunden. Erstens können Sie den Geruch gar nicht übertünchen. Wenn es nach fauler Leiche riecht, riecht es nach fauler Leiche. Das ist ein Geruch, der alles durchdringt. Zudem brauchen Rechtsmediziner ihren Geruchssinn bei der Untersuchung. Man muss wissen: Riecht es aromatisch nach Alkohol, riecht es fruchtig wie ein entgleister Diabetes, oder ist da ein Aroma von Knoblauch, das auf Blausäure hinweist? Derlei Informationen sind wichtig.

prisma: Man muss sie aber aushalten können ...

Tsokos: Ja. Ich erinnere mich an einen Praktikanten, den ich vor vielen Jahren hatte. Die erste Sektion, zu der ich ihn mitnahm, war eine eitrige Bauchfell-Entzündung. Der ehemalige Praktikant hat mir Jahre später erzählt, dass er diesen Geruch noch immer in der Nase hat. Es war ein Schlüsselerlebnis für ihn. Die erste Leichenöffnung, verbunden mit diesem Geruch. Es hat sich richtig tief eingegraben in ihn, sagte er.

prisma: Wer kann Ihren Job also machen?

Tsokos: Menschen, die trotz dieser Eindrücke nicht vegetativ reagieren – mit Übelkeit oder Ekel. Die trotz dieser Umstände einen klaren Kopf behalten. Man muss neutral und nüchtern an die Sache herangehen, wenn man wirklich rausfinden will, woran ein Mensch gestorben ist.

prisma: Gerichtsmediziner werden im Krimi oft schrullig dargestellt. Kommt das hin?

Tsokos: Nein, das würde ich als vermeintliche Logik der Autoren auffassen. Nach dem Motto: Jemand, der sich von morgens bis abends mit Leichen beschäftigt, kann doch nicht normal sein. Dabei sind die meisten meiner Kollegen und Mitarbeiter völlig unauffällige Leute.

prisma: Ist es eigentlich verboten, im Sektionssaal zu essen?

Tsokos: Ja, natürlich. Es wird auch nicht geraucht oder Musik gehört, wie ich schon sagte. Das verbietet sich einfach ethisch. Es ist ja nach wie vor ein Mensch, der da vor einem liegt. Auch wenn der Pilot nicht mehr drin sitzt, sehen wir ja immer noch die leere Hülle. Mit Toten wird vonseiten der Rechtsmedizin sehr respektvoll umgegangen.

prisma: Viele studieren Medizin, weil sie Menschen helfen wollen. Mit welcher Idee wird man Rechtsmediziner?

Tsokos: Ich habe mich immer sehr für Archäologie interessiert. Zur Konfirmation bekam ich ein Rechtsmedizin-Lehrbuch mit dem Titel "Der Archäologe und der Tod". Das hat mich unheimlich fasziniert. Ich war schon als Kind immer bei den Moorleichen in Schloss Gottorf in Schleswig – in der Nähe bin ich aufgewachsen. Ich stamme aus einer Medizinerfamilie. Tatsächlich wollte aber auch ich Arzt werden, um Menschen zu helfen.

prisma: Was hat Sie dann – neben dem frühen Interesse für Tote – von der Rechtsmedizin überzeugt?

Tsokos: Die Vorlesung und vor allem das Praktikum in der Rechtsmedizin. Mich faszinierte diese andere Denkweise. Wir sind die einzigen Mediziner, die retrospektiv denken und arbeiten. Man beginnt mit dem Tod und versucht herauszufinden, was zuvor passiert ist. In umgekehrter Reihenfolge des tatsächlichen Ablaufs. Es ist eine besondere Art von Rätsel, die mich interessiert.

prisma: Was hat der Rechtsmediziner im Krimi "Zersetzt", gespielt von Tim Bergmann, mit Ihnen zu tun?

Tsokos: Er hat sehr viel mit mir zu tun. Vor allem, wenn es um seine Gedanken geht. Relativ wenig hat die Figur indes mit mir zu tun, wenn er Alleingänge unternimmt und sich in Gefahr begibt. Das alles ist dem Gesetz des Thrillers geschuldet. Mein Leben hingegen würde sich kaum zu einem Roman oder Film eignen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst