Oliver Masucci, der Adolf Hitler in "Er ist wieder da" spielte, über das Böse in der Welt und wie man heute damit fertig wird.

Im November 2016 bannte der eher sperrige ARD-Politthriller "Tödliche Geheimnisse" über fünf Millionen Zuschauer vor dem Fernseher. Überraschend schlug ein Film über investigative Journalisten und das Freihandelsabkommen TTIP in benachbarten Programmen aufgebotene Quiz- und Unterhaltungsshows, die gewöhnlich am Samstagabend im Quotenrennen vorne liegen. Mit "Tödliche Geheimnisse – Jagd in Kapstadt" (Samstag, 26.08.2017, 20.15 Uhr, ARD) kommt nun die Fortsetzung ins ARD-Programm. Im Staraufgebot des Films: Oliver Masucci, einer der renommiertesten Theatermimen Deutschlands.

Durch seine Rolle als Adolf Hitler in "Er ist wieder da" wurde er schlagartig auch einem Leinwand- und Bildschirm-fixierten Publikum bekannt. Im Interview erklärt der in Bonn aufgewachsene 48-Jährige, warum man dem Zuschauer heute durchaus komplexere und ambivalente Stoffe zumuten kann.

prisma: In der Thriller-Reihe "Tödliche Geheimnisse" geht es um die Allmacht der Konzerne. Haben Gesetze und Menschlichkeit gegen die kommerziellen Apparate bereits verloren?

Oliver Masucci: Es sieht nicht gut aus. Ich habe das Gefühl, dass die Welt mittlerweile Menschen züchtet, damit sie Dinge von Konzernen kaufen. Wir leben in einer sehr zynischen Zeit. Früher hat man noch an Banken oder Politiker geglaubt. Das ist vorbei. Man traut jedem nur noch Schlechtes zu. Das ist ein großes Problem – für uns alle.

prisma: Früher glaubte man an Gut und Böse. Woran glaubt man heute? Daran, dass alle mehr oder minder böse sind?

Masucci: Wenn man im Schlechten noch das Gute sehen will, könnte man sagen, dass heute selbst naiver denkende Menschen wissen, dass es das Reine, das Gute wohl nicht gibt. Es spiegelt sich ja auch in der Film- oder Fernsehkultur wider. Da sind ambivalente Charaktere als Helden einer Geschichte längst normal. Ich bin noch anders aufgewachsen. Als großer Western-Fan, der die Invasion Nordamerikas durch die Weißen nie infrage gestellt hat. Solange, bis ich den ersten Italo-Western sah. Da gab es plötzlich nicht mehr Gut und Böse, sondern nur noch sympathisch und unsympathisch. Auch der Sympathieträger hat böse Dinge getan. Für mein Wertesystem war das sicher revolutionär (lacht).

prisma: Verkaufte man die Kino- und Fernsehzuschauer früher für dumm, weil man ihnen reine Helden vorsetzte?

Masucci: Ich weiß nicht. Die Leute wollten das sehen. Heute glauben sie nicht mehr dran. Wenn wir uns eine Serie wie "House of Cards" anschauen, die von einem bösartigen US-Präsidenten erzählt, müssen wir feststellen: Die Realität ist längst übler als die Serie. Trotzdem weiß ich nicht, ob die Welt schlechter geworden ist. Vielleicht sind die Menschen heute einfach besser informiert, aufgrund der Medienentwicklung. Eigentlich glaube ich nicht daran, dass der Mensch an sich schlechter als früher ist. Kriege gab es immer. Um Besitz, um den Glauben, um Macht. Was heute neu ist, ist die Allmacht der Konzerne – gegen die offenbar auch die Politik nicht mehr ankommt.

prisma: Auch die Konzerne sind von Menschen gemacht ...

Masucci: Sie haben sich aber längst verselbstständigt und sind außer Kontrolle geraten. Sie wollen immer weiterwachsen, wie ein Virus. Und dabei zahlen sie noch nicht mal Steuern – also Geld, das sie der Allgemeinheit zurückgeben würden. Es ist ein absurdes System. Der Mensch selbst ist jedoch gleichgeblieben, denke ich. Menschen verändern sich nur schwer und ungern. Das funktioniert nur durch massive äußere Umstände.

prisma: Wie meinen Sie das?

Masucci: Ich glaube daran, dass wir eine starke Tendenz in uns haben, gleich zu bleiben, sofern es uns gutgeht. Kaum jemand beschließt ohne Druck, ein anderer zu werden und zieht das dann auch durch. Nur wenn etwas Massives auf uns einwirkt, ändern wir uns. Zum Beispiel ein Krieg, Bankrott oder Krankheit. Dass man sich ungern von allein verändert, zeigt ja auch das Fernsehen (lacht). Solange die Quote stimmt, macht man dort immer das Gleiche.

prisma: "Tödliche Geheimnisse" ist zumindest ein bisschen anders. Wie würden Sie das Genre beschreiben?

Masucci: Als Medien-Polit-Wirtschafts-Thriller vielleicht? Ich weiß nur, dass wir da etwas getroffen haben, das die Menschen wirklich interessiert. Vor allem die jungen. Beim ersten Teil haben doppelt so viele junge Zuschauer eingeschaltet als sonst. Vielleicht ist die Jugend gar nicht so unpolitisch wie gerade viele Ältere behaupten. Mir gefällt dieses Genre, dieses investigativ Thrillerhafte. Ich kann mich erinnern, dass es in den 70-ern öfter solche Filme gab. New Hollywood, vor allem aber auch aus Frankreich. Ich habe solche Filme als Jugendlicher wahnsinnig gerne gesehen. Ein bisschen Anstrengung tut aber auch gut. Wir Zuschauer wollen das durchaus. Auch in unserem Film reden die Figuren ab und an recht kompliziert daher. Sie müssen ja erklären, wie die moderne Welt der Konzerne, Politik und Lobbyisten funktioniert. Man hat nach solchen Filmen oft ein besseres Gefühl für sich selbst. Obwohl sie oft nicht gut ausgehen.

prisma: Ihr Leben als Schauspieler änderte sich massiv durch die Hitler-Rolle in "Er ist wieder da". Kann man sagen, dass es da fast schon ein "vorher" und "nachher" gibt?

Masucci: Ja, klar. Ich habe nach dieser Rolle ganz andere Angebote bekommen und bin nun in der sehr schönen Position, an sehr interessanten Filmprojekten arbeiten zu dürfen.

prisma: Dabei waren sie vorher bereits ein sehr renommierter Theater-Darsteller. Hätten Sie denn gerne früher eine Film-Karriere gemacht?

Masucci: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Ich hatte sehr kleine Kinder, um die ich mich viel und sehr gerne gekümmert habe, als ich am Wiener Burgtheater beschäftigt war. Ich wollte zu dieser Zeit nicht unbedingt im Fernsehen die Vorabend-Serie spielen. Dazu hatte ich keine Lust. Eigentlich wartete ich darauf, dass irgendeine sehr gute Rolle vorbeikommt. Vom Theater konnte ich immerhin leben. Und dort hat man im Vergleich zum Fernsehen meist auch die besseren Texte und Autoren (lacht).

prisma: Wie lange haben Sie gewartet?

Masucci: Es waren sieben Jahre, in denen ich nicht drehte. Ich sagte mir damals, dass ich solange nichts mache, bis etwas Tolles um die Ecke kommt. Als David Wnendt, der Regisseur von "Er ist wieder da" mir erklärte, dass er mit dieser Hitler-Figur tatsächlich unter die Leute gehen und schauen wollte, was dann passiert, war mir klar, dass ich das machen muss. Dieses irre Projekt lockte zweieinhalb Millionen Kinozuschauer an, das hätte ich niemals gedacht. Plötzlich kannten mich alle, zumindest in der Community der Filmemacher.

prisma: Hatten Sie Angst, auf die Hitler-Rolle festgelegt zu werden?

Masucci: Ja, ein bisschen. Deshalb bemühte ich mich, danach sehr viele unterschiedliche, andere Sachen zu spielen. Es klappte glücklicherweise. Ich galt als unverbrauchter Charakterkopf, der auch noch spielen kann.

prisma: Was wird man demnächst von Ihnen sehen?

Masucci: "Dark", die erste deutsche Netflix-Serie, ist ein spannendes Projekt. Es ist abgedreht und soll im kommenden Winter ausgestrahlt werden, hört man. Ich habe in der tollen Serie "4 Blocks" gespielt, da drehen wir eine zweite Staffel. Im November kommt "Werk ohne Autor" in die Kinos, der neue Film Florian Henckel von Donnersmarcks. Auch da habe ich eine schöne Rolle. Mit Katja Riemann und dem Regisseur Oskar Roehler drehte ich gerade "Subs", die Verfilmung eines Romanes von Thor Kunkel, eine sehr bösartige Gesellschaftssatire. Auch die wird im Kino laufen. Aktuell drehe ich mit Frederick Lau und Antje Traue einen Kinofilm über die Wettmafia. Ich kann mich wirklich nicht über mangelnde Abwechslung oder Qualität beklagen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst