Die neuen Tatort-Ermittler des SWR haben es gleich in ihrem ersten Fall mit einem besonders emotionalen Verbrechen zu tun.

"Da zieht man hier her an den Arsch der Welt, denkt, das ist gut, und dann liegt dein Kind tot im Wald", sagt Jens Reutter (Godehard Giese) verzweifelt. Nein, dieser Arsch der Welt, er ist wahrlich keine Idylle. Nicht nur, dass der Winter kein richtiger Winter ist, sondern nur Schneematsch, Nebel und Wolken schickt, irgendwer hat auch die elfjährige Frieda Reutter erschossen, aus nächster Nähe. Mit zwei Freunden aus der Nachbarschaft war sie unterwegs, der eine taucht ein paar Stunden später wieder auf, doch Linus Benzinger (Oskar von Schönfels) bleibt verschwunden.

Der erste Fall für die neuen Tatort-Ermittler des SWR spielt nicht in Freiburg, wo das Polizeipräsidium von Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) steht, er spielt in einer kleinen Siedlung ab vom Schuss. Das neue Team aber ist nur für die Zuschauer neu, mitten rein in die gemeinsame Ermittlungsarbeit springt dieser Tatort, und auch Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner sind sich bei den Dreharbeiten nicht zum ersten Mal begegnet: "Hans und ich, wir kennen uns schon eine Weile über gemeinsame Freunde. Bei den langen Drehbuchbesprechungen in der Vorbereitung des Films haben wir uns noch besser kennengelernt und dabei einen gelassenen, humorvollen Umgang entwickelt. Diesen vertrauten Humor und die kleinen Spannungen, die schon allein durch unsere unterschiedlichen Körpergrößen entstehen, wollen wir mit in unsere Filmszenen nehmen", sagt Löbau. Und Wagner ergänzt: "Sie kennen sich schon über viele Jahre, sind sich im Verlauf der Zeit auch einmal näher gekommen, wissen sehr genau um die Stärken und Schwächen des Anderen und dass sie sich voll auf einender verlassen können. Es gibt keinen fallorientierten privaten Kleinkrieg von Folge zu Folge, das war uns immer wichtig."

Dieser Krimi, er geht unter die Haut

Vielleicht auch deshalb findet der Zuschauer sehr schnell einen Draht zu diesen beiden Ermittlern, die man guten Gewissens spröde nennen darf. "Trotzdem haben die Figuren komplexe Hintergründe", betont Regisseur Robert Thalheim, "haben eine Vergangenheit und auch Konflikte, die sich ja auch in diesem Fall schon andeuten, aber sich erst in den zukünftigen Fällen stärker entfalten werden." Doch es gibt noch einen zweiten Grund dafür, dass der Zuschauer leicht, wenn auch nicht leichten Herzens, in die Handlung findet: Dieser Krimi, er geht unter die Haut, nicht nur weil das Opfer ein Kind ist – und die Reaktion der Eltern entsprechend emotional ausfällt. Er geht auch deshalb unter die Haut, weil die Darsteller so menschlich agieren wie lange nicht mehr in einem Tatort, und weil Robert Thalheim auf allzu viel Effekthascherei verzichtet hat. Ein wenig atmosphärische Musik, eine Kamera, die sich nah rantraut, und ein Szenenbild, das sich keine Fehler erlaubt. "Mir war es wichtig, diesen Schwarzwald nicht pittoresk, wie eine Postkarte, zu zeigen, sondern eher die raue und etwas wilde Seite zu betonen", so Thalheim. Und das gelingt. So wird aus "Goldbach" ein Familiendrama, das von der Landschaft, aber auch von der Sprachlosigkeit lebt. Der Sprachlosigkeit der Ermittler, die sie hin und wieder befällt, aber vor allem der Sprachlosigkeit der Eltern und dem Misstrauen untereinander.

Ein paar Klischees leistet sich Goldbach aber dennoch, etwa wenn sich Kommissar Berg über den Befehl seiner Chefin, Kriminaloberrätin Cornelia Harms (Steffi Kühnert) hinwegsetzt. Oder wenn der Vater des toten Mädchens immer wieder anmerkt, die Polizei würde ja doch nicht genug tun, um das Verbrechen aufzuklären. Und ein bisschen spielt dieser Tatort auch das alte Spielchen der kleinen Polizei gegen die großen Mächtigen aus Politik und Wirtschaft. Doch das sind einige wenige Unzulänglichkeiten in einem stimmigen Gesamtbild, das zwar im, aber nicht mit dem Schwarzwald spielt, wie auch Autor Bernd Lange betont: "Tatort bedeutet auch, dass die Stadt oder, wie in diesem Fall, die Region, die bespielt wird, nicht nur als Kulisse vorkommen soll." Diesen Eindruck nun dürfte der Zuschauer in keinem Moment haben. Keine Kuckucksuhren, kein Klamauk, dafür dunkle Tannen, verschneite Hänge und tiefe Schluchten – auch und vor allem menschliche. Ein eindrucksvoller Auftakt.