Nachdem Schauspielerin Mersiha Husagic 25 Jahre in Hamburg lebte, zog sie des Berufes wegen nach München. Ab Januar 2019 stößt sie zum Ermittlerteam von "SOKO München".

Mit roter Baskenmütze und dazu passendem Lippenstift sitzt Mersiha Husagic in einem Café. Ihre braunen Augen leuchten, als sie im Interview von ihrem Dasein als Schauspielerin und den täglichen Herausforderungen ihres Berufes erzählt. Das Gespräch macht auch klar: Die 29-Jährige ist eine Kämpferin. Ihren Traum von der Schauspielerei hat sie sich selbst erarbeitet. Mit drei Jahren floh sie gemeinsam mit ihren Eltern aus Bosnien, lebte auf einem, wie sie es nennt, "Asylantenschiff" in Hamburg und ging später zum Kampfsport, um sich im "Getto" zu behaupten. Jetzt übernimmt Mersiha Husagic ihre erste große Hauptrolle: Ab 21. Januar (18 Uhr) ist sie im ZDF-Dauerbrenner "SOKO München" als Ermittlerin zu sehen. Was ihr an ihrer neuen Aufgabe imponiert, welchem glücklichen Zufall sie ihre Beziehung zu Schauspieler Niklas Löffler zu verdanken hat und weshalb sie Badezimmerfliesen an ihre Heimat Bosnien erinnern, verrät sie im Interview.

prisma: Sie sind vor Kurzem von Hamburg nach München umgezogen. Haben Sie sich schon eingewöhnt?

Mersiha Husagic: Dadurch, dass ich so viel arbeite, noch nicht so richtig. Trotzdem kenne ich die Stadt und ihre netten Ecken und Cafés schon ganz gut. Aber ein bisschen mehr Zeit braucht es auf jeden Fall noch. Es ist einfach ganz anders als in Hamburg, auf jeden Fall eine gemütlichere Stadt.

prisma: Ihr Freund Niklas Löffler, auch Schauspieler, ist mit Ihnen umgezogen. Wie ist es, jemanden zu haben, der so nah am eigenen Beruf dran ist?

Husagic: Sehr schön und praktisch, weil man darüber reden kann. Man braucht nicht viele Worte, um sich zu verstehen. Wir kennen beide die Leiden und Schönheiten des Berufs. So bekommt man viel Verständnis auf mehreren Ebenen.

prisma: Sind Sie wechselseitig Ihre größten Kritiker?

Husagic: Definitiv, aber das ist manchmal auch nicht so einfach. Ich merke, dass ich oft Respekt habe, meinem Freund eine neue Rolle zu präsentieren, weil mir seine Meinung wichtig ist. Dennoch finde ich es bedeutend, sich auf einer professionellen Ebene gegenseitig zu kritisieren.

prisma: Sie standen in diesem Jahr für das Schweizer Liebesdrama "Mario" sogar gemeinsam vor der Kamera ...

Husagic: Den Film haben wir beide noch nicht gesehen, weil wir nicht zur Premiere fahren konnten. Aber wir sind schon sehr gespannt darauf, weil das der erste Kuss von uns auf der Leinwand ist. Und auch der erste Kuss überhaupt, den wir hatten.

prisma: Die Beziehung hat sich also aus dem Filmprojekt ergeben?

Husagic: Richtig, aus der Rolle wurde das reale Leben. Es war ein glücklicher Zufall, dass wir beide diese Rolle bekommen haben. Ich hatte im Casting zunächst ganz andere Partner. Beim Dreh habe ich dann Niklas erst kennengelernt. Da hat es direkt gefunkt.

prisma: Jetzt übernehmen Sie Ihre erste große Hauptrolle in "SOKO München", einem sehr traditionsreichen Krimiformat. Spüren Sie das am Set?

Husagic: Wir haben einige Kollegen, die schon viele Jahre dabei sind, zum Beispiel meine Lieblingsmaskenfrau, mit der ich morgens immer über Gott und die Welt rede. Man spürt auf jeden Fall viel von der Tradition, und das ist schön, weil auch viel von den alten Folgen und alten Zeiten erzählt wird. Es ist total interessant, was sich da getan hat.

prisma: Es heißt, am "SOKO"-Set ginge es sehr familiär zu. Können das Ihre bisherigen Erfahrungen bestätigen?

Husagic: Das empfinde ich genauso. Wenn ich am Set bin, dann könnte ich jeden nach Hilfe fragen und mich würde keiner hängen lassen. Ich war sogar schon beim Polterabend und der Hochzeit eines Teamkollegen.

prisma: Viele der Kollegen sind schon sehr lange dabei. Wünschen Sie sich, dass auch für Sie "SOKO München" ein Langzeitprojekt wird?

Husagic: Ich bin sehr spontan und entscheide oft aus dem Gefühl heraus. Ich liebe das, was ich jetzt tue, und ich liebe meinen Beruf. Aber ich weiß nicht, ob ich mein Leben lang Schauspielerin sein werde oder die nächsten 20 Jahre bei der "SOKO" bin.

prisma: Sie spielen die Kommissarin Theresa Schwaiger. Was zeichnet die Rolle aus?

Husagic: Das Interessante und Verlockende an der Rolle ist, dass sie zwei Seiten hat. Sie kann sehr liebevoll und freundlich sein, aber auch richtig hart und eiskalt. Diese zwei Extreme und damit zu spielen, finde ich sehr spannend. Außerdem findet Theresa den Menschen an sich so faszinierend und will das Motiv eines Mörders herausfinden. Diese psychoanalytische Facette meiner Figur interessiert mich auch selbst.

prisma: Sie standen einst in einer "Tatort"-Folge mit den Urgesteinen Axel Prahl und Jan Josef Liefers vor der Kamera. Haben Sie sich von ihnen Tipps eingeholt oder Kniffe abschauen können?

Husagic: Bei den beiden ging es immer sehr humorvoll zu, auch am Set. Diese Lockerheit hat mir imponiert und dass sie daraus eine schauspielerische Kraft entwickeln. Ich fand auch spannend zu beobachten, dass es manchmal hilft, sich nicht so steif auf seinen Text und seine Rolle zu konzentrieren, sondern ganz im Moment zu sein und Spaß an der Sache zu haben.

prisma: Sie sind als Kind mit Ihren Eltern aus Bosnien-Herzegowina geflohen. Darüber haben Sie einen Dokumentarfilm produziert. War es Ihnen ein Bedürfnis, das aufzuarbeiten?

Husagic: Definitiv, aber ich habe es in dem Moment gar nicht als so wichtig wahrgenommen, sondern habe es einfach gemacht. Ich hatte diese Idee und wollte es am nächsten Tag sofort umsetzen. Ohne wirklich einen Plan zu haben, habe ich mit meiner Mutter Interviews geführt und sie im Alltag begleitet. Damals habe ich gemerkt, wie viel es mir gibt, hinter der Kamera zu stehen. Dass ich kreativ sein darf, dass ich Entscheidungen treffen darf und dass ich einen Blick auf etwas bekomme, wo ich sonst eher mittendrin bin.

prisma: Wie standen Ihre Eltern dieser Idee gegenüber?

Husagic: Mein Papa war skeptisch, er ist sehr kamerascheu. Meine Mutter hingegen war sofort offen und bereit, alles zu machen, was ich ihr gesagt habe. Sie hat das erste Mal mit mir über gewisse Sachen gesprochen, und das hat bei ihr auch einen Stein ins Rollen gebracht. Im Endeffekt waren meine Eltern aber beide sehr froh, das zu sehen, und es war fast wie eine Katharsis für sie.

prisma: Wie präsent sind Ihre Geschichte und Ihre Wurzeln heute noch?

Husagic: Eigentlich jeden Tag, auch wenn ich jetzt lange Zeit nicht mehr in meiner Heimat in Bosnien war. Aber das wird sich wieder ändern, denn meine Eltern haben gerade eine Wohnung in Sarajevo gekauft. Trotzdem begleitet es mich oft, weil es immer wieder Momente gibt, die mich an etwas Bestimmtes erinnern.

prisma: Zum Beispiel?

Husagic: Wir haben Konzertvideos angeschaut, und da bin ich auf den Song "Miss Sarajevo" von U2 gestoßen, der damals im Krieg lief. U2 hat im besetzten Sarajevo sogar ein Konzert gegeben. Manchmal sind es aber auch Badezimmerfliesen.

prisma: Das müssen Sie näher erläutern.

Husagic: Wenn Bombenangriffe kamen, war der erste Fluchtraum ein Badezimmer oder der Keller. Deswegen sind diese weißen Fliesen so hängen geblieben. Somit sind es manchmal ganz einfache Dinge, die einen daran erinnern. Es ist aber nicht so, dass ich sage: "Oh Gott, ich bin traumatisiert", und es ist immer noch alles ganz schlimm. Das sind einfach Erinnerungen, die mir wichtig sind und die nie aufhören werden, ein Teil von mir zu sein.

prisma: Wie empfinden Sie mit Ihrer Geschichte die aktuelle politische Situation, etwa den Aufstieg der AfD?

Husagic: Ganz furchtbar. Es fühlt sich wie eine Rückentwicklung an. Ich hatte das Gefühl, hier angekommen zu sein, auch im Zusammenleben mit den Menschen. Jetzt fühle ich mich vermehrt wieder als Ausländerin, auch wegen meines Namens. Bei Anrufen zur Wohnungsbesichtigung will ich manchmal gar nicht meinen richtigen Namen sagen. Das sollte so nicht sein. Ich stehe da auch mit all meinen Mitteln entgegen, gegen die AfD und rechtspopulistische Parteien.

prisma: Sie haben einst in einem Interview gesagt, Filme zu machen wäre für Sie eine Art von Völkerverständigung.

Husagic: Manchmal ist Politik schwer zu verstehen oder langweilt uns. Ich finde, der Film ist eine Art Kommunikation für uns. Ob auf eine unterhaltende oder künstlerische Art und Weise, aber er kann jeden erreichen. Im Medium Film kann man so viel verpacken, weiterbringen und erzählen und viel damit auslösen.

prisma: Fühlen Sie sich als Person der Öffentlichkeit und mit Ihrer Geschichte in der Verantwortung, ein Statement zu setzen?

Husagic: Auf jeden Fall! Das Schöne an diesem Beruf ist, dass man seine Meinung äußern darf, man Gehör bekommt und so ein Vorbild werden kann. Wenn man so eine Vorbildfunktion hat, ist das auf jeden Fall eine Verantwortung, die man zum Positiven nutzen sollte.


Quelle: teleschau – der Mediendienst