"FC Bayern – Behind the Legend"

Bayern-Doku: Nostalgie und ein paar nette Einblicke

von Julian Weinberger

Nun also auch der Rekordmeister: "FC Bayern – Behind the Legend" liefert Einblicke hinter die Kulissen und reiht sich ein in eine Vielzahl von Fußball-Dokus. Lohnt sich der Klick auf "Play"?

In den letzten Jahren hatte Borussia Dortmund in der Bundesliga nicht viel zu melden im Kampf um die Meisterschaft. Seriensieger FC Bayern München stemmte in stoischer Gleichmäßigkeit im Mai die Meisterschale in die Höhe, um in der darauffolgenden Saison erneut mit unstillbarer Gier dem erneuten Triumph nachzujagen. Bei einem jedoch war man bei den Schwarz-Gelben dem übermächtigen Konkurrenten aus dem Süden voraus: In der Doku-Serie "Inside Borussia Dortmund" gab man 2019 exklusive Einblicke hinter die Kulissen.

Nun zieht der Rekordmeister aus München nach: Ab 2. November zeigt Amazon Prime Video die sechsteilige Produktion "FC Bayern – Behind the Legend". Bislang habe man derlei Avancen von Streamingdiensten stets abgelehnt, erläuterte FCB-Mediendirektor Stefan Mennerich im Vorfeld der Serie. Doch der "Strahlkraft der eigenen Marke" wegen habe man nun den Zuschlag erteilt und erstmals die Klub- wie Kabinenpforten für externe Kamerateams geöffnet.

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Amazon verspricht vor dem Start "ungefilterte und ungeahnt menschliche Einblicke", will die Menschen "hinter dem Mythos des FC Bayern" vorstellen. Außerdem hieß es vom Streamingdienst des Versandriesen: "So haben Sie den FC Bayern noch nie gesehen." Dr. Christoph Schneider, Geschäftsführer von Prime Video Deutschland, stellte gar den "cineastischen Ansatz" heraus, der sich von einer "klassischen Sportdokumentation" unterscheide. Was aber ist dran an diesen vollmundigen Versprechungen?

Zu Beginn wirkt "FC Bayern – Behind the Legend" erst einmal wie ein sehr hochwertig produzierter Imagefilm, der so auch im vereinseigenen Museum über die Bildschirme flimmern könnte. Von dramatischer Musik untermalte Triumphe aus der erfolgreichen Vereinsgeschichte wechseln sich mit Großaufnahmen der Vereinspatronen ab. Klubvater Uli Hoeneß darf betonen, dass "zu jeder Familie auch Streit" gehöre, Nachfolger Herbert Hainer lässt hingegen den bedeutungsschwangeren Satz los: "Wo andere an Niederlagen zerbrechen, wird der FC Bayern München noch stärker."

Was folgt, ist eine mehr oder minder chronologische Aufarbeitung der jüngsten Erfolge des Klubs, begonnen beim Champions-League-Finalturnier in Lissabon 2020. Kameramann Nepomuk Fischer pirschte sich über Monate immer näher an die Mannschaft heran, verbrachte mit den Spielern den Alltag im Spielerhaus und fing dabei unterhaltsame Szenen ein. Wenn sich Leroy Sané und Co. in der Kabine über die gigantische Menge Hygieneprodukte in Jérôme Boatengs Spind amüsieren oder Thomas Müller die Kollegen in der Kältekammer mit Kalauern bespaßt, sind das nette Einblicke hinter die Kulissen.

Kahn spricht über Depressionen, Salihamidžić über den Krieg

Durchbrochen wird der Erzählstrang immer wieder von Rückblicken in die Klubhistorie und kurzen Porträts von Spielern wie Angehörigen der Führungsebene. Hier spielen Regisseur Simon Verhoeven und sein Kameramann Fischer ihr Können aus. Es sind die Momente, in denen auch hartgesottene Fußballfans Neues erfahren. Ex-Torhüter Oliver Kahn, heute Vorstandsvorsitzender, berichtet etwa erstmals über Depressionen, die ihn Ende der 90er-Jahre plagten: "Wenn man die eigene Treppe zu Hause nicht mehr hochkommt, ohne dass man oben erschöpft umfällt, dann fängt man an, sich Gedanken zu machen."

Bewegend sind auch Hasan Salihamidžićs Erinnerungen an seine Jugend während des Bosnien-Krieges. Nur zehn Kilometer sei damals die Kriegslinie vom Haus der Familie weg gewesen, schildert der 44-Jährige. Unterm Bett seien Kalschnikow und Pistole bereitgelegen. "Dann sind wir die Strecke abgefahren, wo ich meine Mama und meine Schwester hinbringen sollte, wenn es hart auf hart kommt", erläutert Salihamidžić mit Tränen in den Augen. Eines Morgens sei er dann nach Deutschland geflohen und fand über Umwege in Dortmund und Hamburg beim FC Bayern "seine Heimat".

Abseits dieser bisweilen sehr persönlichen Gespräche weiß die Amazon-Doku-Serie für all jene, die dem FC Bayern nahestehen, kaum Neues herauszukitzeln. "Wir sind keine Boulevardjournalisten", beschreibt Filmemacher Simon Verhoeven die Herangehensweise. Ihm sei es nicht darum gegangen, die Spieler "auszuhorchen". Eine gewisse kritische Distanz und ein objektiver Blick ohne die Gier nach der Sensationsmeldung sind einer Dokumentation generell zuträglich. Bei "FC Bayern – Behind the Legend" beschleicht einem letztlich aber das Gefühl, dass der Verein bei heiklen Personalkonstellationen am Ende doch nur das Nötigste vom Nötigsten preisgab.

Bei Konflikten bleibt die Doku an der Oberfläche

Das belastete Verhältnis zwischen Salihamidžić und Erfolgstrainer Flick, das letztlich zur Trennung beigetragen haben dürfte, wird ebenso nur in Andeutungen von der Kamera aufgefangen wie die umstrittenen Abschiede der langjährigen Führungsspieler David Alaba und Jérôme Boateng. "Ich finde es unglücklich und die Art und Weise geht sicherlich auch besser", übt Boateng zwar leise Kritik am Umgang mit seiner Person, tiefer in die Materie vermag die Fußball-Doku aber nicht einzusteigen.

Unterm Strich bietet "FC Bayern – Behind the Legend" von Erfolgsproduzent Quirin Berg ("Dark", "4 Blocks") eine Mischung aus Nostalgie, Selbstbeweihräucherung und einigen interessanten Einblicken hinter die Kulissen. Rekordmeisterlich mag das nicht sein, Fußballfanatiker und Bayern-Fans werden an der sechsteiligen Serie aber dennoch ihre Freude haben.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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