Gillian Flynn hatte genug. Genug von all den "draufgängerischen Heldinnen, mutigen Vergewaltigungsopfern und sinnsuchenden Fashionistas", die ihr in Büchern, Filmen und Serien begegneten. "Mich frustriert die Annahme, dass Frauen von Natur aus gut und fürsorglich sind", erklärte die ehemalige Fernsehkritikerin einst im britischen "Guardian". Sei es nicht an der Zeit, die hässliche Seite anzuerkennen? Das ist genau das, was Gillian Flynn mittlerweile in ihren Büchern tut. Allen voran in ihrem Durchbruchsroman "Gone Girl", 2012 verfilmt von David Fincher, in dem eine berechnende Ehefrau ihren eigenen Tod vortäuscht, um ihn ihrem Ehemann in die Schuhe zu schieben. Doch schon in ihrem Debüt "Sharp Objects" stellte die Amerikanerin geneigten Thrillerlesern Frauen vor, die kaputter kaum sein könnten. Hollywood-Regisseur Jean-Marc Vallée, der im vergangenen Jahr mit "Big Little Lies" ein fantastisches Seriendebüt gab, hat Flynns Erstling nun für HBO verfilmt. Sky zeigt die achtteilige Miniserie ab 9. Juli 2018 parallel zur US-Ausstrahlung über seine On-Demand-Portale.

Etwas stimmt nicht mit Camille Preaker (Amy Adams), das ist schon nach den ersten Minuten klar. Und dieses etwas liegt in ihrer Vergangenheit. Hier, in Wind Gap, ihrer Heimatstadt in Missouri, in die ihr Chefredakteur sie geschickt hat. Als Tochter der Stadt soll sie einen ganz privaten Dreh finden, um über das Verschwinden zweier Teenie-Mädchen zu schreiben. Dabei hatte es Camille stets tunlichst vermieden, hierher zurückzukehren – in das herrschaftliche Haus, in dem sie aufgewachsen ist, in die Obhut ihrer Mutter, mit der sie "nur spricht, wenn es sich nicht vermeiden lässt".

Warum sie sich mit Schnaps und Tabletten stärken muss, bevor sie ihr Elternhaus betritt, ist dem Zuschauer zunächst nicht klar. Die Begrüßung zwischen Camille und Adora (Patricia Clarkson) fällt zwar ein wenig steif aus, aber keineswegs feindselig. Erst als die scharfsinnige Journalistin am nächsten Tag von ihrer Vorort-Recherche nach Hause kommt, erhält man eine Ahnung, wie es gewesen sein muss, hier aufzuwachsen: "Blamier mich nicht. Nicht schon wieder!", schreit die wütende Mutter, kaum das Camille zur Tür hereingekommen ist. Sie muss sich rechtfertigen, dass sie, eine erwachsene Frau, die Nacht auswärts verbracht hat, und dafür, dass sie den Angehörigen der Verschwundenen "schreckliche, morbide Fragen" gestellt habe. Das falle am Ende alles auf sie, Adora, zurück. Warum kann Camille nicht wie ihre Teenie-Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) sein? Ein Püppchen in tadellosen Kleidchen, mit Schleife im Haar und großem Interesse an den Dingen, für die sich ein junges Mädchen nach Adoras Vorstellungen zu interessieren hat.

Immer wieder wird Camille in ihre Kindheit zurückversetzt. Wie furchtbar diese Flashbacks für sie sind, weiß Oscar-Daueranwärterin Amy Adams eindringlich zu spielen und Jean-Marc Vallée ebenso eindrucksvoll zu bebildern. Die Erinnerungen schleichen sich buchstäblich an sie heran und jagen ihr ein ums andere Mal gehörige Schrecken ein. Wie schon in "Big Little Lies" verrät der Regisseur immer nur ein kleines bisschen mehr, zeigt scheinbar zusammenhangslose Schnipsel aus der Vergangenheit, die sich langsam zu einem großen Bild zusammenfügen. Seine Art der Inszenierung passt perfekt zum Erzählstil von Gillian Flynn, die mit Showrunnerin Marti Noxon ("Buffy – Im Bann der Dämonen") gemeinsam das Drehbuch verfasste und auch produziert. Ganz langsam enthüllt sie in ihren Romanen, was wirklich geschah, und hält so wie nun die Miniserie den Spannungsbogen konstant aufrecht.

Für spannenden Nachschub von Gillian Flynn ist übrigens schon gesorgt – zwar nicht von "Sharp Objects", dessen Handlung mit den acht Folgen auserzählt ist. Doch mit "Widows" bringen die Bestsellerautorin und Regisseur Steve McQueen ("12 Years a Slave") im November einen neuen Thriller in die Kinos. Was für dunkle Seiten wohl die Frauen haben werden, die Viola Davis, Michelle Rodriguez, Cynthia Erivo und Elizabeth Debicki spielen?


Quelle: teleschau – der Mediendienst