07.08.2020 Schauspielerin im Interview

Iris Berben – eine Vita in Dekaden

von Jürgen Grosche
prisma-Autor Jürgen Grosche hat mit Iris Berben in Berlin gesprochen.
prisma-Autor Jürgen Grosche hat mit Iris Berben in Berlin gesprochen.  Fotoquelle: Jürgen Grosche

Komisches und Ernstes, Serien und Fernsehfilme – es gibt kaum eine Rolle, kaum ein Genre der Unterhaltung, das Iris Berben nicht ausgefüllt hat. Wie blickt die Schauspielerin heute auf ihr breites Leistungsspektrum? Ein Rückblick auf fünf Dekaden Filmgeschichte.

In den beiden aktuellen Filmen "Nicht tot zu kriegen" und "Mein Altweibersommer" spielen Sie Frauen, die ihr Leben reflektieren. Wie blicken Sie auf Ihr eigenes Schaffen zurück? Beginnen wir einmal mit den 60ern, eine ohnehin bewegte Zeit.

Die 60er-Jahre sind für mich in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll. Da ist zum einen sicherlich meine Politisierung und Sozialisierung durch die 68er-Bewegung. Hier kann ich Persönliches, Berufliches und Politisches nicht trennen. Auch die Filme der Zeit waren davon erfasst. "Opas Kino", wie man die Filmlandschaft nannte, war tot; zugleich begann schon damals die Zeit der Autorenfilme. Daneben gab es noch eine Gruppierung, mit der ich groß geworden bin, dazu zählen Regisseure wie Klaus Lemke oder Rudolf Thome, die französische und amerikanische Filme als Vorbilder nahmen. In dieser Zeit bin ich aufgewachsen, eine Zeit, in der man entweder Widerstand leben und Strukturen aufbrechen wollte, alles hinterfragte und etwas Neues anstrebte – oder man hat sich eingefügt und wollte einfach weitermachen wie bisher nach der Devise: Es läuft doch gerade alles so gut.

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Wie kamen Sie in dieser Zeit zum Film?

Meine ersten Filme drehte ich mit Thome ("Detektive") und Lemke ("Brandstifter"). Gleichzeitig hatte ich schon eine internationale Präsenz – in, wie man damals etwas abfällig sagte, "Spaghetti-Western". Heute sind sie Kult. Junge Regisseure orientieren sich wieder daran. Das war halt auch lustig. So fing ich an. Es war ein Werdegang, bei dem ich aber nicht dachte, dass ich dabeibleibe. Denn ich hatte keine schauspielerische Ausbildung. Ich bin einfach reingerutscht.

Hätten Sie sich Ihr Leben, wie es gelaufen ist, so vorgestellt?

Wirklich nicht, nicht einen Teil davon hätte ich mir vorgestellt. Aber vielleicht auch, weil ich nie – auch damals nicht – irgendwelche Pläne machte. Ich lebte so sehr im Jetzt, wollte alles erleben und nichts auslassen.

Woran erinnern Sie sich beim Blick auf die nächste Dekade, die 70er-Jahre?

Ein einschneidendes Erlebnis war sicherlich die Geburt meines Sohnes – beziehungsweise die Entscheidung dafür in sehr jungen Jahren. Denn ich war gerade 21 Jahre alt geworden. Erst in dem Alter war man damals volljährig und konnte allein erziehen.

Wenn Sie das Kind mit 20 bekommen hätten, dann hätten Sie große Probleme bekommen?

Jein – also, ich habe auch so schon Probleme gehabt, weil ich den Vater nie bekanntgegeben habe. Das Sorgerecht lag bei Behörden. Regelmäßig kamen Vertreter und schauten nach, ob ich alles richtig mache. Man wollte mich zudem zwingen, den Namen des Vaters bekanntzugeben. Sicherlich, das muss man fairerweise dazu sagen, auch aus Sorge, dass dem Kind womöglich ein Erbe entgeht, wenn es seine Herkunft nicht kennt. Das war mir nicht so klar. Letztlich war das aber eher ein vordergründiges Argument. Die Zeit war sehr bigott; uneheliche Kinder waren verpönt. Ich vertrat dagegen die Einstellung: Das ist meine eigene Entscheidung. Sie hat mit Vorgängen zu tun, die nur ich überblicken kann. Deshalb will ich das alleine regeln, und deshalb wird der Name des Vaters nicht genannt.

Wie verlief denn Ihre filmische Laufbahn in diesen Jahren?

Da fällt mir natürlich zuerst der Sechsteiler "Zwei himmlische Töchter" ein. Das war Neuland. Der Regisseur Michael Pfleghar brachte damit aus Amerika eine neue Comedy-Gattung ins deutsche Fernsehen. Das gab es in dieser Form bislang nicht; die Himmlischen Töchter waren damals gewagt. Eine wunderbare Ingrid Steeger, an deren Seite ich spielen durfte, hat da etwas Neues besetzt, mit so viel Sex-Appeal, aber auch mit so viel Naivität und Lust und Freude, ohne dass es je irgendwie peinlich oder unangenehm wurde, wie ich finde. Umso mehr tut es mir leid, dass die Serie nicht fortgesetzt wurde. In den 70ern entstanden aber auch die Filme "Zwei Companeros", "Supergirl – Das Mädchen von den Sternen" und andere Werke.

Sehen Sie darin eine Art Weiterentwicklung? Andererseits haben Sie sich ja nicht einseitig entwickelt von Comedy hin zu Unterhaltung und schließlich zu rein ernsthaften Rollen. Es ging ja immer ineinander über. Sie mischen die Genres auch.

Ich mische das gerne, denn ich es nie gemocht, dass man Genres so trennt, dass man, wenn man in einem spielt, das andere nicht mehr machen durfte.

Das ist ja eine große Herausforderung. Viele schaffen es nicht, aus dem Comedy-Bereich in ein anderes Segment zu wechseln.

Genau. Es gab damals auch Stimmen von seriösen Regisseuren, die sagten: Danke, bei uns nicht mehr. Da wurden die Genres wirklich getrennt. Deshalb habe ich nach "Sketchup" in den 80ern damit rigoros aufgehört. Ich hätte in so vielen Komödien und Comedy-Formaten mitspielen können. Aber ich habe lieber versucht, einen neuen Weg zu finden. Was schwierig war, denn ich hatte ja nichts, worauf ich mich berufen konnte, etwa eine Ausbildung.

Zunächst sind Sie in den 80ern mit der Show-Serie "Sketchup" der Comedy treu geblieben, haben dabei aber in Diether Krebs einen Mentor gefunden.

In der Tat: Diether Krebs war für mich ein fantastischer Lehrer. Diether hat mir so viel geholfen und dabei so viel ermöglicht, mir so viel Mut gemacht. Zweimal wollte ich Sketchup beenden. Ich dachte: Ich kann das gar nicht; lasst mich raus aus dem Vertrag. Aber im Nachhinein bin ich so glücklich, dass ich dabeigeblieben bin. Denn diese Serie war meine Schauspielschule. Es war eine Herausforderung, in diesen kurzen szenischen Miniaturen mit großer Disziplin auf den Punkt zu kommen, etwas zu erzählen.

Diether Krebs war also die "Schauspielschule", aber in den 80ern erfolgte zugleich ein weiterer Schritt in ernsthafte Rollen.

Ich habe mein Repertoire ganz stark durch den Einfluss zweier Regisseure erweitert: Oliver Storz und Franz Peter Wirth. Beide Filmemacher standen für das deutsche Fernsehspiel in seiner ganzen Seriosität. Sie haben mir da wirklich einen neuen Weg eröffnet.

Dann kamen die 90er – gesellschaftlich und politisch eine komplett andere Zeit, die Zeit der Wiedervereinigung und der Globalisierung.

Absolut. Die Wiedervereinigung hat mir den tollen, einmaligen Regisseur Frank Beyer mit seinem Wendefilm "Das große Fest" geschenkt. In der Zeit habe ich auch den Film "Cosimas Lexikon" gemacht – mit Peter Kahane, der ebenfalls aus der ehemaligen DDR kam. Und mehrfach habe ich Filme mit Peter Patzak in Österreich gedreht. Patzak trug das Etikett "enfant terrible", weil er jemand war, der einfach seine Träume, seine Visionen lebte. Der auslotete, was das Medium Film erzählen kann. Er hat mich immer wieder eingebunden. Das waren eigentlich immer Produktionen, für die es kaum Geld gab, die aber in kürzester Zeit auf die Beine gestellt werden sollten. Ich bekam dann einen Anruf, in dem es hieß: 'Iris, wir ziehen wieder in den Krieg.' Dabei habe ich – wie ich es gerne nenne – das Komplizen-Arbeiten kennengelernt.

Was meinen Sie damit?

Es war der Inhalt, der interessiert hat. Wir mussten nicht auf tausend Dinge Rücksicht nehmen. Aber wir haben auch 16 Stunden gedreht, wenn es sein musste, einfach weil wir es wollten. Wir wuchsen zusammen – eben zu Komplizen. Das beschreibt im besten Sinne, was man für die Arbeit am Film braucht. Film ist und bleibt Teamarbeit.

Ende der 90er-Jahre startete auch die "Rosa Roth"-Serie. Was bedeutet sie Ihnen?

Das war wirklich Neuland. Denn bis auf zwei weibliche Kommissarinnen beim Tatort gab es damals kaum eine Frau, die solche Rollen besetzte. Und natürlich Hannelore Elsner in der ARD-Serie "Die Kommissarin". Wir verbanden mit "Rosa Roth" das gesellschaftliche Ziel einer Erneuerung: zu zeigen, dass Frauen in solchen Lebensrollen erfolgreich sein können. Ich war damals in einem Alter, in dem ich dies glaubwürdig spielen konnte. Interessanterweise lag "Rosa Roth" erst mal anderthalb Jahre auf Eis, weil man sich beim ZDF zunächst nicht traute, das zu senden. Man fürchtete, eine weibliche Kommissarin falle beim Publikum durch. Doch der erste Film der Serie wurde extrem gut angenommen mit einer hohen Quote von 7,5 Millionen Zuschauern. Sicher auch, weil wir die Befindlichkeit eines Deutschlands in den 90ern zeigen wollten in einem Berlin, das sich nach der Wende neu erfand. Wir wollten die Geschichten erzählen, die auf der Straße lagen, weniger diese "Wer war der Täter"-Krimis.

Es folgte die Zeit der Jahrtausendwende, die den Nimbus des Aufbruchs in etwas Neues hatte. Auch bei Ihnen?

Ja. In die Nuller Jahre fielen – neben "Rosa Roth", das 20 Jahre lang lief – die Arbeiten, die ich mit dem Regisseur Matti Geschonnek gemacht habe, zum Beispiel "Wer liebt, hat Recht" oder "Silberhochzeit". Damit führte er mich weiter auf dem Weg der Seriosität und brachte mich nochmal auf eine ganz andere Ebene. Zugleich staunte ich immer wieder, was er aus den Schauspielern holt, was er in seiner Ruhe in ihnen sieht. Er zählt auf jeden Fall zu den Menschen, die mich sehr geprägt haben.

Und Sie gefördert haben...

Das stimmt. Dazu gehört neben Geschonneck eben auch Carlo Rola, der Regisseur von "Rosa Roth". Es ist wunderbar, was wir da gemacht, wie wir das erzählt haben und auch neu erzählen wollten. Darüber hinaus durfte ich in diesen Jahren eine Dokumentation über Israel drehen. Ich weiß natürlich sehr genau, dass ich das meiner, ja, Popularität zu verdanken habe. Deshalb bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass man mit Popularität eine Menge erreichen kann, nicht nur, dass man in einem Restaurant den besten Tisch kriegt.

Welche Highlights sind Ihnen aus den vergangenen zehn Jahren in Erinnerung?

2008 habe ich einen meiner – wie ich finde – wichtigsten Filme gedreht, der allerdings an der Kinokasse überhaupt nicht wahrgenommen wurde: "Es kommt der Tag". Susanne Schneider hat den Film produziert. Es ist die Geschichte der Beziehung einer Mutter zu ihrer Tochter, die in den 68ern alleingelassen wurde. Damit verbindet sich die Aufarbeitung eines Teils deutscher Geschichte.

War das für Sie persönlich auch nochmals ein Anknüpfen an Ihre eigene Geschichte?

Ja, natürlich. Es war eine besondere Zeit. Der Film zeigt, dass man in der Jetztzeit die Vergangenheit immer anders beurteilt. Das wollte diese Frau ihrer Tochter verdeutlichen und erklären, dass die 68er-Phase eine völlig andere Zeit war. Menschen wie ich, die sie selbst miterlebt haben, erfahren das ähnlich. Oft haben wir tiefe Diskussionen darüber geführt, wie man diese Zeit einordnen kann. Heute kommt man allerdings meist nur reflexartig auf den Terror und nicht auf den Grund, wie und warum sich Deutschland damals verändert hat.

Das kann man vielleicht nur einordnen, wenn man die Zeit selbst erlebt hat.

Zumindest bot mir der Film eine Möglichkeit zu sehen, welche Gespräche man führen kann und wie – und überhaupt, wie man politisch diskutieren kann. Nebenbei bemerkt: Dass Susanne Schneider mich als Hauptdarstellerin ausgewählt hat, erstaunt mich noch immer. Ich weiß, das sich sehr viele dafür beworben haben. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vor lauter Angst nicht zum Casting gegangen.

Welche Arbeiten sind Ihnen aus dieser Zeit noch wichtig?

Da gab es noch einige, zum Beispiel der Film "Krupp - Eine deutsche Familie" unter der Regie von Carlo Rola. Dafür habe ich eine Emmy-Nominierung bekommen. Gerade in den vergangenen zehn Jahren, aber auch davor, haben sich Träume erfüllt, die ich gar nicht geträumt hatte. Eine Emmy-Nominierung zu bekommen, anspruchsvolle Rollen spielen zu dürfen – manchmal ist die Wirklichkeit schöner als ein Traum.

Und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Es kommt noch so viel. Es kommt noch "Das Unwort" mit dem Regisseur Leo Khasin, dann "Altes Land" von Sherry Hormann, zwei so tolle Filme.

Das heißt: Sie gehen mit der gleichen Energie voran, wie wir sie bei diesem Rückblick erlebt haben?

Ja. Absolut.

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