Zuletzt war es eher ruhig um Renée Zellweger geworden. In der neuen Netflix-Serie "What/If" wird die Schauspielerin nun zur diabolischen Milliardärin, die mit anderen Menschen gern Spielchen spielt. Charakterliche Tiefe liefert das soapige Thriller-Drama nicht, dafür aber unterhaltsame Spannungsbögen.

Bei manchen Hollywoodstars stellt sich nach einigen Jahren die Frage: Was macht eigentlich ...? Nicht selten geht es insbesondere den weiblichen Schauspielern so, deren Fähigkeiten mit zunehmendem Alter – MeToo lässt grüßen – weniger gefragt scheinen als jene ihrer männlichen Altersgenossen. Gute Rollen für Frauen im besten Alter? Oft Fehlanzeige. Eine, die diese Erfahrung auch machen musste, ist Renée Zellweger, die Ende April ihr 50. Lebensjahr vollendete. Nach ihrem Durchbruch mit "Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück" 2001 holte die Texanerin vor 15 Jahren mit "Unterwegs nach Cold Mountain" einen Oscar – und zog sich nur sechs Jahre später komplett aus dem Filmgeschäft zurück.

2016 kehrte sie mit "Bridget Jones' Baby" zu ihren Anfängen zurück – fast so, als hätte es Academy Awards und die Reifung einer talentierten Darstellerin nie gegeben. Dass Zellweger nun erstmals die Hauptrolle in einer Serie übernimmt, wäre noch vor wenigen Jahren als konsequente Fortführung eines solchen Niedergangs gewertet worden. Heute, in Zeiten des gigantischen Serien-Hypes, scheint fast das Gegenteil der Fall: Die Netflix-Produktion "What/If", die ab 24. Mai bei dem Streamingdienst abrufbar ist, könnte auch einen Neuanfang für die ältere Renée Zellweger bedeuten.

Eindimensionale Charaktere, aber ein guter Spannungsbogen

Das einzige Problem dabei: "What/If", einem Drama um das unmoralische Angebot einer fiesen Milliardärin, gehört nicht gerade zu den aufregend komplexen Serien vom Schlage eines "House of Cards", "Bloodline" oder "Ozark", in denen Netflix Beziehungsgeflechte bis ins Detail auslotete. Vielmehr liefert die überaus spannend inszenierte Produktion sehr solide Unterhaltung – von Charaktertiefe aber kaum eine Spur. "What/If" fühlt sich an wie eine gelungene Mixtur aus Daily Soap und Beziehungsthriller. Und so verweilt auch Zellwegers Figur, die reiche Investorin Anna Montgomery, in eindimensionalen Eigenschaften: diabolisch, zwielichtig, narzisstisch – und ziemlich verführerisch.

In schicken Neo-Noir-Bildern bringt diese "Basic Instinct"-hafte Milliardärin ein junges Paar in Geldnot dazu, ein unmoralisches Angebot anzunehmen: Eine Nacht mit ihrem gutaussehenden Freund Sean (Blake Jenner), und die junge Biotech-Unternehmerin Lisa (Jane Levy) erhält von Montgomery genug Millionen, um ihr fast bankrottes Start-Up, das natürlich der Heilung schwerkranker Kinder dient, zu retten und zu einem Big Player zu machen. Interessant ist dabei nicht unbedingt die 08/15-Inzenierung einer schwierigen Entscheidung und ihrer Folgen – sondern die Wahl von Showrunner Mike Kelley, zusätzlich zahlreiche kleine Nebenstränge auszubuchstabieren: von den erotischen Abenteuern zwischen Lisas Bruder und dessen Freund bis zur verhängnisvollen Affäre einer guten Freundin mit ihrem Chef im Krankenhaus.

Die Grundfrage der zunächst auf zehn Episoden angelegten Serie: Was passiert mit normalen Menschen, die einen intakten moralischen Kompass besitzen, wenn sie sich auf unmoralische Vorschläge einlassen? Ähnlich wie bei "Designated Survivor" mit Kiefer Sutherland geht es hier mehr um den Schock der Situation und die oberflächliche Befriedigung, die man daraus zieht, (fiktive) Menschen in tollem Setting bei der Suche nach Lösungen zu beobachten. Für Renée Zellweger kann dieses entertainige Stück Netflix – übrigens mitproduziert von Robert Zemeckis – nur ein Startpunkt in ein hoffentlich reiches "Alterswerk" sein. Man weiß, dass sie mehr kann.


Quelle: teleschau – der Mediendienst