Die Fortsetzung der der ZDF-Saga "Ku'damm 56" setzt Freiheitswillen, aber auch Muffigkeit und Unterdrückung einer Epoche zwischen Rock'n'Roll und weiblicher Rechtlosigkeit opulent in Szene. ARTE wiederholt "Ku'damm 59" als sechsteilige Miniserie an zwei Abenden.

Die Westberliner Tanzschulen-Betreiberin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) und ihre Töchter Monika (Sonja Gerhardt), Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) sind gegenüber dem Ur-Dreiteiler "Ku'damm 56" drei Jahre älter geworden. In "Ku'damm 59" erzählt Drehbuchautorin Annette Hess ("Weissensee") ein Familienepos, das ein wenig "exemplarisch" und doch fesselnd Frauengeschichten aus einer rigiden, gar nicht so lang zurückliegenden Zeit erzählt. Während die rebellische Monika mit einer Karriere in der Unterhaltungsindustrie flirtet, müssen Helga und Eva mit ihren freudlosen Ehen leben. Dass Helga und ihr schwuler Mann Wolfgang (August Wittgenstein) Monikas uneheliches Kind bei sich aufgenommen haben, schürt Konflikte zwischen den Schwestern. Derweil leidet Eva unter der unglücklichen Verbindung mit dem deutlich älteren Nervenarzt Dr. Fassbender (Heino Ferch).

Und Mutter Caterina? Nachdem es ihr gelungen ist, durch ein Familienarrangement die Schande um die uneheliche Geburt ihrer Enkeltochter zu umschiffen, fördert sie die Gesangs- und Filmkarriere Monikas und ihres Hallodri-Partners Freddy (Trystan Pütter) als Managerin. Dabei bandelt Caterina mit dem österreichischen Regisseur Kurt Moser (Ulrich Noethen) an, der "künstlerisch" noch ein wenig an der Nazi-Zeit hängt, als es für ihn bedeutend besser lief. Auch Joachim Frank (Sabin Tambrea) muss sich neu orientierten. Der schriftstellerisch ambitionierte Industriellen-Erbe muss entscheiden, ob er bereit ist, die Waffenfabrik seines Vaters zu übernehmen. Dazu geht – wie man sich denken kann – die unerfüllte Liebe zwischen ihm und Monika in eine neue Runde.

Autorin Annette Hess, Jahrgang 1967, verarbeitete in ihrem Zeit- und Sittengemälde die Jugenderinnerungen der eigenen Mutter. Die "unmögliche" Monika oder eine "berechnende" Eva, die "auf dem Standesamt promovieren wollte" – es gab sie so oder so ähnlich wirklich. Wenn man überhaupt einen Kritikpunkt an Hess' erfolgreichen Mehrteiler anbringen möchte, dann ist es die Tatsache, dass hier beinahe sämtliche Konflikte jener Zeit in gut einem halben Dutzend Charaktere verdichtet wurden. Ein Kunstgriff, der "Ku'damm" zu einer sehr hohen Ereignisdichte führt und damit arg dramatisch macht, Sog und Spannung der Geschichte jedoch keinen Abbruch tut.

Besonders perfide scheint die Figur des Regisseurs Kurt Moser. Der wie immer großartige Ulrich Noethen verkörpert ihn als gefährlichen Schlawiner, der als Täter-Blaupause der heutigen Metoo-Diskussion in Erscheinung tritt. Wenn man bedenkt, dass Hess' Bücher lange vor der Debatte um Weinstein oder Wedel entstanden, ist ihr Regisseur ein durchaus visionärer Widerling, der die Verbindungen zwischen Frauenschicksalen damals und heute deutlich macht. Dass man jeden ZDF-Dreiteiler im Zeitalter der Serie auch als sechsteilige Miniserie versenden kann, zeigt ARTE mit seiner Wiederholung von "Ku'damm 59". Der Kultursender zeigt die 270 Minuten an zwei Donnerstagen. Die Teile vier bis sechs folgen am 23. Mai, ebenfalls ab 21.45 Uhr.


Quelle: teleschau – der Mediendienst