Wenn Tradition zum Horror wird: Das Grauen ist weißgekleidet und schwedisch.
Blut statt Blumen, Gewalt statt Gewänder: "Midsommar" ist der beste Horrorfilm des Jahres.

Midsommar

KINOSTART: 26.09.2019 • Drama • S/USA (2019) • 148 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Midsommar
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
S/USA
Filmstudio
B-Reel Films, Square Peg
Budget
9.000.000 USD
Einspielergebnis
47.969.371 USD
Laufzeit
148 Minuten
Regie
Ari Aster
Music
Bobby Krlic
Kamera
Pawel Pogorzelski, Csaba Aknay, Gábor Kotschy

Filmkritik

Das ist der beste Horrorfilm des Jahres
von Maximilian Haase

Alles IKEA-lässig in Schweden? Von wegen. Im Skandi-Schocker "Midsommar" gerät die nordische Gastfreundlichkeit auf einmal zur barbarischen Grausamkeit eines heidnischen Kults. Der beste Horrorfilm des Jahres.

IKEA, Elche, Köttbullar – die Liste der Klischees über Schweden ist lang. Dass es sich bei dem skandinavischen Land jedoch um einen besonders barbarischen Ort mit menschenverachtenden Ritualen handelt, hört man eher selten. Genau diese diskursive Lücke schließt nun der Horrorfilm "Midsommar", der in den USA bereits vor Monaten für Aufsehen sorgte und schon als Oscarkandidat gehandelt wird. Die Diskussionen um den zweiten Film des erst 33-jährigen Regisseurs Ari Aster, der bereits im vergangenen Jahr mit seinem Debüt "Hereditary" begeisterte, haben natürlich ihren Grund: Was könnte Schwedenurlaubs- und Möbelhaus-verwöhnte westliche Zuschauer schließlich mehr verstören als die schier unerträgliche Verknüpfung von hübsch-romantischer Skandi-Gastfreundschaft und den brutalen Abgründen eines heidnischen Kults?

Dabei kommen die Anhänger des Letzteren zunächst als nette und naturgemäß hübsche Bewohner einer kleinen Siedlung im schwedischen Nirgendwo daher, denen Brauchtumspflege und Zusammenhalt anscheinend sehr am Herzen liegen. Besucht werden sie von den Hauptfiguren der Handlung, die sich gemeinsam aus den USA auf den weiten Weg machen. Anthropologiestudent Christian (Jack Reynor) will gemeinsam mit seinen Kumpels die Heimat des befreundeten schwedischen Gaststudenten Pelle (Vilhelm Blomgren) besuchen – auch, um für seine Abschlussarbeit über den Midsommar-Brauch zu recherchieren. Begleitet wird die Gruppe spontan von Christians Freundin Dani (Florence Pugh), die erst vor kurzer Zeit ein schweres Familienschicksal erlitten hat und fortan zur Hauptfigur des Schockers gerät.

Apropos Schock: Schockmomente existieren in "Midsommar" zwar in ausreichender Menge – auf billige Schreckeffekte ist der Film jedoch nicht ausgerichtet. Was den Zuschauer wirklich fassungslos zusehen lässt, ist der subtile Wahnsinn, das Grauen unter der Oberfläche der vorgeblich heilen Welt des naturverbundenen Clans. Denn so scheint es zunächst: Neun Tage lang wollen die Freunde an den Dorfritualen zur Sommersonnenwende teilnehmen, die nur alle 90 Jahre gefeiert wird. Begrüßt werden sie von attraktiven Schweden in weißen Gewändern, die Blumen pflücken, fröhlich tanzen – und gemeinsam mit den Besuchern Magic Mushrooms zu sich nehmen, die Dani allerdings einen ersten Horrortrip bescheren. Nur ein Vorbote auf das, was da folgen soll.

Denn mit dem entspannten Hippie-Leben zwischen Wiesen und Holzhütten ist es schon bald vorbei. Regisseur und Drehbuchautor Aster gelingt es famos, das Grauen langsam einsickern zu lassen – und zwar nicht als mysteriöse Bedrohung von außen, sondern aus der gastfreundlichen Gemeinschaft selbst kommend. Aus jedem kleinen Detail, aus jeder Runenzeichnung in den liebevoll gestalteten Häusern, aus jedem raunenden Kommentar eines Bewohners spricht schon bald jene verstörende Ahnung, dass hier etwas gehörig schiefläuft. Statt Blumen gibt es bald Blut, statt Gewändern Gewalt. Die heimelige Geborgenheit wird für Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen allmählich zur Bedrohung – was neben dem "Lady Macbeth"-erprobten tränenreichen Spiel von Florence Pugh auch der innovativen Kameraführung und Inszenierung zu verdanken ist. Aster schafft es in der Folge, religiösen Wahnsinn, erzwungene Fortpflanzungsrituale und blutige Menschenopfer zu einer stimmigen Melange zu vermischen, die selbst Horrorerprobte beklemmt.

Sei es durch den auch im Kinosessel durchweg spürbaren subtilen Druck, den die Dorfgemeinschaft – wie im echten Leben auch – bis zur Barbarei auszuüben versteht. Sei es durch die eigenartig realistisch eingesetzten Splatter-Effekte, in denen das Blut auf den weißen Gewändern besonders gut zur Geltung kommt. Oder sei es durch die Tatsache, dass aufgrund der hellen Nächte die Handlung fast ausschließlich bei Tageslicht spielt. "Midsommar" schafft, was Horrorfilmen nur selten gelingt: Wer das Grauen nach "The Ring" laufend in kleinen japanischen Mädchen entdeckte, wird nach "Midsommar" wahrscheinlich fortan vor blonden Schweden zusammenzucken. Oder kurz gesagt: Es ist der beste Horrorfilm des Jahres.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Florence Pugh Jack Reynor William Jackson Harper Will Poulter Vilhelm Blomgren Isabelle Grill Gunnel Fred Ellora Torchia Archie Madekwe Henrik Norlén Agnes Westerlund Rase Julia Ragnarsson Mats Blomgren Lars Väringer Anna Åström Hampus Hallberg Liv Mjönes Louise Peterhoff Katarina Weidhagen Björn Andrésen Tomas Engström Dag Andersson Lennart R. Svensson Anders Beckman Rebecka Johnston Tove Skeidsvoll Anders Back Anki Larsson Levente Puczkó-Smith Frans Cavallin Rosengarten Vilmos Kolba Mihály Kaszás Gabriella Fon Zsolt Bojári Klaudia Csányi Anna Berentzen Austin R. Grant Ari Aster

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