Nach dem Tod von Bassist Paul Gray war lange unklar, ob es für Slipknot noch eine Zukunft geben würde. Im Interview zum neuen Album spricht Sänger Corey Taylor über diese schwere Zeit – und über seine eigenen Dämonen.

Vor fünf Jahren veröffentlichte die US-amerikanische Metal-Band Slipknot ihr letztes Werk ".5: The Gray Chapter". Das Album war stark vom Tod ihres Bassisten Paul Gray beeinflusst, der 2010 nach einer Überdosis Morphium und Fentanyl gestorben war. So orientierungslos die für ihre Masken bekannte Band nach dem Tod ihres Gründungsmitglieds war, so sehr wuchs sie durch das Album und die dazugehörige Tour wieder zusammen. Ihrem neuen und mittlerweile sechsten Album "We Are Not Your Kind" hört man das an: Die 14 Song sind geprägt von einer beeindruckenden Wucht und zeugen von neu gewonnener Kreativität. Dazu schreit Sänger Corey Taylor sich mit dem neuen Liedgut von seinen Depressionen frei. Im Interview verrät der 45-Jährige, der auch als Sänger der Band Stone Sour bekannt ist, warum er gerade die schwerste Zeit seines Lebens hinter sich hat und welche Geschichte hinter seiner neuen Maske steckt.

prisma: Ein Instrumental-Intro, Interludes und Songs, die länger als sechs Minuten dauern – haben Sie das neue Album bewusst als Gesamtkunstwerk angelegt?

Corey Taylor: Absolut. Bei unserem letzten Album versuchten wir herauszufinden, ob wir weitermachen wollen. Dieses Mal sagen wir: Wir lieben es! Was können wir als nächstes tun? Vor allem Jim und Clown (Gitarrist James Root und Perkussionist Shawn Crahan, Anm. d. Red.) sind musikalisch gerade in Höchstform, ihre Kreativität kennt keine Grenzen. Wenn sie mir neue Demos geben, bin ich jedes Mal super aufgeregt, weil ich keine Ahnung habe, was ich bekomme. Und ich glaube, es ist uns gelungen, unsere Experimentierfreude und die schweren Sounds zu verbinden.

prisma: Warum stand infrage, dass Sie weitermachen?

Taylor: Wenn du einen deiner Hauptsongwriter verlierst und dann noch die Trennung von einer Person dazukommt, die lange in der Band war (Schlagzeuger Joey Jordison verließ die Band 2013, d. Red.) - das war für uns damals eine sehr schwere Entscheidung ... Irgendwann kommst du an den Punkt, an dem du denkst: Kann man noch so weitermachen, dass es sich wie Slipknot anfühlt? Und will man es ohne diese Leute machen? ".5: The Gray Chapter" war der Test. Es war die Platte, bei der wir trauerten und mit der wir herauszufinden versuchten, was die Zukunft für uns bereithält.

prisma: Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Ihnen klar wurde, dass die Geschichte von Slipknot noch nicht zu Ende ist?

Taylor: Die erste Show, die wir zu unserem letzten Album spielten. Das war beim Knotfest in San Bernadino. Wir guckten einander an, mit neuer Musik und neuen Mitgliedern, und wir wussten: Es funktioniert. Es ist nicht mehr das Gleiche, aber das ist okay. Die Leute denken immer, nur weil etwas nicht mehr wie früher ist, ist es nicht richtig. Aber das stimmt nicht. Da ist eine Wärme, eine Ehrfurcht, auch bei den neuen Leuten in der Band. Wir teilen den Spirit, um den es bei Slipknot geht und immer ging, nämlich den von kompletter Freiheit und Hingabe. Als wir erst einmal erkannt hatten, dass wir alle auf diesem Vibe waren, konnte uns nichts mehr aufhalten.

prisma: Ihr neues Album "We Are Not Your Kind" beschreiben Sie als das düsterste Kapitel in der Geschichte Slipknots. Warum?

Taylor: Nun ja, musikalisch ist nicht zu überhören, warum: Die Platte ist wild und brutal. Und textlich handelt sie von einer der schwersten Zeiten in meinem Leben. Ich habe massive Veränderungen vorgenommen, die nötig waren für mein Überleben, mein Selbstwertgefühl und mein Glück. Dieses Album erzählt, wie ich meine Depressionen bekämpfte. Es geht um das Gefühl von Missbrauch und darum, zu erkennen, dass viel davon passierte, weil ich es zuließ. Das heißt nicht, dass ich das, was ich durchlebte, verdient hatte – aber wenn ich früher auf meine Instinkte gehört hätte, hätte ich viel von diesem furchtbaren Mist nicht erleben müssen. Es geht darum, damit Frieden zu schließen. Bevor man irgendjemand anderem vergeben kann, muss man sich selbst vergeben.

prisma: Wie ist Ihnen das gelungen?

