Superheldengeschichten hatten es bei Netflix zuletzt nicht leicht. Nach "Marvel's Iron Fist" und "Marvel's Luke Cage" wurde auch "Daredevil" nach der dritten Staffel abgesetzt. Unberührt vom Superheldensterben startet mit der Mystery-Serie "The Protector" nun das erste türkische Netflix-Original.

Damit setzt der Streaminggigant nach der polnischen Produktion "1983" seine zunehmende Expansion mit Produktionen in Europa fort. Im Zentrum der Geschichte, die auf einem Fantasyroman des türkischen Autors N. Ipek Göhdel basiert, steht der junge Hakan (Cagatay Ulusoy). Dessen Leben ändert sich komplett, als er von seinem Schicksal erfährt. Als letzter Protector muss er seine Heimatstadt Istanbul vor mysteriösen Unsterblichen bewahren. Doch die Zeit drängt, denn mächtige Feinde sind ihm auf den Fersen. Netflix hat alle zehn Folgen der Superhelden-Serie ab 14. Dezember im Programm.

Anfangs präsentiert "The Protector" seine Hauptfigur Hakan als optimistischen Lebemann mit großen Träumen. Doch sein Mitbewohner Memo (Cankat Aydos) verzockt eine große Menge Geld. Statt Besitzer eines eigenen Ladens zu werden, fliegen die beiden Freunde aus ihrer Wohnung. Als eine mysteriöse Weste in ihre Hände gerät, wittern Hakan und Memo die Chance auf einen Neustart. Doch bei Verkaufsverhandlungen geht alles schief: Hakans Vater Neset wird angeschossen und Memo entführt.

Um seinen Vater zu retten, bringt Hakan ihn in eine Apotheke, wo er auf Kemal (Yurdaer Okur) und Zeynep (Hazar Ergüçlü) trifft. Doch auch sie können nichts mehr für Neset tun, der nur noch seine letzten Worte an Hakan richten kann: "Zweifle nie an deiner Kraft. Sie ist dein Schicksal." Als wäre der Tod seines Vaters nicht schon schlimm genug für Hakan, offenbaren ihm Kemal und Zeynep auch noch ein gut behütetes finsteres Geheimnis. Als letzter Protektor sei es seine Aufgabe, einen geheimnisvollen Unsterblichen aufzuspüren, zu erledigen und so Istanbul vor dem Verderben zu retten.

Zunächst will sich Hakan vor seiner Verantwortung drücken. Mit fortlaufender Handlung aber – und das ist für den Zuschauer nicht immer nachvollziehbar – wächst der junge Mann in seine neue Rolle hinein. Das ist auch bitter nötig, schließlich sind mächtige Feinde auf der Jagd nach ihm. Besonders der aalglatte Mazhar (Ex-"Tatort"-Ermittler Mehmet Kurtulus) stellt mit seinen Handlangern eine Gefahr dar. Und welche Rolle spielt eigentlich der geheimnisvolle Superreiche Faysal Erdem (Okan Yalabik)?

Sehr klassisch kommt das Storygerüst von "The Protector" daher: Ein von allen Liebsten verlassener junger Mann steht vor den Scherben seiner Existenz und muss dann, mit Superkräften bewaffnet, die Welt retten. Ein ähnlicher Erfolg, wie bei den Publikumsmagneten von Marvel darf bei der türkischen Produktion allerdings bezweifelt werden. Das liegt nicht nur an Hauptdarsteller Cagatay Ulusoy, der zwar engagiert auftritt, den Zuschauer aber nie wirklich auf seine Seite ziehen kann.

Zudem sind einige Plottwists nicht nachvollziehbar, Logiklöcher tun sich auf, und die Cliffhanger am Ende der Folgen wirken eher erzwungen, denn wirklich durchdacht. Dazu verleihen diverse Kamerafahrten durch Istanbul der Superheldenserie den Anstrich eines Tourismuswerbefilms. Am Ende bleiben von "The Protector" nur wenige positive Ansatzpunkte, wie etwa die gelungene Chemie zwischen Hakan und Zeynep. Zwar ist bereits eine zweite Staffel der Produktion in Arbeit, dennoch ist zu befürchten, dass sie die unrühmliche Reihe der abgesetzten Superheldenserien auf Netflix demnächst erweitern könnte.


Quelle: teleschau – der Mediendienst