Ricky (Kris Hitchen) liefert mit seinem Kleinlaster Pakete aus.
Ken Loach erzählt in seinem meisterhaften Sozialdrama "Sorry We Missed You" mit geballter filmischer Wucht von den unmenschlichen Auswüchsen des Turbokapitalismus.

Sorry We Missed You

KINOSTART: 30.01.2020 • Drama • GB/F/B (2019) • 101 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Sorry We Missed You
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
GB/F/B
Filmstudio
Sixteen Films, BBC Film, Why Not Productions, Casa Kafka Pictures, Les Films du Fleuve, Wild Bunch
Einspielergebnis
8.766.149 USD
Laufzeit
101 Minuten
Regie
Music
George Fenton
Kamera
Joss Barratt, Sarah Cunningham, Robbie Ryan

Filmkritik

Die Wut wächst weiter
von Gabriele Summen

Der 83-jährige Filmemacher Ken Loach zeigt sich mit seinem atemberaubenden Sozialdrama "Sorry We Missed You" auf der Höhe seines Schaffens: Schonungslos entlarvt er die Folgen eines turbokapitalistischen Systems und fordert zum Umdenken auf.

Ein Film sei wie ein Eisberg im Ozean, sagte Ken Loach, der filmische Anwalt der armen Leute, einmal: "Man sieht zwar nur die Spitze, aber man kann das gewaltige Gewicht dieses Blocks unter der Wasseroberfläche durchaus spüren." Das trifft auf die meisten Werke des Briten zu, besonders aber auf "Sorry We Missed You", den womöglich besten Film des 83-jährigen Regisseurs. Wer dieses meisterhafte Drama über einen scheinselbstständigen Paketfahrer, eine freiberufliche Altenpflegerin und deren Kinder sieht und nicht von dem Gefühl übermannt wird, dass sich Grundlegendes ändern muss an dem System, in dem wir leben und arbeiten, muss ein Herz aus Stein haben.

Seit über 50 Jahren zeigt Loach in seinen Spielfilmen die gesellschaftlichen Missstände auf, unter denen die kleinen Leute in Großbritannien zu leiden haben. Bereits sein frühes Doku-Drama "Cathy Come Home" von 1966 stieß in seiner Heimat eine politische Debatte an, die zur Änderung der Obdachlosen-Gesetze beitrug. Loachs letzter, mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichneter Film "Ich, Daniel Blake", der sich mit den Tücken der Sozialbürokratie beschäftigt, wurde wieder heiß im Parlament diskutiert. Unterdessen haben sich die Arbeitsbedingungen in Europa kaum verbessert, im Gegenteil, die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander, und die Mittelschicht erodiert zusehends.

"Was ist eigentlich aus dem Achtstundentag geworden?", fragt nun auch eine nette alte Dame ihre abgehetzte Betreuerin Abbie (Debbie Honeywood) in "Sorry We Missed You". Diese Frage kann Abbie, die mit ihrer Familie in Newcastle lebt, auch nicht beantworten. Sie selbst hat einen Zero-Hour-Arbeitsvertrag, das heißt, sie bekommt den Mindestlohn bezahlt und das auch nur für die Zeit, in der sie tatsächlich Klienten betreut. Jede Minute, die die herzensgute Frau aus Mitgefühl mit den bittereinsamen Alten verbringt, bekommt Abbie nicht entlohnt.

Deshalb trifft es sie hart, als sie auch noch ihr kleines Auto verkaufen und fortan alles mit dem Bus erledigen muss, damit ihr Mann Ricky (Kris Hitchen) einen Transporter finanzieren und sich so als Paketfahrer selbstständig machen kann. Doch selbstständig ist Ricky nur auf dem Papier. In Wirklichkeit zwingt ihn sein Franchise-Vertrag nicht nur dazu, erst einmal kräftig in Vorkasse zu gehen, sondern er muss auch noch für jede ausgefallene Stunde hohe Strafgebühren zahlen. Sein Boss (Ross Brewster) kennt da kein Pardon. Deshalb schuftet Ricky fortan von früh bis spät für das Unternehmen. Ähnlich ergeht es seiner Frau Abbie, die die gemeinsame Tochter Liza Jane (Katie Proctor) und den pubertierenden Sohn Seb (Rhys Stone) nur noch über das Handy "betreuen" kann. Auch als Seb immer mehr aus der Spur gerät, die Schule schwänzt, Graffiti sprayt und zu klauen beginnt, erlauben es die gnadenlosen Arbeitsverhältnisse seiner Eltern nicht, sich mehr um ihn und seine elfjährige Schwester zu kümmern.

