22 Jahre nach Fatih Akins "Gegen die Wand" gibt es wieder einen Berlinale-Gewinner eines deutschen Regisseurs. Mit seinem Politdrama "Gelbe Briefe" konnte İlker Çatak im Februar den Goldenen Bären bei den Filmfestspielen von Berlin entgegennehmen. Schon seine vorherige Arbeit "Das Lehrerzimmer" hatte nach ihrem Erscheinen 2023 für Furore gesorgt, unter anderem eine Oscar-Nominierung ergattert.
"Gelbe Briefe" handelt von Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), einem Ehepaar, das in der türkischen Kunstszene erfolgreich ist. Sie als Schauspielerin, er als Dramatiker. Kurz nach der Aufführung ihres neuen gemeinsamen Stücks gerät die geordnete Welt der beiden ins Wanken. Die Eheleute verlieren ihre Arbeit und müssen plötzlich um ihre gesellschaftliche Existenz fürchten. Als auch der finanzielle Druck immer weiter zunimmt, ziehen Derya und Aziz mit ihrer Tochter (Leyla Smyrna Cabas) zu seiner Mutter (İpek Bilgin). Irgendwann steht die Frage im Raum, ob sie ihren Idealen noch treu bleiben können.
Kunst darf alles, lautet ein oft bemühtes Zitat. Gerade unter autoritären Regimen gilt das aber keineswegs. "Gelbe Briefe" erzählt von staatlicher Willkür, subtilen Repressalien – und liegt damit voll am Puls der Zeit. Befinden sich doch allerorten, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump, kulturelle Institutionen und Protagonisten unter Beschuss. İlker Çatak, (in Berlin geboren, Sohn türkischer Einwanderer) verortet seinen auf Türkisch gedrehten Film zwar in der Türkei. Einblendungen ("Berlin als Ankara" und "Hamburg als Istanbul") unterstreichen allerdings unmissverständlich, dass "Gelbe Briefe" an deutschen Schauplätzen entstand. Ein bewusst gesetzter Verfremdungseffekt, der dem Geschehen etwas Allgemeingültiges verleiht.