Film im Ersten

"Die Unschuldsvermutung": An Boshaftigkeiten ist kein Mangel

von Wilfried Geldner

Der Dirigent wird regelmäßig übergriffig, die Regisseurin hat eine sadistische Ader und der Geschlechterkampf tobt in dieser Theatersatire von Michael Sturminger auf allen Ebenen.

ARD
Die Unschuldsvermutung
Komödie • 08.09.2021 • 20:15 Uhr

Michael Sturminger, der Regisseur und Autor dieser Festspielsatire um eine "Don Giovanni"-Inszenierung im Ersten (ORF / SWR), kennt sich zweifellos aus. Just in diesem Jahr inszenierte er den "Jedermann" mit Lars Eidinger in Salzburg – und eine "Tosca" mit Anna Netrebko obendrein. Der Mut, sich selbst und den ganzen Festspielbetrieb mal von oben bis unten auf die Schippe zu nehmen, ist löblich. Selbstironie reicht Sturminger allerdings nicht als Mittel zum Zweck. Da fährt er schon weit schwerere Geschütze auf. Der Film-Maestro (Ulrich Tukur) bekommt gar von der sich rächenden Ex-Frau den Boxhandschuh ins Gesicht. Freilich kommt er mit einem blauen Auge davon. Geoutet als Salzburger Weinstein, der keinen Rock unbehelligt vorüberziehen lässt, überreicht er zuletzt geläutert, als sei er selbst der Jedermann, einer jungen Dirigentin den Taktstock, und alle dürfen glücklich sein.

An Boshaftigkeiten ist kein Mangel in diesem Theaterkulissenstück. Alle Schauplätze sind original – auf den heiligen Festspielort wurde keinerlei Rücksicht genommen. Die Theaterquerelen sind ergötzlich und stimmen nach landläufiger Erkenntnis – bestbesetzt – wohl aufs Haar. Gleich zu Beginn flippt Simon Schwarz (der Birkenberger Rudi aus den "Eberhofer-Krimis") als "Don Giovanni"-Regisseur völlig aus, als ihm ein Banause (War's der Bühnenmeister?) mit einem "Alles auf Anfang!" unverhofft dazwischengeht. Der Wutanfall endet mit einem Zusammenbruch der Probenarbeit. Frau greift ein, in diesem Fall ist es Catrin Striebeck als neue Regisseurin, die nach dem Anruf der Festspielpräsidentin: "Retten Sie den Giovanni!" bereitwillig folgt.

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Männlicher als jeder Mann schwingt sie fortan das Zepter, durchaus an die Grenzen des Sadistischen rührend. "Kommen Sie nicht wieder, das wird nix!", gebietet sie der Sängerin, die sie auf dem Kieker hat. Theaterprobe wie in alten Zeiten. Frau sein schützt vor gar nix. Aber vielleicht hat da der Autor ja auch auf seinen Text nicht richtig aufgepasst. Intention der bitteren Sturminger-Komödie ist es nämlich, den eitlen Dirigenten, der jede Gelegenheit zum Übergriffigen wahrnimmt – sei es die Besprechung der Tempi oder des Aufführungskonzepts -, hochgehen zu lassen und zugleich die Gleichberechtigung der Frauen zu fordern, was das Dirigieren anbelangt.

Ulrich Tukur macht das mit seinem Charme wie immer gut. Er ist das ewige Kind, das von der Mutter (glanzvoll: Christine Ostermayer) nicht loskommen kann und Frauen tief drin verachtet. Die Salzburger werden allerdings mit Genugtuung sehen, dass sie da ein ganzes Stück voraus sind, mit ihrer jüngst viel gelobten Neuinszenierung des "Don Giovanni". Dort ist der Titelheld ein Todessüchtiger, der an sich selbst zugrunde geht. Tukur dagegen wird in der TV-Komödie nun als übergriffiger Nimmersatt, der nichts dazulernt, mit versteckter Busenkamera geoutet. Drei Frauen sammeln Videobeweise gegen ihn, sie wollen den Macho-Maestro outen. Der Film entlässt ihn aber gnädig mit einer reuigen Geste seinerseits – mit einer Umarmung und der selbstlosen Stabübergabe an die neue junge Dirigentin.

Das war dann ein bisschen viel Aufwand für einen kläglichen Rest. Immerhin hatten die Theaterfrauen unter Mithilfe einer TV-Journalistin mithilfe von Video-Material für die Bloßstellung des Maestro gesorgt, der beim Gewitter mit der Reporterin im Aufzug steckenblieb und gleich fragte, ob aus der "erzwungenen Zweisamkeit" nicht eine "freiwillige" werden könne. Andere wieder, wie die gestrenge Ex-Frau, munkeln er habe mit seiner Meisterschülerin Karina (Laura de Boer) ein Kind gezeugt. Doch da wird ein schöner Bogen zum Beginn gespannt, als der eifrige Bühnenmeister (Robert Stadlober) der Jungdirigentin gegenüber dem Regie-Wüterich hilfreich zur Seite stand.

In der Mitte des Stücks schwingt sich Sturminger – leider – zum Pamphletistischen auf. Da bittet er auf der sogenannten "Presseterrasse" zum verbalen Boxkampf zwischen dem Maestro und der Ex-Frau des Dirigenten. Es sei an der Zeit, "allen alten weißen Männern ihre vollkommen unkontrollierbare Macht zu entreißen" und ihnen "auch mal ein blaues Auge zu schlagen". Mit derlei Kraftmeierei wird anderen Frauen, der Meisterschülerin Karina, der Assistentin Ada (Daniela Golpashin) und der Journalistin Franziska (Marie C. Friedrich) die Pointe ihres Coups gegen den Macho-Maestro genommen.

Die Unschuldsvermutung – Mi. 08.09. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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