Über weite Strecken regiert zunächst die Sprachlosigkeit zwischen Michael (Georg Friedrich, rechts) und seinem Sohn (Tristan Göbel).

Helle Nächte

KINOSTART: 10.08.2017 • Drama • D / N (2017) • 86 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Helle Nächte
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
D / N
Laufzeit
86 Minuten
Music

Filmkritik

Die Wege des Verstehens
Von Kai-Oliver Derks

Ein Film über Vater und Sohn, die einander fremd sind. Gelingt eine Annäherung in der kargen Landschaft Norwegens?

Im Grunde ist diese Geschichte schon oft erzählt worden: Ein Scheidungskind trifft auf seinen Vater, den es selten gesehen hat. Gelingt es den beiden, sich einander anzunähern, sich zu verstehen? Interessieren sie sich überhaupt füreinander? Eine solche Konstellation gibt es auch im wahren Leben – und zwar oft. Was aber Thomas Arslans Film außergewöhnlich macht, ist zum einen die Wahl seiner Schauspieler. Und zum anderem die Wahl des Schauplatzes. Arslans "Helle Nächte" entführt über anderthalb Stunden in die weite Landschaft Norwegens, deren Funktion hier schon auf den ersten Blick klar wird: Mitten im kargen, unterkühlten Skandinavien wird die Einsamkeit der beiden Hauptfiguren noch offenbarer. Und wenn im Film geschwiegen wird – was oft vorkommt –, dann passiert auch rein gar nichts Ablenkendes drumherum. Es herrscht gar Stille im Kinosaal.

Kaum erlösende Nebenstränge

Im negativen Sinne formuliert gnadenlos mit ihren Zuschauern ist diese Erzählung, die kaum erlösende Nebenstränge vorsieht. Hier geht es einzig und allein um diese eine Beziehung zwischen Vater und Sohn – das muss man wissen und darauf muss man sich einlassen, in diesem schweigsamen Kunst-Stück Film. Mit dem Wagen bewegen sich beide durch die Landschaft Norwegens, und doch geschieht in diesem Roadmovie erst einmal gar nichts ...

Georg Friedrich spielt den Vater und Bauingenieur Michael, womit klar ist, dass hier kein Extrovertierter gezeigt wird. Kein geleckter Besserverdiener. Kein arroganter Mustermann. Er ist ein Normalo aus Berlin. Seine Ehe ist schon lange kaputt, und auch um die neue Beziehung in seinem Leben steht es nicht zum Besten. Seine Freundin will für ein Jahr nach Amerika.

Da erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters, der im ländlichen Norwegen lebte und dort ein einsames Dasein führte. Es gab kaum Kontakt mit ihm. Michael muss hinfahren, um die letzten Formalitäten zu regeln. Er kommt auf die Idee, seinen 14-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel) mitzunehmen, der zu seinem Großvater gar keine Beziehung hatte. Seinen Vater sah Luis immer mal wieder, aber diese Tage und Woche der Zweisamkeit, die nun auf die beiden zukommen, katapultieren sie in eine unbekannte Situation: Worüber eigentlich reden mit dem anderen? Ist der Sohn eigentlich noch im Fußballclub? Und wie steht der Vater zur Trennung von einst? Banales und Wichtiges und Schweigen werden sich in der Folge abwechseln. Michael will mit seinem Sohn im Auto noch eine Weile quer durch Norwegen reisen, um ihn besser kennenzulernen. Luis stimmt eher missmutig zu.

Sie tun sich schwer, finden keine Basis, um zu reden. Mit der Sprache des anderen können sie sowieso nichts anfangen. Bisweilen kommt es sogar zu Situationskomik. Auf ihrer Reise treffen Vater und Sohn eine andere Familie. Womöglich entwickelt der dezent pubertierende Luis hier sogar erste Liebesgefühle zu einem Mädchen aus Oslo, doch Michael spürt davon rein gar nichts. Als man sich voneinander verabschiedet und Luis die Traurigkeit überfällt, bleibt er allein.

Wo soll das also alles hinführen? Der Regisseur und Autor Thomas Arslan ("Gold", "Im Schatten") ist kein Happy-End-Erzähler, das ahnt der Zuschauer früh. Und doch scheint eine Annäherung möglich. Mit feiner Bildsprache schildert Arslan Momente des Verstehens. Doch versäumte Jahre lassen sich nicht so einfach aufholen.

Ein filmisches Wagnis

Das alles gipfelt in einem filmischen Wagnis. Satte vier Minuten lang ist die Szene, die sich nach diesem Film ins Gedächtnis gebrannt hat: Gefilmt von der Front eines Autos (Kamera: Reinhold Vorschneider) fährt der Zuschauer eine neblige, alte Serpentinenstraße hinauf. Und fährt. Und fährt. Die am Stück gedrehte, holprige Szene fühlt sich wie eine Ewigkeit an und wird in ihrer Gnadenlosigkeit sicher zwiespältige Reaktionen hervorrufen. Solcherlei Langweiligkeit ist man einfach nicht gewohnt. Und für diese offensichtliche Metapher hätte sicher auch eine Minute genügt.

Dennoch bleibt eine interessante Beziehungsstudie, ohne Pathos, ohne Lügen. Ein Festivalfilm, keine Frage, der bei der diesjährigen Berlinale für Deutschland zu Recht im Wettbewerb lief. Aber sicher kein Film für die Masse. Vor allem aber ist er die Bühne für zwei großartige Darsteller. Nicht nur Georg Friedrich überzeugt in der für ihn typischen Rolle, sondern auch der junge Tristan Göbel, bekannt durch die Hauptrolle des Maik in Fatih Akins Bestsellerverfilmung "Tschick", ist höchst glaubwürdig in dieser komplizierten Rolle, die ihm nur wenig Platz für Worte lässt.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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