In der neuen ARD-Serie "Die Heiland – Wir sind Anwalt" (Dienstag, 4.9., 20.15 Uhr, ARD) spielt Lisa Martinek eine von Geburt an blinde Strafverteidigerin. Die Figur beruht auf einer wahren Vorlage: Anwältin Pamela Pabst hat ein Buch über ihr besonderes (Berufs-)Leben geschrieben.

Während der Dreharbeiten für sechs Folgen kamen sich Lisa Martinek und Pamela Pabst durchaus nahe, was offenbar dem Spiel der 46-jährigen Schauspielerin ("Blaumacher", "Das Duo") zugutekam. In der eher traditionell anmutenden Anwaltsserie beeindruckt Martinek mit einer Blindendarstellung, die sperriger und realistischer wirkt als die Performance manch anderer Schauspielkollegen, die sich eine Rolle ohne Augenlicht zugetraut haben.

prisma: Sie wirken in Ihrer Rolle – mit Verlaub – ausgesprochen blind. Wie haben Sie das so realistisch hinbekommen?

Lisa Martinek: Das habe ich Pamela Pabst zu verdanken. Sie ist sozusagen die "echte" Heiland. Pamela ist von Geburt an blind und praktizierende Strafverteidigerin. Ihr Buch "Ich sehe das, was ihr nicht seht" lieferte die Grundlage für unsere Serie. Pamela war, obwohl sie sehr viel arbeitet, sehr offen für unser Projekt. Ich durfte sie, wann immer ich wollte, in ihrer Kanzlei besuchen – und beobachten.

prisma: Reicht das pure Beobachten einer Blinden, um sie überzeugend zu spielen?

Lisa Martinek: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Jeder Schauspieler muss seinen eigenen Zugang finden. Ich habe mich nicht nur aufs reine Beobachten verlassen, sondern war auch im Blindenverein, wo ich verschiedene Workshops besuchte. Es gibt da ganz unterschiedliche: für Leute, die wissen, dass sie ihre Sehkraft verlieren; aber auch andere Kurse für Leute mit unterschiedlicher Sehkraft. Als blind gilt man erst, wenn man unter drei Prozent Sehkraft verfügt. Jeder Mensch ist anders. Und auch jeder Blinde bewegt und verhält sich, je nach Persönlichkeit und Sehkraft, anders. Ich habe mir konkret Pamela als Vorbild genommen. Das lag ja nahe. Mittlerweile sind wir Freundinnen. Ihr Mobilitätstrainer war auch mein Coach beim Dreh für die technischen Dinge.

prisma: Was genau haben Sie denn trainiert?

Lisa Martinek: Zum Beispiel das Gehen mit dem Langstock. Wir sind mit Schlafmaske durch Berlin gewandelt, um zu lernen, wie ich mich orientieren kann. Ich wollte erfahren, wie es sich anfühlt, sich nicht auszukennen. Zum Beispiel, wenn man ein fremdes Restaurant betritt. Wie komme ich an einen freien Tisch, wie mache ich mich bemerkbar? Als Blinder kann ich nicht einfach dem Kellner ein Zeichen geben, da ich nicht weiß, wo er sich aufhält. Natürlich hat so ein Kurzzeit-Training seine Grenzen. Ich könnte mich niemals in echt ohne Sicht und nur mit dem Stock durch die Stadt bewegen. Das muss man sehr gut und ziemlich lange trainieren.

prisma: Das Klischee sagt, dass durch Blindheit die anderen Sinne geschärft werden. Gibt es wirklich Vorteile mit dieser Behinderung? Vorteile, die Pamela Pabst beispielsweise benennt?

Lisa Martinek: Sie spricht von einer gewissen Unvoreingenommenheit bei Gericht. Ihr ist es egal, welche Kleidung ein Angeklagter oder Zeuge trägt oder wie er aussieht. Sie beurteilt nur das, was sie hört oder was ihr beschrieben wird. Trotzdem muss man natürlich sagen: Es ist ein Handikap, wenn ein wichtiger Sinn fehlt. Dazu sind Blinde nicht per se frei von menschlichen Denkmustern. Eine unsympathische Stimme könnte dazu führen, dass man einen Menschen erst mal weniger mag, als ein Sehender, der erkennt: Nun ja, die Stimme ist nicht so nett, aber der Mensch sieht doch recht sympathisch aus.

prisma: Also gibt es eigentlich keine Vorteile, nur Nachteile?

Lisa Martinek: Ein Vorteil ist eine gewisse Besonnenheit. Wenn ich mit Pamela zusammen bin, merke ich immer wieder: Mal schnell etwas machen, geht nicht. Jeder Schritt, jede Aktion will mit Bedacht geplant werden. Wir springen nicht mal schnell in den Zug oder so. Alles hat eine gewisse Ruhe. Und wenn sie mit einem Mandanten spricht, ist sie in diesem Moment tatsächlich nur auf diesen Mandanten konzentriert. Ich glaube, sie ist in diesen Momenten fokussierter als die meisten anderen, sehenden Menschen. Interessanterweise behandelt Pamela ihre Blindheit als Charaktereigenschaft, nicht als Makel.

prisma: Waren Sie auch vor Gericht mit ihr?

Lisa Martinek: Natürlich habe ich mir ihre Arbeiten dort ebenfalls intensiv angeschaut – und fand sie wahnsinnig spannend. Es gibt mehrere blinde Anwälte in Deutschland. Pamela ist allerdings die erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin.

prisma: Welche Mandanten kommen zu Pamela Pabst – und warum?

Lisa Martinek: Sie hat in der Regel mit Strafrecht zu tun. Ich durfte nicht bei allen Fällen vor Gericht anwesend sein. Bei der Verhandlung von Vergewaltigungen darf ich zum Beispiel nicht dabei sein. Pamela betreut recht oft solche Fälle. Vergewaltigungen erzeugen Scham bei den Betroffenen. Ich kann mir vorstellen, dass Frauen – auch gerade sehr junge Frauen und Mädchen – gerne zu ihr kommen, weil sie die Anonymität schätzen, nicht angeschaut zu werden. Auch zu Kindern findet Pamela mit ihrer Offenheit und als tolle Zuhörerin schnell einen Zugang. Ich habe das bei meinen Kindern beobachtet, sie sind wahre Fans von ihr.

prisma: Warum?

Lisa Martinek: Sie geht nicht so fordernd mit Kindern um wie andere Leute. Sie hört ihnen zu und hat die Ruhe, abzuwarten, bis sie ausgeredet haben. Dafür fehlt den meisten sehenden Erwachsenen Ruhe und Zeit. Kinder finden es toll, wenn sie Erwachsene treffen, die diesbezüglich anders sind. Meine Kinder mögen Pamela aber vor allem deshalb, weil sie eine tolle und herzliche Frau ist.

prisma: Wie eng orientiert sich die Serie an tatsächlichen Fällen von Frau Pabst?

Lisa Martinek: Natürlich fanden diese Fälle nicht in dieser Verdichtung statt, wie sie in der Serie aus dramaturgischen Gründen erzählt werden. In der Realität verhandelt ein Anwalt immer mehrere Fälle gleichzeitig. So etwas lässt sich natürlich nur schwer spannend in einer Serie erzählen.

prisma: Also ist es ein bisschen so wie bei Ferdinand von Schirach, dass reale Fälle Ideen liefern, aber nicht ganz klar ist, wie viel Realität im Endeffekt in der Fiktion drinsteckt?

Lisa Martinek: Klar, wir zeigen nicht eins zu eins das Kanzleileben von Pamela Pabst. Auch meine Figur ist nicht zu einhundert Prozent deckungsgleich mit ihr. Einige Fälle sind auch der Fantasie entsprungen oder sie beruhen auf Schilderungen von anderen, die uns Pamela erzählt hat. Es ist ganz klar eine Fiction-Serie.

prisma: Aber es war schnell klar für Sie, dass Sie diese Serie machen wollen?

Lisa Martinek: Nein, keineswegs. Ich habe immer Respekt vor Serien und Reihen. Man verbringt viel Zeit mit diesen Projekten. Ich habe drei noch relativ kleine Kinder. Da überlegt man sich gut, für was man seine Zeit einsetzen will. Wenn man einen 90 Minuten langen Film macht und der wird am Ende nicht so gut, lässt sich das verschmerzen. Schwamm drüber! Bei einer Serie ist so etwas schon ärgerlich. Zu "Die Heiland" hatte ich Lust, weil ich es spannend fand, in die Welt einer realen Person einzutauchen, die mich faszinierte und mit der ich immer wieder gerne Zeit verbringe.

prisma: Gibt es etwas, das Schauspieler und Anwälte gemeinsam haben?

Lisa Martinek: Ja. Unser beider Job ist es, in andere Lebenswelten einzutauchen. Bei Schauspielern ist das bekannt, aber Anwälte tun im Prinzip nichts anderes. Sie machen es auf andere Art, mit anderen Mitteln, aber letztendlich geht es ebenfalls darum, zu verstehen, was andere Menschen tun und warum.

prisma: Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihnen der Anwaltsberuf Spaß bereiten würde?

Lisa Martinek: Vor der Serie hätte ich mit einem klaren "nein" geantwortet. Ich hätte gedacht, das ist mir viel zu trocken und formelhaft. Mittlerweile sehe ich das anders. Trotzdem wäre es kein Job für mich. Allein die Tatsache, dass Recht und Gerechtigkeit keineswegs deckungsgleich sind, würde mich im Berufsalltag zur Raserei bringen. Bestraft wird nur, was bewiesen werden kann. Und wenn der Mandant ein Mörder ist, wird sein Anwalt dennoch versuchen, ein möglichst geringes Strafmaß zu erwirken. Ich hätte ein Riesenproblem damit.

prisma: Sie sagen, dass sie viel Zeit bei Gerichtsverhandlungen verbrachten. Was faszinierte Sie am meisten?

Lisa Martinek: Der Gegensatz zwischen der starren Form einer Verhandlung und der Emotion, die in diesem stark reglementierten und ritualisierten Schlagabtausch stetig hochzukochen droht. Vor Gericht tobt das pralle Leben – das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst