Das Buch: ein Mega-Bestseller, von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen gefeiert und an vielen deutschen Schulen schon Pflichtlektüre. Die Verfilmung: einer der deutschen Kinohits des Jahres 2016 mit mehr als 800.000 Zuschauern. Jetzt kommt "Tschick" ins Free-TV – allerdings auf einem ziemlich unwürdigen Sendeplatz: am Dienstagabend um kurz vor elf Uhr abends. Die jugendliche Zielgruppe dürfte, zumindest, wenn sie nicht gerade Sommerferien hat, da schon längst im Bett liegen und so einen großartigen Film verpassen. Falls sie ihn nicht schon längst bei Netflix und Co. gesehen hat.

Das eigene Leben in all seiner Großartig- und Fürchterlichkeit selbst in die Hand zu nehmen: Darum geht es in "Tschick, der Romanvorlage des 2013 verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Die große Frage bei der Verfilmung lautete: Würde es gelingen, den Protagonisten Leinwand-Gesichter zu verleihen, die nicht aus dem Fundus des wahlweise moralischen oder klamaukigen deutschen Jugendfilms stammen? Kurze Antwort: Es gelingt Regisseur Fatih Akin ("Aus dem Nichts") beeindruckend. In Tristan Göbel und Anand Batbileg fand er zwei herausragende junge Hauptdarsteller.

Die Handlung hält sich klugerweise nah an der Vorlage. Maik Klingenberg, dem Göbel eine sympathische frühpubertäre Lustlosigkeit verleiht, ist trotz reicher Familie unglücklich: Die Mutter säuft, der Vater hat eine Affäre, Freunde besitzt der langhaarige 14-Jährige kaum. Doch eines Tages kommt Tschick. Andrej Tschichatschow, gespielt vom Newcomer Batbileg, ist neu in der Klasse, stammt aus Russland und trägt Plastiktüten und Jogginghosen. Zunächst hasst Maik den Neuling – bis beide als einzige nicht auf der Geburtstagsparty von Maiks Schwarm eingeladen werden. Außenseitertum vereint. Bald steht Tschick zum Beginn der Sommerferien mit geklautem Lada vor Maiks Haus. Die Reise kann beginnen.

In der Klapperkiste begeben sich die von elterlichen und schulischen Verhältnissen entnervten Teenager auf den schönsten, kuriosesten Roadtrip seit langer Zeit. Ziellos ist dieser keineswegs. In die Walachei soll es gehen, wo Tschicks Großvater wohnt. Natürlich kommen die beiden dort niemals an. Dafür treffen sie unterwegs unter anderem auf brandenburgische Öko-Hippies und ein verlottertes Mädchen namens Isa (Nicole Mercedes Müller), das auf einer Müllkippe haust und weiß, wie man per Schlauch Sprit aus LKWs klaut.

In Sprache und Ästhetik nähert sich "Tschick" sympathisch agendalos rebellierenden Jugendlichen, ohne sich mit sozialarbeiterhafter Moral oder gut meinenden Botschaften anzubiedern. Von kitschigem Coming-of-Age samt politischen Korrektheiten und verklärender Reise-Romantik zeigt sich Akins Werk meilenweit entfernt. Als Jugendfilm besitzt "Tschick" im besten Sinne keinen erzieherischen Wert – und gelingt deshalb: Humanistisch feiert der Film, was das Menschsein trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten ausmacht. Wolfgang Herrndorf hätte es gefallen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst