In Nanni Morettis Familiendrama muss eine Filmregisseurin während Dreharbeiten mit dem Sterben ihrer Mutter klarkommen. ARTE zeigt den Film nun als Free-TV-Premiere.

Wenn der italienische Regisseur Nanni Moretti eine Frau wäre, dann wäre er Margherita, die Hauptfigur seines neuen Films. Seine hektische, teilweise neurotische Aufgeregtheit, die man aus seinen Auftritten als Schauspieler kennt, sieht man an ihr wieder. Ihr legt er Redewendungen in den Mund, die er als Regisseur verwendet, und er lässt sie wie sich selbst eine einschneidende Erfahrung machen: Wie es sich anfühlt, wenn die eigene Mutter im Sterben liegt, während man selbst in einem Filmprojekt steckt und hektisch daran weiterarbeitet. "Mia Madre" ist ein autobiografisch inspiriertes Drama, das den Tod und das universelle Unbehagen damit feinfühlig thematisiert. ARTE zeigt das Werk nun als deutsche Erstausstrahlung.

Das Leben der römischen Filmregisseurin Margherita (eindrucksvoll: Margherita Buy) steht Kopf. Ihren Lebensgefährten hat sie gerade verlassen und die pubertierende Tochter Livia (Beatrice Mancini) macht Probleme. Dazu gibt es noch die schwerkranke Mutter, die im Krankenhaus ihre Zuwendung benötigt. Doch Margherita muss zu den Dreharbeiten ihres zäh laufenden Spielfilms, den sie gerade dreht. Während sie sich fast zerreißt, kümmert sich ihr Bruder Giovanni (Nanni Moretti) vorbildlich um die alte Dame (Giulia Lazzarini) und bringt ihr selbstgekochtes Essen. Das schlechte Gewissen plagt Margherita, gleichzeitig kann sie nicht heraus aus ihrer Haut. Das hält ihr auch der sanfte Bruder vor, der sie auffordert aus einem ihrer zweihundert Verhaltensmuster doch endlich einmal auszubrechen.

Es kommt immer schlimmer. Die Gestresste ist völlig überfordert, als sie erfährt, dass die Mutter sterben wird und rast zwischen Krankenhaus und Drehort hin und her. Die neue Situation zwingt sie, sich mit den Menschen in ihrem Umfeld und damit auch mit sich selbst und ihren Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. Diese Veränderungen entwickelt Nanni Moretti ganz langsam. Für Margheritas Gefühlschaos findet er schöne, anfangs für den Zuschauer etwas unverständliche Traumbilder, die seiner Protagonistin dabei helfen, sich über die Prioritäten im Leben klar zu werden.

Atmosphärisch arbeitet der Regisseur auf zwei Ebenen. Da gibt es die bedrückende Umgebung des Krankenhauses und die geschäftige am Set. Das Thema des Films im Film ist ein politisches. Es geht um den Streik einer Belegschaft in einer Druckerei, die um ihren Arbeitsplatz kämpft. Als erfahrene Regisseurin für realistische Filme weiß Margherita genau, was sie will. Doch einer macht ihr einen Strich durch die Rechnung: Der aus Hollywood eingekaufte Schauspieler Barry (John Turturro) erweist sich als eine Niete, denn er vergisst immer wieder den Text. Das führt zu Verzögerungen und kostet Zeit, und davon hat Margherita gerade nicht sehr viel. Barry hat mit seiner arroganten Tollpatschigkeit die Lacher im Film auf seiner Seite und dient als ein willkommener Gegenpol. Das passt perfekt in Morettis Konzept, der sagt, dass man das Leben so nehmen müsse, wie es ist: leicht und schwer zugleich.

Auch wenn sich das etwas nach Küchenphilosophie anhört, gelingt es Moretti, daraus einen wunderbar bewegenden Film zu schaffen. Er erzählt davon, dass es ein Morgen gibt und wie wichtig es ist, sich um andere zu kümmern. Das schließt auch Menschen ein, die man am liebsten mit dem nächsten Flieger wieder über den Atlantik schicken würde. Aber nach einem Wutausbruch von Margherita zeigt auch Barry eine durchaus charmante Seite bei einem von John Turturro urkomisch improvisierten Tänzchen. Mit "Mia Madre" zeigt Moretti seine Stärken als Regisseur von persönlichen Geschichten, die einen stärkeren Eindruck hinterlassen als die politisch motivierten – sehenswert!


Quelle: teleschau – der Mediendienst