Lange Zeit segelte Anne Schäfer unter dem Radar großer Primetime-Hauptrollen. Mit Ende 30 scheint sich das auf märchenhafte Weise zu ändern. Die brünett gelockte Wahl-Hamburgerin wurde ARD-Kommissarin in Barcelona und spielte im Kino mit Til Schweiger. Als bezauberndes Mauerblümchen in "Der Wunschzettel" (Freitag, 7.12., 20.15 Uhr, ARD) ergatterte sie zudem die Hauptrolle im vielleicht charmantesten Weihnachtsfilm der Saison.

Beim Treff in einem Hamburger Café plaudert die Mutter eines vierjährigen Kindes über komplizierte Weihnachtstraditionen, den erstaunlichen Relaunch ihres "Barcelona-Krimis" und den schwierigen seelischen Spagat von Schauspielern zwischen Sensibilität und Robustheit.

prisma: Wie wichtig ist Weihnachten für Sie privat?

Anne Schäfer: Extrem wichtig. Als Kind war ich richtig besessen davon.

prisma: Was Sie wahrscheinlich mit den meisten Menschen gemein haben ...

Anne Schäfer: Nein, bei mir war es krasser. Ich habe meinen Eltern vor Weihnachten nicht nur Wunschzettel überreicht, sondern auch detaillierte Ablaufpläne inklusive Dresscodes.

prisma: Sie waren ein kindlicher Weihnachts-Control-Freak!

Anne Schäfer: Man könnte es so sagen. Astrid Lindgren hatte mich verdorben. Mein Weihnachtsideal war das von Bullerbü. Ich wollte genauso Weihnachten feiern wie im alten, ländlichen Schweden.

prisma: Immerhin sind Sie am Chiemsee aufgewachsen. Auch das stellt man sich ausreichend malerisch vor.

Anne Schäfer: War es auch. Wenn man in einem Idyll aufwächst, führt das im späteren Leben oft zu Enttäuschungen. Ich bin mit neun Jahren von München nach Chieming umgezogen. Eigentlich sollte diese anderthalb Zimmer große Ferienwohnung nur eine Zwischenstation darstellen. Mein Vater ging damals als Ingenieur nach Singapur. Wir hatten dort sogar schon Schulen besichtigt. Doch ich wollte partout nicht dorthin. Also blieb meine Mutter mit meinem kleinen Bruder und mir am Chiemsee, der zur Dauerlösung wurde.

prisma: Fahren Sie auch in diesem Jahr wieder dorthin, um Weihnachten zu feiern?

Anne Schäfer: Nein, ich lebe jetzt mit meiner eigenen kleinen Familie in Hamburg. Bevor ich Mutter wurde, experimentierte ich viele Jahre mit Weihnachten herum. Mal stand ich auf der Bühne, dann war ich auf einer Berghütte oder im Flugzeug. Einmal feierte ich sogar alleine. Irgendwann verstand ich, dass Weihnachten auch deshalb wertvoll ist, weil es der einzige Tag im Jahr ist, auf den sich alle einigen können. Einige Jahre fuhr ich dann wieder an den Chiemsee, wo meine Eltern immer noch leben. Doch seit ich ein Kind habe, kommen die Verwandten zu uns.

prisma: Ist man mit eigenem Kind endlich erwachsen geworden?

Anne Schäfer: Für mich steht etwas anderes im Vordergrund. Als Eltern baut man eigene Erinnerungen für sein Kind auf. Man spürt auch Weihnachtswünsche auf einmal wieder deutlicher, klarer. Ich will, dass meine Kinder Weihnachten auf bestimmte Art in Erinnerung behält. Wir bauen in Hamburg praktisch ein neues Weihnachtszentrum (lacht). Die drei Geschwister meines Freundes besuchen uns mit ihren Familien. Die Bude ist auf jeden Fall voll. Und das ziehen wir dann auch drei Tage durch. Obwohl die Wohnung eigentlich viel zu klein ist für all die Leute. Das Aufeinanderhocken wie die Erdmännchen ist jedoch auch Teil unserer Weihnachtstradition.

prisma: Bevor Sie nach Hamburg kamen, haben Sie viele Jahre in der Schweiz sowie in Süddeutschland Theater gespielt und dort gelebt. Was hat Sie so weit in den Norden getrieben?

Anne Schäfer: Ich sollte ein Engagement am Schauspielhaus bekommen. Aus einem festen Job wurde damals wegen eines Intendantenwechsels nichts. Dafür habe ich mich hier verliebt und bin hier geblieben. Eigentlich verstand ich mich immer als Münchnerin und als Chiemgauerin. Trotzdem ist es natürlich sehr schön in Hamburg. Was die Stadt alles bietet, ist ja bekannt. Das einzige, an das ich mich nie gewöhnen werde ist der Wind und dass es auch von unten regnet (lacht).

prisma: Schönes Wetter finden Sie dafür in Katalonien. Dort haben Sie mit Clemens Schick gerade Ihren dritten "Barcelona-Krimi" abgedreht. Hatten Sie keine Angst, dort nur als Vordergrund für Postkartenmotive herhalten zu müssen?

Anne Schäfer: Es gab einige Argumente, die für das Projekt sprachen. Der Standort Barcelona war eines davon. Dass ich wieder mit Clemens Schick arbeiten konnte, mit dem ich meinen ersten Film "Cindy liebt mich nicht" gedreht habe, ein anderes. Mittlerweile haben wir dem Projekt jedoch einen kompletten Relaunch verordnet. Im dritten Film werden die Charaktere sehr viel stärker in den Vordergrund rücken. Es soll mehr ein Schauspielerkrimi und weniger Postkarte werden. Auch die Orte, an denen wir in Barcelona drehten, wird kaum ein Tourist kennen. Der Krimi ist auf jedem Fall filmisch anspruchsvoller geworden.

prisma: Sie haben nur einen weiteren "Barcelona-Krimi" gedreht? Ist es nicht üblich, zwei am Stück zu drehen, damit die Produktionskosten pro Film insgesamt sinken?

Anne Schäfer: Ja, beim ersten Mal haben wir das auch so gemacht. Die Quote war fantastisch, "Der Barcelona-Krimi" war einer der erfolgreichsten ARD-Donnerstagskrimis überhaupt. Dennoch ging bei den ersten beiden Filmen alles ein bisschen holterdiepolter. An den Büchern hätte man noch feilen können. Das ist diesmal geschehen. Das Buch für den vierten Film brauchte noch Zeit, deshalb drehen wir ihn erst 2019. Da ich mir vorstellen kann, dass man die Filme drei und vier gerne in kurzem Abstand zeigen möchte, glaube ich, dass sich die Ausstrahlung bis zum Herbst 2019 hinziehen könnte. Für den Relaunch ist das eher gut. Es wird sich kaum noch jemand an unsere alten Figuren erinnern (lacht).

prisma: Sie sind jetzt 39 Jahre alt – und erst seit Kurzem ein Gesicht, zu dem die Leute auch den Namen kennen. Also ein Star, wenn man so will. Können Sie sich erklären, warum das gerade jetzt passierte?

Anne Schäfer: Im Schauspielberuf sind Leben und Karriere stark vom Zufall geprägt. Ich war natürlich eine Spätstarterin in Sachen Film. Die ersten Auftritte vor der Kamera hatte ich mit 30, da hören andere schon wieder auf. Ich war zwar am Theater sehr etabliert und spielte an großen Häusern. Das mit dem Film ging aber erst vor knapp zehn Jahren los.

prisma: Und dann hieß es erst einmal: Anne Schäfer ist eine für schwierige Frauenrollen. Ist dies ein Synonym für "zu komplex, um ein Star zu sein"?

Anne Schäfer: Ich weiß nicht, ob der Zusammenhang so stimmt. Jeder will schwierige Rollen spielen. Kein Schauspieler hat Lust auf Klischees oder flache Charaktere. Vielleicht kommt bei mir dazu, dass ich nicht so ein klarer Typ bin, sondern ein bisschen eckiger. Am liebsten spiele ich extreme Abgründe oder Komik. Für beides bringe ich, glaube ich, Talent mit. Vielleicht sind andere besser für das in der Mitte geeignet. Im letzten Jahr spielte ich die Kommissarin im "Barcelona-Krimi", die Komödie "Hot Dog" mit Til Schweiger, den Weihnachtsfilm und noch eine skurrile Rolle im Weimarer "Tatort: Die robuste Roswita". Wenn ich weiter so viel Gegensätzliches spielen darf, kann ich mich nicht beschweren.

prisma: Wie gut können Sie mit schlechten Kritiken umgehen?

Anne Schäfer: Als Schauspielerin muss ich damit leben, anders ist es nicht auszuhalten. Wobei ich zwischen meiner eigenen Leistung, die ich beeinflussen kann, und dem Film insgesamt unterscheiden kann. Oft gelingt es mir, mit mir selbst zufrieden zu sein, selbst wenn der Film ein bisschen enttäuscht. Dennoch verlangt man von Schauspielerin etwas fast Unmögliches. Wir sollen total durchlässig sein – ein Wort, das meiner Meinung nach nur noch für Kaffeefilter benutzt werden sollte -, anderseits müssen wir Kritik gut abkönnen. Eigentlich müsste ich dann ein Sympatex-Mensch werden: Nichts geht von außen nach innen, aber alles von innen nach außen.

prisma: In "Der Wunschzettel" spielen Sie ein Mauerblümchen. Sind Sie selbst jemand, der viel mit Bindungsängsten und Schüchternheit zu tun hatte? Oder ist das eher fremdes Terrain für Sie?

Anne Schäfer: Es ist immer schwer, sich selbst einzuordnen. Na klar, ich hätte lieber mit 20 eine Mega-Karriere hingelegt als mit 38. Insofern kenne ich mich auch mit dem Scheitern aus. Was mich mit der Rolle verbindet, ist, dass auch ich ein paar neurotische Züge aufweise. Aber ich mag auch einfach Figuren, die scheitern. Ganz besonders mag ich Figuren, die permanent scheitern. Daraus ergibt sich eine tiefe Tragik, die fast schon wieder komisch ist – und umgekehrt. Insofern liegen meine beiden Schwerpunkte gar nicht so weit auseinander (lacht).


Quelle: teleschau – der Mediendienst