Taylor: Ich fand wieder zu mir, aber das war nicht leicht. Es hat zwei Jahre gedauert, und ich arbeite immer noch daran, um ehrlich zu sein. Ich machte eine Therapie, habe viel geschrieben, Zeit mit Freunden und meiner Familie verbracht. Wissen Sie, wenn man plötzlich aus einer strangulierenden Situation befreit wird, kommt man leicht vom Weg ab. Ich stürzte mich kopfüber ins Leben – ohne zu erkennen, dass da immer noch eine Menge andere Dinge waren, mit denen ich zu kämpfen hatte. Ich versuchte mich abzulenken von dem Unvermeidlichen.

prisma: Spielen Sie auf die Trennung von Ihrer Ex-Frau Stephanie Luby vor zwei Jahren an?

Taylor: Ja. Ich kann und werde nicht über sie reden, denn ganz ehrlich, diese Dinge passieren eben. Ich wünsche ihr nur das Beste. Es sollte einfach nicht sein. Es ist schwer, vor allem, weil wir ein Kind zusammen haben. Aber ich habe mir vorgenommen, der beste Vater zu sein, der ich sein kann. Das gab mir neuen Fokus.

prisma: "I'll never kill myself to save my soul", singen Sie in dem Song "Unsainted". Depressionen und auch das Thema Suizid sorgten in der Musikszene in den vergangenen Jahren zunehmend für Schlagzeilen ...

Taylor: Ich habe das Gefühl, das kommt und geht. Immer, wenn wir besondere Leute verlieren, lenkt es den Fokus wieder darauf, dass einige von uns nicht so stark sind, wie wir manchmal vorgeben. Aber damit die Leute das verstehen und sich mit einem identifizieren können, muss man die Hüllen fallen lassen. Zugeben, dass wir nicht immer alle stark sein können. Manchmal haben wir mit dunklen Dingen zu kämpfen. Da ist einfach dieses Loch ... Als würde man am Strand versuchen, sich aus dem Sand zu buddeln, aber jedes Mal wenn man denkt, dass man es fast geschafft hat, fällt der Sand wieder auf einen herunter.

prisma: Sie setzen sich seit einigen Jahren für die "You Rock"-Stiftung ein, die Menschen mit Depressionen durch Musik helfen möchte. Was ist Ihr Ansatz bei dieser Arbeit?

Taylor: Als das mit Chester Bennington und Chris Cornell passierte, wachten viele auf und dachten "Fuck!". Das Ding ist: Es sind die Überlebenden, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Freunde und die Familie, die man zurücklässt. Ich versuche deshalb, so offen, wie es nur geht, mit meinen Problemen umzugehen. Denn wenn ich nur einer Person helfen kann, zu erkennen, dass das nichts Schlechtes ist, sondern etwas, das zum Leben dazugehört – wenn ich eine Person davon überzeugen kann, mit jemandem zu reden und sich helfen zu lassen, dann war mein Schmerz nicht umsonst.

prisma: Die Geschichte hinter dem Album soll auch Ihre neue, von einigen Fans zunächst kritisierte Maske verdeutlichen. Sie soll ein Symbol für Wiedergeburt sein. Erklären Sie uns das?

Taylor: Es geht darum, aus der Asche aufzuerstehen. Nachdem man sich verbrannt hat, werden das Fleisch und der Geist wieder zum Leben erweckt.

prisma: Tatsächlich veröffentlichte ein Fan im Netz einen langen Beitrag, weil er nach Verbrennungen im Gesicht lange eine Maske tragen musste, die Ihrer sehr ähnlich war. Haben Sie davon gehört?

Taylor: Diese Geschichte machte mich demütig, und ich bin froh, dass sie etwas erklärt, das ich beschreiben wollte. Ich hatte darüber vorher nie wirklich nachgedacht, aber ich kannte diese Masken. Vielleicht wirkte sich das unterbewusst aus.

prisma: Angefertigt wurde Ihre Maske von dem amerikanischen Schauspieler, Make-up- und Spezialeffektkünstler Tom Savini, bekannt durch seine Rollen in "From Dusk Till Dawn" und "Django Unchained". Welche Anweisungen gaben Sie ihm?

Taylor: Ich sagte ihm nur, dass ich eine Maske will, die aussieht, als sei sie in einem Keller gemacht worden. Heimlich. Aus einem Grund: um etwas auszudrücken. Sie wurde mit den Händen gefertigt, nicht mit Maschinen. Und mit intensiven Gefühlen. Das Tolle bei der Maske ist: Was darunter liegt, kann sich komplett ändern. Ich glaube, dass es die intellektuellste Maske ist, die ich je hatte. Vielleicht verstehen einige Leute sie deshalb nicht. Aber das ist mir scheißegal. Ich finde es viel spannender, den Status Quo in Frage zu stellen, statt zu versuchen, die Leute zufriedenzustellen. Sobald man sich darüber Gedanken macht, ist die Kreativität tot.


Quelle: teleschau – der Mediendienst