Bereits seit zehn Jahren ist Erol Sander das Gesicht der Krimireihe "Mordkommission Istanbul", doch bei ihm ist noch kein Hauch von Langeweile oder Routine zu spüren. Auch an einen Wechsel zum "Tatort" verliert der 50-jährige Star keinen Gedanken.

Sein "Format kann sich hinsichtlich des Aufbaus und der Qualität ohne Probleme mit dem 'Tatort' messen", gibt er sich selbstbewusst. Dabei hatte es "Mordkommission Istanbul" nicht leicht in den letzten Jahren. Die Produktion musste aufgrund der politischen Situation in der Türkei von Istanbul nach Izmir umziehen, und auch dort schien es nun nicht mehr sicher genug. Der neue Fall spielt in Thailand. Im Interview anlässlich der 170-minütigen XXL-Produktion "Einsatz in Thailand" (Dienstag, 25.12., 20.15 Uhr, ARD) verrät Sander, ob er beim Dreh je Angst hatte und warum "Mordkommission Istanbul" auch nach zehn Jahren noch Zuschauer vor den Fernseher lockt.

prisma: Schon zehn Jahre spielen Sie Mehmet Özakin in "Mordkommission Istanbul". Wird man mit der Zeit der Figur immer ähnlicher?

Erol Sander: In Özakin steckt immer noch ein wenig Erol, aber wir sind auch sehr unterschiedlich. Ich bin zum Beispiel weit kindischer (lacht). Das kann sich meine Rolle nicht erlauben, bei so vielen Kriminellen um ihn herum. Ich bin ein Quereinsteiger, der das Schauspielstudium erst nachgeholt hat. Anfangs habe ich eher mich selbst gespielt. Es gab nur zwei Gesichter: In den Krimis war es das taffe, in den romantischen Filmen der ehrliche, offene und geradlinige Mensch, der ich auch persönlich bin. Mit der Zeit lernt man, eine Figur zu füllen und zu formen.

prisma: In "Einsatz in Thailand" geht es um Freundschaft. Was macht für Sie einen echten Freund aus?

Sander: Man kann ihm vertrauen, und er ist auch in den schwersten Zeiten für einen da. Außerdem muss man sich nicht jeden Tag sehen: Meinen besten Freund kenn ich, seit meinem zehnten Lebensjahr. Wir haben uns schon mal drei Jahre und dann acht Jahre lang nicht gesehen. Er ist auch nicht böse, wenn ich mal nicht anrufe. Das alles beeinflusst unsere Freundschaft nicht. Aber gute Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Meine engen Kumpels kennen mich seit meiner Jugend, und sie sagen immer: "Erol, du hast dich gar nicht verändert." Das ehrt mich sehr. Aber je bekannter man wird, desto schwieriger ist es, Freunde zu finden.

prisma: Oscar Ortega Sánchez verlässt "Mordkommission Istanbul". Wie geht es ohne ihn weiter?

Sander: Das weiß ich auch noch nicht, ich bin aber sehr traurig darüber. Er ist ein hervorragender Schauspieler und war ein toller Partner an meiner Seite. Wir sind auch privat gut befreundet. Nach zehn Jahren möchte er neue Herausforderungen suchen, und das verstehe ich. Wir waren ein gutes Team mit Ecken und Kanten, das immer das Beste aus dem jeweils anderen herausgeholt hat.

prisma: Haben Sie selbst je mit dem Gedanken gespielt, die Reihe zu verlassen?

Sander: Wir haben mit der Serie "Mordkommission Istanbul" ein sehr hohes Niveau im Krimibereich erlangt. Das Format kann sich hinsichtlich des Aufbaus und der Qualität ohne Probleme mit dem "Tatort" messen. Unsere Serie wird zur Primetime ausgestrahlt, schaut auf eine zehnjährige Historie zurück und bleibt aktuell. Ich bin dankbar, ein Teil der Serie zu sein, und ich sehe keinen Grund aufzuhören.

prisma: Haben Sie "Mordkommission Istanbul – Einsatz in Thailand" schon privat gesehen?