In tristen Bildern, mit sehr sparsam eingesetzter Filmmusik, zeigen Loach und sein Stammautor Paul Laverty, wie die Familie zusehendes implodiert; wütend und machtlos schauen sie ihnen zu. Jeder der beteiligten Schauspieler weiß dabei durch seine Performance zu fesseln, was auch daran liegt, dass Loach stets chronologisch dreht, ohne dass seine Darsteller wissen, wie ihre Geschichte ausgeht.

Nun, sie endet – im Gegensatz zu Loachs vorangegangen Filmen – ohne auch nur einen Funken Hoffnung, dass sich an dem menschenverachtenden System jemals etwas ändern könnte. Auch sein Galgenhumor scheint Loach weitestgehend vergangen zu sein. Doch auch der einzelne Mensch im Getriebe des Systems bekommt in diesem schonungslosen Film sein Fett weg – Loach prangert auch unsere mangelnde Solidarität untereinander an. Wer nach diesem Drama weiterhin völlig ohne Gewissensbisse Paket für Paket beim Onlinehändler bestellt, muss ein besonders dickes Fell haben.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Weitere Darsteller
Kris Hitchen Debbie Honeywood Rhys Mcgowan Katie Proctor Ross Brewster Charlie Richmond Julian Ions Sheila Dunkerley Maxie Peters Christopher-John Slater Heather Wood Alberto Dumba Natalia Stonebanks Jordan Collard Dave Turner Stephen Clegg Darren Jones Nikki Marshall Mike Milligan Grace Brown Steve Hogg Mary Shearer Christine Beck Micky McGregor Gavin Webster Alex Houston Jordan Sawyer Russell Jones Vicky Hall Andy Kidd Lee Hall Carol Anderton Carol Littlefair Tim McGuire John Torrance Anthony Cummings Alfie Dobson Norman Samson Anthony Hogg Paul Woodhead Randolph Paul Rob Kirtley Jack Hamilton Andrea Johnson Anita Starker Harriet Ghost Mark Birch Linda E. Greenwood

Neu im kino

Emil und die Detektive (2026)
Emil und die Detektive
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Eiserne Wildnis – Heart of the Beast (2026)
Eiserne Wildnis – Heart of the Beast
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise (2026)
Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Adams Acht (2026)
Adams Acht
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Coyote vs. ACME (2026)
Coyote vs. ACME
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern (2026)
Practical Magic 2 – Zauberhafte Schwestern
Liebesfilm • 2026
prisma-Redaktion
Bad Apples (2026)
Bad Apples
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Oasis: Don't Look Back in Anger (2026)
Oasis: Don't Look Back in Anger
Dokumentarfilm • 2026
prisma-Redaktion
Vaterland (2026)
Vaterland
Drama • 2026
prisma-Redaktion
That's Why the Lady Is A Champ (2025)
That's Why the Lady Is A Champ
Historie • 2025
prisma-Redaktion
Das gewisse Etwas (2026)
Das gewisse Etwas
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Das Ende der Sterne (2026)
Das Ende der Sterne
Science Fiction • 2026
prisma-Redaktion
Oh la la 2 – Neue Tests, neues Chaos (2026)
Oh la la 2 – Neue Tests, neues Chaos
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
One Night Only (2026)
One Night Only
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Marsupilami (2026)
Marsupilami
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Insidious: Out of the Further (2026)
Insidious: Out of the Further
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Spaziergang nach Syrakus (2026)
Spaziergang nach Syrakus
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Im Spiegel meiner Mutter (2026)
Im Spiegel meiner Mutter
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Steckerlfischfiasko (2026)
Steckerlfischfiasko
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
The End of Oak Street (2026)
The End of Oak Street
Science Fiction • 2026
prisma-Redaktion
You, Me & Italy (2026)
You, Me & Italy
Liebesfilm • 2026
prisma-Redaktion
Paw Patrol: Der Dino Film (2026)
Paw Patrol: Der Dino Film
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Nightborn (2026)
Nightborn
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Spider-Man: Brand New Day (2026)
Spider-Man: Brand New Day
Science Fiction • 2026
Die Odyssee (2026)
Die Odyssee
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
So klingt das Leben (2025)
So klingt das Leben
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Was haben wir gelacht (2026)
Was haben wir gelacht
Dokumentarfilm • 2026
prisma-Redaktion
Vaiana (2026)
Vaiana
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Virginia Woolf's Night & Day (2026)
Virginia Woolf's Night & Day
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Etwas ganz Besonderes (2026)
Etwas ganz Besonderes
Drama • 2026
prisma-Redaktion