Jo Baier

Regisseur und Drehbuchautor: Jo Baier am Set von
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Regisseur und Drehbuchautor: Jo Baier am Set von "Liesl Karlstadt und Karl Valentin"
Fotoquelle: BR/Walter Wehner
Jo Baier
Geboren: 13.02.1949 in München, Deutschland
Sternzeichen: Wassermann

Mit der ebenso aufwändigen wie eindringlichen Verfilmung von Erwin Strittmatters epischem Roman "Der Laden", der an Edgar Reitz' "Heimat" erinnert, aber gleichermaßen sehr locker und unterhaltsam geraten ist, hat Regisseur Jo Baier einen entscheidenden Schritt in seiner Karriere getan. Wieder ist es eine große schauspielerische Leistung, die im Mittelpunkt eines seiner Filme steht, diesmal ein Mann, ein Großvater, brillant gespielt von Martin Benrath.

Bereits mit seiner "Hölleisengretl" (1994) nach der Erzählung von Oskar Maria Graf mit der wunderbaren Martina Gedeck in der Titelrolle hatte der Münchner Regisseur Aufmerksamkeit erzielt: Jahrelang lebt die schöne, stolze Frau auf ihrem Hof, doch ihr Buckel vertreibt die Männer. Und als dann endlich ein liebenswerter Mann aus Russland zurückkommt und sie heiratet, erlebt die Gretl eine böse Überraschung. Das Ganze ist ebenso Spieltalent wie präzise Regie, auch bei der Sprache, knapp im Dialekt, keine Grimassen, nur ruckartige Kopfbewegungen. Die Gretl führt den Hof nach ihrem Gutdünken, milde und streng zugleich, wie sie etwa dem alten Thomas mit seinen Schrullen begegnet, wie sie den Tagelöhner zum Knecht macht - nicht aus Nächstenliebe oder Gutmütigkeit, sondern weil sie auf den strammen Kerl scharf ist, ein rasches Aufflammen von Lust, von Leidenschaft und Gier.

Baier lässt sich immer wieder von der prallen Körperlichkeit seiner Filmfiguren anregen. Das gelang ihm bereits mit Anica Dobra in der Rolle der Bauerstochter und Dichterin Emerenz Meier in seinem zu Unrecht vergessenen Kinofilm "Wildfeuer" (1990), für den er - wie bei "Scheifweg" von 1986 - auch das Buch geschrieben hat. Jo Baier, der an der Münchner Universität Theaterwissenschaften, Germanistik und Amerikanistik studierte und 1980 zum Dr. phil. promovierte, begann schon während seiner Studienzeit mit Arbeiten fürs Fernsehen. Ob im Archiv oder am Set, als Aufnahmeleiter, Kameraassistent und Tonmann, er nahm alles an, was ihm Praxis versprach. Seit 1979 war er freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, und er drehte gemeinsam mit Hubertus Meckel eine Reihe von Dokumentarfilmen für den Sender. Mit dem Kurzspielfilm "Rauhnacht" debutierte er 1983. Für "Schiefweg" erhält er den Bayerischen Filmpreis und den Adolf-Grimme-Preis. Publikums- und Festivalpreise bringen ihm und seinem Stab auch "Wildfeuer" und "Hölleisengretl".

Auch in "Der schönste Tag im Leben" (1996) ist es wieder Martina Gedeck, die der Tragikomödie ihren Stempel aufdrückt. Allerdings bleibt dem Zuschauer bei Baiers beschwingter Regiearbeit ab und an das Lachen im Halse stecken. Großartig ist "Wambo" aus dem Jahr 2000. Baier orientierte sich bei diesem TV-Film am Leben des ur-bayerischen Originals Walter Sedlmayr und gestaltete sein Werk gekonnt wie eine Mischung aus Dokumentation (in Schwarz-Weiß) und Spielfilm. Dank der überragenden Leistung von Hauptdarsteller Jürgen Tarrach war dies eine der besten TV-Produktionen des Jahres 2000, die viele Kinofilme in den Schatten stellte.

Auf der Basis seiner eigenen Biografie und Bernd Schroeders Roman "Versunkenes Land" entführte Jo Baier in "Verlorenes Land" (2001) erneut in das ländliche Milieu vergangener Zeiten und gibt auf authentische Weise Einblick in das Leben einer bayrischen Bauernfamilie. Ein historischer Heimatfilm, der über den Zerfall einer Familie und der Dekadenz des Landlebens während der Nachkriegszeit Zeugnis ablegt und gleichzeitig anhand der Dialektik von Veränderlichem und Archaischem eine völlig zeitlose, bis in die Gegenwart reichende Thematik sensibel aufgreift. Und auch "Schwabenkinder" (2001) überzeugte. So bezeichnete man Ende des 19. Jahrhunderts arme Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol und der Schweiz, die jährlich im Frühjahr ins Schwäbische zogen, um dort als billige Arbeitskräfte an Bauern verkauft zu werden. Starke Darsteller, eine sensible Regie und stimmiges Dekor - als historische Kulisse für Ravensburg diente die Bodensee-Stadt Meersburg - sorgen hier für beste Unterhaltung, die bisweilen sehr zu Herzen geht.

Dagegen schilderte Baier in seinem herausragenden Dokumentarspiel "Stauffenberg" (2004) mit dem brillant aufspielenden Sebastian Koch in der Titelrolle spannend und eindrucksvoll, wie der Offizier aus anfänglicher Begeisterung schließlich zum überzeugten Gegner der Vernichtungspolitik Hitlers wurde. Und auch in dem Geschichtsdrama "Nicht alle waren Mörder" (2006) setzte sich Baier mit dem wohl dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auseinander. Nach den Kindheitserinnerungen des Schauspielers Michael Degen, der 1999 in seinem gleichnamigen Buch seine traumatischen Erlebnisse unter den Nazis, drehte Baier einen wichtigen Film, der die Geschichte der kleinen Leute thematisiert, die nicht alle die Augen vor den Verbrechen verschlossen und ihre Menschlichkeit unter Beweis stellten.

2012 schließlich drehte Jo Baier zum 50. Todesjahr von Hermann Hesse (1877-1962) die prächtig bebilderte und hervorragend gespielte Adaption der 1909 erschienenen Erzählung "Die Heimkehr", die erste deutsche Hesse-Verfilmung überhaupt. Weitere Filme von Jo Baier: "Raunacht" (1984), "Die Splitter der Eisbombe" (1985), "Schiefweg" (1986), "Frühstück für Feinde" (1988), "Rosse" (1989), "Die indische Ärztin" (1994), "Der Weibsteufel" (1998), "Das letzte Stück Himmel" (2007), "Liesl Karlstadt und Karl Valentin" (2008), "Henri 4", "Das Ende ist mein Anfang" (beide 2010).


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