Sander: Ich habe bisher nur einige Ausschnitte gesehen, den ganzen Krimi schaue ich mir erst bei der TV-Ausstrahlung an. Es ist mir sehr wichtig, die Atmosphäre, die am Tag herrscht, einzufangen und den Film mit den Zuschauern zu sehen. Wenn man dann die ersten Quoten liest, erkennt man, ob es die Leute interessiert und fesselt. Auch die Kommentare sind mir wichtig, denn im Gegensatz zum Theater, wo man die Reaktionen direkt bekommt, sind die Äußerungen im Netz inzwischen eine Möglichkeit für ein Feedback.

prisma: Können Sie mit negativen Kritiken umgehen?

Sander: Ich bin pragmatisch und prüfe mich immer selbst. Nach einem Dreh schaue ich mir das Produkt komplett an, und manchmal gibt es Szenen, bei denen ich denke, ich hätte besser sein können. Ich bin Perfektionist. Auch negative Kritik kann konstruktiv sein und spornt uns an.

prisma: Worin sehen Sie das Erfolgsgeheimnis von "Mordkommission Istanbul"?

Sander: Es ist ein europäischer Krimi. Ich führte neulich ein Interview mit der spanischen Zeitung "El País", und mir wurde gesagt, "Mordkommission Istanbul" erziele bessere Quoten als mancher Hollywood-Blockbuster. Istanbul hat eine 3000 Jahre alte Geschichte, es ist eine mystische Stadt. Perfekt für einen Krimi. Außerdem können sich die Leute, die schon dort waren, damit identifizieren, und andere bekommen Fernweh und wollen die Stadt entdecken.

prisma: Nun sind Sie aber dieses Mal gar nicht in der Türkei unterwegs ?

Sander: Wir haben unser Konzept einfach mitgenommen. Es war uns eine Ehre, in Thailand zu drehen, und wir zeigen einiges vom Land. Normalerweise sind in Thailand nur Hollywood-Teams unterwegs. Wir hatten einen hervorragenden Regisseur, und auch die thailändischen Schauspieler waren fantastisch.

prisma: Hatten Sie auch freie Tage und konnten das Land erkunden?

Sander: Während eines Drehs ist man hoch konzentriert, die Nächte sind kurz und die Tage lang. Wenn man schon ins Ausland darf, trägt man die Verantwortung, auch sein Bestes zu geben da ist die Freizeit eher eingeschränkt. Man hat aber dennoch auch mal die Chance, das Land und die Leute zu erkunden. Die Menschen in Thailand sind sehr freundlich und zuvorkommend.

prisma: Wünschen Sie sich eine Rückkehr der Serie in die Türkei, oder gefällt es Ihnen auf Reisen?

Sander: Wohin es geht, kann nur der Sender beantworten (lacht). Ich finde aber, dass die Reisen durchaus spannend sind. Wir waren auch in der Türkei in den entlegensten Winkeln unterwegs. Uns steht jetzt die Welt offen, das birgt natürlich eine Faszination. Je offener und farbenfroher wir sind, desto besser.

prisma: 2016 musste die Produktion von Istanbul nach Izmir umziehen und nun die Türkei verlassen. Hatten Sie in der Vergangenheit beim Dreh Angst?

Sander: Der Putsch war nur ein paar Tage nach meiner Ankunft in Izmir. In Deutschland ist man so etwas nicht gewohnt, und ich muss zugeben, ich hatte großen Respekt vor der Situation.

prisma: Sie beobachten das politische Geschehen in der Türkei eher aus beruflicher Sicht?

Sander: Wenn ich dort leben würde und ein Einkommen hätte, dann würde ich es anders betrachten. Aber ich bin Deutscher, gehe hier wählen. Wir können unsere Werte nicht einfach auf andere Länder übertragen, sondern müssen die Menschen dort respektieren und ihre Umstände mit ihren Traditionen verstehen. Ich denke mit gegenseitigen Respekt, Offenheit und Verständnis füreinander, kann grundsätzlich das Leben auf der Welt verbessert werden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst