Aktuelle oder ehemalige Liebschaften zwischen Ermittlern sind im deutschen Krimi keine Seltenheit. Meist beschränken sie sich jedoch auf Turteleien am Arbeitsplatz oder deftiges Angezicke zwischen zwei Ex-Partnern. Flirten und streiten, das tun zwar auch die beiden Hauptfiguren des neuen ZDF-Experiments "Herr und Frau Bulle" – mit dem bereits im Titel angedeuteten Unterschied, dass die beiden ermittelnden Polizisten im Privatleben glücklich miteinander verheiratet sind.

Ehepartner, die gemeinsam Mordfälle lösen: Mit dieser reizvollen Konstellation will das Zweite sowohl die üblichen Krimijünger als auch Freunde der klassischen Liebeskomödie erreichen. Denn das als Reihe angedachte Berliner Krimiformat weiß mit gekonntem Witz zu unterhalten. Kriminalistischer Realismus und Charaktertiefe bleiben dafür auf der Strecke.

Was sich liebt, das neckt sich. "Herr und Frau Bulle" beweisen sich das gegenseitig regelmäßig. Das mit Johann von Bülow und Alice Dwyer herausragend besetzte Ehepaar Heiko und Yvonne Wills wohnt und lebt nicht nur, sondern arbeitet bald auch zusammen. Er ist einer der besten Fallanalytiker beim LKA, sie eine begnadete Kommissarin auf den Straßen der Hauptstadt. Als die beiden privat als Paar in einem verruchten Tanzclub unterwegs sind, wird just dort im Flügel des Klavierspielers eine tote Prostituierte gefunden. Kriminalistisch fragwürdig werden die beiden Ehepartner und Zeugen gemeinsam auf den Fall angesetzt.

Die Entscheidung von ganz oben sorgt bei Ehemann und -frau für Zoff. Er: "Wenn du mich nicht dabei haben willst, dann sag es doch." Darauf sie: "Ich will dich nicht dabei haben." Während für Yvonne Arbeit und Privates nicht zusammengehören, ist Heiko glücklich darüber, seine Frau bald öfter sehen zu können. Die anfängliche Grundstimmung des Formats ist abgesteckt: Er, so Yvonne, wühle am besten "im Seelenülle anderer", aber: "Gerade sind wir auf der Straße. Das ist meine Welt." Frau – Mann, Kommissarin – Analytiker: Die klischeebehafteten Gegensätze spielt der Krimi mit Witz aus.

Bald schon überschlagen sich die Ereignisse der etwas hanebüchenen Story: Im düsteren Gebiet um die Potsdamer Straße, wo die Tote gefunden wurde, tobt ein brutaler Bandenkrieg. Bald schon wird um die Ecke ein Junkie ermordet an einem Seil am Bülowbogen (sic!) aufgefunden. Bülow alias Heiko tippt in seiner Brillanz sogleich auf einen Serienmörder. Doch es ist zu spät: Yvonnes Chef Pede (Stephan Bissmeier) zieht die beiden mit dürftiger Begründung von dem Fall ab. Logische Konsequenz: Gemeinsam mit ihren Assistenzen und Mitarbeitern richten sich die Wills kurzerhand ihr eigenes Polizeiquartier im eigenen Haus ein – und ermitteln heimlich weiter.

"Herr und Frau Bulle" erweist sich in der ersten Folge "Mord im Kiez" als ermittlungstechnisch nicht gerade realistisch. Auch die Charaktere wirken nicht nur schablonenhaft, sondern bisweilen auch absichtlich schief besetzt: Da gibt Ex-"Tatort"-Kommissar Bernd Michael Lade, verunstaltet in der Maske, den halb-kahlen, halb-langhaarigen Prototyp-Schurken, der Dinge sagt wie: "Ich hau doch keine Nutten tot". Klischeesätze wie "Familie muss zusammenhalten" gibt auch Florian Lukas als unglaubwürdiger Vize-Präsident eines zwielichtigen Rockerclubs von sich, dessen Vorsitz – natürlich – Heinz Hoenig alias "Onkel Mike" inne hat.

Und doch: Charme gewinnt das Krimi-Format durch seinen ausgeprägten Hang zum Humor. Sei es mit lokalem Berliner Kolorit, wenn der Hausmeister sagt: "Hier wird ja alles verkooft. In fünf Jahren sieht's hier aus wie am Prenzlauer Berg. Da sind mir die ganzen Nutten und Junkies lieber als die Schwaben mit Kinderwagen." Seien es trockene Nicht-Gags wie der des dänischen Investors Vidar Tuxen (Carsten Bjørnlund), der plötzlich auftaucht und sagt: "Bevor Sie den Witz machen: Wie ich heißt auch ein schwedisches Regal. Was besonders peinlich ist, weil ich Däne bin."

Oder einfach der Umstand, dass der heimische Hund des Ehepaares Wills nach dem Massenmörder Albert Fish benannt ist und es liebend gern mit quietschenden Kuscheltieren treibt. Man ist geneigt zu sagen: Das hat dem deutschen Krimi noch gefehlt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst