Der Komiker Otto Waalkes brachte den Deutschen in den 70-ern eine neue Art von Humor bei. Am Sonntag, 22. Juli, wird er 70 Jahre alt.

Das schönste Kompliment kommt vom ehemaligen Mitbewohner. Marius Müller-Westernhagen, der mit Otto in den frühen 70ern der legendären Hamburger Künstler-WG "Villa Kunterbunt" angehörte, vertritt die Meinung: "Otto ist immer bei sich geblieben und hat sich im positiven Sinne nie verändert. Er behielt seine Werte, das sieht man selten in diesem Geschäft." Weil jener Otto – Komiker, Multikünstler und lange Jahre Großverdiener der deutschen Unterhaltungsbranche – nicht so gern Fragen über Privates beantwortet, veröffentlichte er zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag eine Autobiografie – um zu viel unangenehmer Neugier vorzubeugen. In "Kleinhirn an alle: Die große Ottobiografie – Nach einer wahren Geschichte" erweist sich Waalkes als tiefgründiger Kenner internationaler Humorgeschichte. Das ZDF ehrt ihn mit dem Geburtstags-Special "Geheimakte Otto Waalkes" (Sonntag, 22. Juli, 22.00 Uhr). Dabei verblüfft es noch immer, dass ausgerechnet ein schüchterner Ostfriese im vernunftsorientierten Deutschland absurden Blödsinn zum Massenartikel machte.

Die ersten Anzeichen für Bühnentauglichkeit – und Geschäftssinn – zeigten sich mit viereinhalb Jahren. Damals, so erinnert sich der sieben Jahre ältere Emdener Mitbürger Karl Dall in einem ZDF-Interview, habe Otto bereits lesen können und sich ein erstes Taschengeld verdient, indem er verblüfften Nachbarn aus der Zeitung vortrug. Dennoch war eine Bühnenkarriere nicht gerade vorgezeichnet. Waalkes, am 22. Juli 1948 als jüngerer von zwei Brüdern und Sohn eines Malermeisters geboren, wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren strenggläubige Mitglieder einer Baptisten-Freikirche. Zahlreiche Witze über Gott und seine Vertreter auf Erden dürften auf diese Erfahrung zurückgehen.

Der junge Otto Waalkes spielte ambitioniert Gitarre, wollte jedoch Malerei studieren. Weil man ihn an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg nicht haben wollte, schrieb er sich für Kunstpädagogik ein und zog als Alleinunterhalter durch die Clubs. Das berühmte Onkel Pö, in dem auch Udo Lindenberg – ebenfalls ein WG-Genosse und Freund bis heute – regelmäßig auftrat, wurde zu einer Art künstlerischem Wohnzimmer. "Weil ich höflich und ein bisschen schüchtern war", erinnert sich Otto, "entschuldigte ich mich bei den Leuten, wenn mal was schiefging. Irgendwann merkte ich, dass diese Entschuldigungen besser ankamen als die Musik selbst. Ich glaube, diese Erkenntnis war der Beginn meiner Karriere als Komiker."

Durchbruch mit erster TV-Show 1973

Wann Ottos für damalige Verhältnisse ziemlich absurder Humor, der auf Wortspielen, Dada-Assoziationen und infantilem Blödsinn beruhte, den Durchbruch vom Underground in den Mainstream schaffte, ist eindeutig festzumachen. 1973 erreichte Otto mit seiner ersten Fernsehshow 15 Prozent Einschaltquote und holte seine erste Nummer-eins-Platzierung in den deutschen Albumcharts. Titel des Albums wie auch der Show: "Otto". Tatsächlich, so schreibt der Jubilar in seiner Autobiografie, habe er sich nie verstellen müssen. Er selbst sei sozusagen sein Programm, sein Job gewesen. Deshalb könne man sein bisheriges Leben auch nicht als allzu anstrengend bezeichnen.

Trotzdem lernt jeder, der Otto einmal persönlich im intimen Kreis getroffen hat, einen eher zurückhaltenden, ja fast schüchtern distanzierten Norddeutschen kennen. Einen, der in Teilen seiner Persönlichkeit immer noch selbstunsicher wirkt. Dabei ist Waalkes, der zweimal mit blonden Schönheiten verheiratet war und sich heute als Single bezeichnet, immer ein Suchender geblieben. Nicht selten zupft er während eines Zwiegesprächs auf der Gitarre, die er täglich mindestens eine Stunde spielt und die ihn auch ein wenig vor zu viel Augenkontakt und persönlichen Fragen schützt.

Die Bühnen-Persona Otto hat hingegen – wie so oft bei Komikern alten Schlags – nicht viel mit dem privaten Psychogramm zu tun. Vor Publikum kalauerte und sang sich Otto durch sein Programm, das er in den 70ern auf den größten deutschen Bühnen vortrug. Damals konnte jeder Schüler, der etwas auf die eigene Coolness hielt, ganze Otto-LPs auswendig. Wenn ein Special mit dem bekanntesten Ostfriesen Deutschlands im Fernsehen lief, war dies ein Feiertag des Humors und ein Straßenfeger dazu. "Otto ist der erste deutsche Comedy-Superstar", sagt Jürgen von der Lippe im ZDF Special nüchtern, aber treffend. Komiker Michael 'Bully' Herbig bekennt an gleicher Stelle, dass er und seine – nicht gerade kleine Humor-Crew – sich bis heute immer noch mit dem berühmten Otto-Jodler statt einem "Hallo" begrüße.

Deutschland wird zum Comedyland 

In den 80ern verlegte Waalkes seinen Erfolg dann ins Kino. Beginnend mit "Otto – der Film" (1985) entwickelten sich viele seiner Produktionen für die große Leinwand zu Publikumsmagneten. Seine erste Märchen-Parodie "7 Zwerge – Männer allein im Wald" erreichte 2004 fast sieben Millionen Kinozuschauer, während spätere TV-Produktionen zum Beispiel für RTL ("Otto – Die Serie", 1995) nicht mehr an die großen Erfolge der 70er anknüpfen konnten. Deutschland hatte sich mittlerweile zum Comedyland entwickelt. Viele neue, junge Komiker waren nachgewachsen. Viele von ihnen, auch ambitionierte Kräfte wie Martina Hill ("Knallerfrauen"), berufen sich auf Otto als prägendes Humor-Vorbild.

Auch den Lach-Mainstream prägte der "Blödelbarde" entscheidend, wie eine ZDF-Show, die 2007 die größten Komiker der Deutschen suchte, bewies. Otto belegte darin hinter Loriot und Heinz Erhardt Platz drei. Dabei fühlte sich der Ostfriese nie besonders deutsch. "Ich habe in Sachen Humor immer stark nach Westen, in Richtung Amerika geschaut und war großer Fan der frühen Stand-up-Programme von Woody Allen. Ich hatte einen amerikanischen Freund, der nahm mich oft mit nach drüben und zeigte mir Sachen. So entdeckte ich früh Leute wie Cheech und Chong, die ich ziemlich genial fand."

Im Deutschland der 70er, so Otto, war Stand-up völlig unbekannt. "Als ich selbst mit solchen Auftritten anfing, galt ich als merkwürdiges Alien. Mir mochte ja auch keine Plattenfirma einen Vertrag geben, als ich meine Shows auf Tonträger veröffentlichen wollte. Es war so schlimm, dass ich ein eigenes Label gründen musste, um die Sachen herauszubringen. Das war in Nachhinein natürlich eine sehr gute Idee."

Ans Aufhören denkt Otto, ein zierlicher und sehr wach wirkender "junger" Mann von nunmehr 70 Jahren, mit Sicherheit nicht. Neben seiner – von Qualitätsmedien als anspruchsvolle Humor-Analyse gelobten – Autobiografie zeigt das Frankfurter "Caricatura"-Museum gerade zahlreiche Werke Ottos, die Gemälde von Künstlern wie Roy Liechtenstein, Jeff Koons, Edvard Munch oder Caspar David Friedrich auf die Schippe nehmen. In all diese Bilder hat sich Waalkes selbst mit seinem berühmten Ottifanten hineingemalt. Die "Süddeutsche Zeitung" lobt die "technisch verblüffend virtuose Art" der Parodien.

Auftritt beim Heavy-Metal-Festival Wacken

Anfang August tritt Otto zudem mit Band beim berühmten Heavy-Metal-Festival im norddeutschen Wacken auf. Man kann nicht sagen, dieser Mann traue sich nichts mehr und verharre in seiner eigenen Geschichte. Gemäß dieses Eindrucks bezeichnet sich Otto heute als "Freigeist", der "eigentlich macht, was er will".

Zwei Ehen mit blonden Schönheiten hat der äußerlich eher unscheinbare Komiker mit dünnem Fusselhaar hinter sich. Von 1987 bis 1999 war er mit Manuela "Manou" Ebelt verheiratet. Das Paar hat einen 1987 geborenen Sohn. Von 2000 bis 2012 gab es eine zweite, wohl eher "offen" geführte Ehe mit der 25 Jahre jüngeren Schauspielerin Eva Hassmann. Über seine Ex-Frauen verliert Otto in seiner Autobiografie übrigens kein schlechtes Wort. "Dass ich mit zwei so schönen Frauen wie Manou und Eva zusammen sein durfte, war ein Glück für mich. Allein dafür hat es sich doch gelohnt, berühmt zu werden", schreibt er. Neben seinen Talenten als Comedian, Musiker und Maler besitzt der Komik-Veteran offenbar noch ein weiteres Talent. Jener Mann, der den Deutschen in den 70ern einen neuen Humor beibrachte, ist sogar ein begabter Realist.

TV-Sendungen zum Geburtstag von Otto Waalkes:

"Ice Age" (Sonntag, 22. Juli, 16.45 Uhr, kabel eins)

"Otto – Der Film" (Sonntag, 22. Juli, 18.25 Uhr, kabel eins)

"Otto – der neue Film" (Sonntag, 22. Juli, 20.15 Uhr, kabel eins)

"Otto – Der Außerfriesische" (Sonntag, 22. Juli, 22 Uhr, kabel eins)

"Geheimakte Otto Waalkes" (Sonntag, 22. Juli, 22.00 Uhr, ZDF)

"7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug" (Montag, 23. Juli, 20.15 Uhr, kabel eins)

"Otto – Die Doku" (Montag, 23. Juli, 22.25 Uhr, kabel eins)


Quelle: teleschau – der Mediendienst