Wie werde ich die Ketten los? Virtuos und authentisch wirkend wird die Leidenszeit eines frei geborenen Afroamerikaners in der Sklaverei rekapituliert. ProSieben zeigt das zutiefst berührende Drama, das 2014 mit drei Oscars ausgezeichnet wurde, jetzt erneut.

Wie war das um 1840, 1850 auf den Plantagen in Louisiana? Wenn ein Sklave wie Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), von den Weißen nur Platt genannt, sich handgreiflich gegen seinen Aufseher Tibeats (Paul Dano) erhebt, muss er dann nicht mit dem Tode rechnen? Im Prinzip wohl ja, aber das Drama "12 Years a Slave" (2013) zeigt, dass die Dinge wesentlich verzwickter sein konnten. Als Tibeats drauf und dran ist, Solomon zu hängen, richtet sein Vorgesetzter eine Pistole auf ihn: Stirbt der Sklave, verliert der Master viel Geld. Während die Weißen streiten, hält sich Solomon unter Aufbietung aller Kräfte auf den Zehenspitzen aufrecht, damit die Schlinge ihn nicht erdrosselt. Über viele Stunden, in glühender Hitze. 

Solomon am Strick ist für Tibeats ein Hassobjekt, für den Master, den Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch), hingegen eine Anlage. Wenn dieser Umstand auch sein Leben retten könnte, beraubt er ihn doch des Menschseins. Nicht besser ergeht es Solomons Leidensgenossin Patsey (Lupita Nyong'o) als Lustobjekt des sadistischen Plantagenbesitzers Edwin Epps (Michael Fassbender).

Dem Sujet seiner ersten beiden Spielfilme ist der afrobritische Regisseur Steve Rodney McQueen treu geblieben, und er erweiterte es. "Hunger" (2008) über einen inhaftierten IRA-Kämpfer und "Shame" (2011) über einen Sexsüchtigen drehen sich darum, inwieweit Menschen Gefangene ihres Körpers sind und inwieweit sie sich den Regeln anderer unterwerfen müssen oder ihnen widerstehen können. Die Verfilmung des authentischen autobiografischen Berichts "12 Years A Slave" von Solomon Northup gibt dem Thema geschichtliche Tiefe.

Als frei geborener Afroamerikaner und geachteter Bürger innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft lebt der Musiker und Handwerker Northup mit Frau und Kindern in Saratoga, New York, ehe ihn zwei Betrüger an Sklavenhändler verschachern. In Ketten erwacht er in einem Albtraum aus Peitschenhieben, Schuften bis zum Umfallen und unendlicher Demütigung. Aber die Begegnung mit dem kanadischen Zimmermann Samuel Bass (Brad Pitt) weckt auch Aussicht auf Rückkehr zu seiner Familie.

Zwangsläufig tauscht McQueen den scharfen eigenen Blick gegen den der Geschichtsforscher und den von Northup ein, die einzig Authentizität verbürgen können. Er verwandelt, getragen vom ausdrucksstarken Hauptdarsteller, die Erlebnisse eines Menschen aus einem fernen Jahrhundert in eine moderne, psychologisch grundierte Bildsprache. Der zeitlosen Angst vor dem Verlust des Menschseins wird sie vollauf gerecht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst