"Halbe Hundert" erzählt von drei etwa 50-jährigen Freundinnen in der Midlife-Crisis. Die melancholische Komödie lebt auch von ihren sehr starken Darstellerinnen, u.a. Martina Gedeck in einer ihrer seltenen TV-Rollen.

Unsere Gesellschaft altert und mit ihr die Geschichten, die das Fernsehen erzählt. Die ZDF-Serie "Klimawechsel" oder auch der quotenstarke TV-Film "Die Dienstagsfrauen" wiesen den Weg: Schauspielerinnen um die 50 sind heute keine schwer vermittelbare Masse mehr zwischen dem Spielalter "jung" und "alt". Nein, heute will man Geschichten mit ihnen als Heldinnen sehen, und "Halbe Hundert" ist so eine. Die melancholisch gefärbte Komödie aus dem März 2012, die das Erste nun als hochkarätige Alternative zum Fußball-Länderspiel wiederholt, erzählt von drei Freundinnen, die unterschiedliche Krisen zu meistern haben. Mit Martina GedeckJohanna Gastdorf und Leslie Malton kann die WDR-Produktion von Regisseur Matthias Tiefenbacher ("Freilaufende Männer") auf eine Top-Besetztung zurückgreifen.

Anne Kater (Martina Gedeck) ist als Handchirurgin eine der besten Adressen in Deutschland. Ihr Mann, der schluffig linke Lehrer Klaus (Michael Wittenborn), hat seiner Frau jahrelang den berühmten Rücken frei gehalten, Haushalt und Erziehung der Tochter übernommen. Doch nun ist Klaus unerwartet ausgezogen. Um sich zu trösten, bucht Anne bei einer Escortservice-Agentur einen jungen, attraktiven Begleiter (Torben Liebrecht) für den nächsten, mehrtägigen Kongress. Die als kontrollierte Zerstreuung gedachte Aktion endet im emotionalen Chaos, als sich die Ärztin tatsächlich in den jungen Mann verliebt.

Annes langjährige Freundin Charlotte (Johanna Gastdorf) hat einen anderen Weg eingeschlagen. Ihrer Familie, dem Mann und den Söhnen, las sie stets jeden Wunsch von den Augen ab – bis der humorvollen Familienschwerstarbeiterin plötzlich die Diagnose Brustkrebs den Boden unter den Füßen wegreißt. Der Schock setzt jedoch Kräfte frei. Charlotte sagt ihrem Mann und den Nesthocker-Söhnen, dass sie die Familie verlassen wird – zumindest vorerst.

Dem Familienmodell ferngeblieben ist dagegen die attraktive Fiona (Leslie Malton). Mit allen Mitteln kämpft sie darum, jung zu bleiben: Schönheits-OPs, Fitness, Ernährung – das Übliche. Den richtigen Mann hat Fiona dabei jedoch niemals gefunden. Und ihre Liebhaber schauen mittlerweile auch ganz schön dumm aus der Wäsche, wenn sie erfahren, dass Fiona Ike & Tina Turner noch live gesehen hat. Kleine Nachhilfe in Sachen Pop-Geschichte: Die "schlagende" Eheleute-Verbindung löste sich – als Band – 1976 auf. Als Charlotte krank wird, begreift Fiona, dass auch sie ihr Leben ändern muss.

Regisseur Matthias Tiefenbacher ist derzeit so etwas wie der Lebensbilanz-Beauftragte der ARD. 2011 lief sein Film "Freilaufende Männer" mit Wotan Wilke Möhring, Mark Waschke und Fritz Karl als sinnsuchendes männliches Chaos-Triple um die 40. Und zwei Tage nach der Erstausstrahlung von "Halbe Hundert" prüfte Tiefenbacher in der Edel-Schmonzette "Eine halbe Ewigkeit" mit Cornelia Froboess und Matthias Habich in den Hauptrollen, ob man sich am Ende seines Lebens noch einmal verlieben kann. Doch Tiefenbacher kann auch anders: Mit der Münsteraner "Tatort"-Folge "Das Wunder von Wolbeck" sorgte er im November 2012 für einen der wohl leichtesten Filme in der Geschichte der Reihe und wurde dafür mit der Sensationsquote von 12,11 Millionen Zuschauern belohnt.

Tiefenbachers Bildsprache in "Halbe Hundert" ist melancholisch-poetisch, auch wenn das Drehbuch von Silke Zertz (Deutscher Fernsehpreis 2009 für "Wir sind das Volk") das ein oder andere Klischee bedient. Insgesamt reißen drei starke Schauspielerinnen die manchmal etwas vorhersehbar mäanderte Handlung raus. Dem großartigen Ensemble schaut man bei der Bewältigung seiner Probleme, noch mehr jedoch beim Leben seiner wunderbar gespielten Freundschaft am Ende gerne zu.


Quelle: teleschau – der Mediendienst