Kurz vor Heiligabend bescheren Thiel und Boerne den Zuschauern einen Weihnachts-"Tatort" zwischen Albtraumgrusel und Feiertagsalbernheiten.

Was wäre das ausgehende Jahr ohne den beinahe schon traditionellen Weihnachts-"Tatort"? Der kommt diesmal kurz vor den Feiertagen aus Münster und entpuppt sich – wie zu erwarten – als wenig besinnlicher Krimi mit einem eher unromantischen Blick auf das Fest der Liebe. Schließlich sind die Singles Thiel und Boerne, deren charakterliche Verschrobenheiten von Axel Prahl und Jan Josef Liefers angesichts der allgemeinen Fröhlichkeiten besonders hervorgekehrt werden, alles andere als große Freunde familiärer Festtagsfreude. Glücklicherweise hält ihnen der "Tatort: Väterchen Frost" unter Regie von Fernsehpreis-Gewinner Torsten C. Fischer zahlreiche Ablenkungen vom Weihnachtsschlamassel bereit.

Und das, obwohl der Film nicht mit einem neuen Fall, sondern mit einem Gerichtsprozess beginnt, der für die beiden Ermittler eigentlich das Jahr beschließen soll. Es geht um den Mord an einem jungen Mann, die Indizien sind eindeutig. Doch das Urteil wird vertagt – ausgerechnet aufgrund einer weihnachtlichen Erkältungswelle, die Münster heimgesucht hat. Alles hustet, niest und schnupft, auch Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), die deshalb ihr Schlussplädoyer nicht halten kann. Man sieht: Selbst zum Jahresende macht der Münsteraner Slapstick keine Pause. Erholung gibt es auch für Thiel und Boerne nicht, die eigentlich die Feiertage mit Familie und Freunden begehen wollten. Behaupten beide zumindest.

Doch Thiels in Neuseeland lebender Sohn sagt den angekündigten Besuch kurzfristig ebenso ab wie Boernes (angebliche) Freunde den geplanten Skiurlaub in den Bergen. Bevor sie also ein weiteres Mal von Staatsanwältin Klemm zum Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt gezwungen werden ("Wenn ich Sie schon einlade, können Sie wenigstens so tun, als ob es Ihnen schmeckt" – "Ein bisschen viel verlangt"), kommt es beiden nur gelegen, dass der geklärt geglaubte Fall noch einmal aufgerollt wird: Thiel erhält einen eigenartigen Anruf von einem angeblichen "Weihnachtsmann", der die aufstrebende Kommissars-Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) entführt hat.

Gerade noch wollte sie Thiel selbstgebackene Plätzchen vorbeibringen und die Feiertagsreise zu ihrer Familie nach Russland vorbereiten, schon ist die Ermittlerin im Keller des ebenfalls russischstämmigen Artjom (Sascha Alexander Gersak) gefangen und kommentiert angemessen: "Sie verdammtes Weihnachtsmannarschloch! Warum haben Sie mich entführt?" – Seine Gründe hat er: Der Kidnapper verlangt, dass der anfangs verhandelte Mordfall um den abermals russischen Beschuldigten Kirill Gromow (Oleg Tikhomirov) neu untersucht wird. Gromow soll seinen Lover ermordet haben, womöglich aus Eifersucht, kann sich aber an nichts erinnern. Da sich die anfängliche Strategie, zufälligen Weihnachtsmännern in der Weihnachtszeit die Mütze und Bärte abzureißen, als wenig hilfreich erweist, befragen Thiel und Boerne den in Untersuchungshaft Sitzenden erneut.

Fortan vollführt "Väterchen Frost" einen etwas chaotischen Ritt durch ein wahlweise bedrohlich oder nervend inszeniertes Münster. So erfuhren die Ermittler vom Verdächtigen, "was das heißt: Schwulsein in Russland. Du hast keine Freunde und Familie mehr. Alle behandeln dich wie eine Krankheit". Irgendwann kommt die russische Mafia ins Spiel, wobei Boerne seine latente Russophobie ausspielt (Thiel: "Boerne, es langt!"), zugleich aber an seiner eigenen gerichtsmedizinischen Untersuchung zweifeln muss ("Ein Boerne irrt sich nie") und sogar nicht davor zurückschreckt, Gräber wieder auszuheben. Überhaupt spielt der Münsteraner "Tatort" mit hübschen Horrormotiven: Gerade Thiele erwacht immer wieder aus grausigen Albträumen, in denen er von Väterchen Frost lebendig begraben oder nackt im Schnee sitzend von einem Bären bedroht wird, während Blut spritzt und abgeschnittene Körperteile herumfliegen.

Abseits davon fragt der etwas zu offensichtlich inszenierte Nebenstrang: Was hat es wohl mit dem Juwelierladen der als zwielichtig ins Drehbuch geschriebenen Elisabeth Lange (Heike Trinker) auf sich, in deren Laden zudem die Schwester des Opfers, Sabrina Bux (Sophie Lutz), als ausgebeutete Schmuckmacherin arbeitet? Zu allem Überfluss gibt sich auch noch Thiels "Vadder" (Claus D. Clausnitzer) verdächtig, der sich neuerdings in seinem Taxi auch als Kurier für einen geheimnisvollen Auftragggeber verdingt – und sich als bekennender Buddhist in Weihnachtskonsumkritik übt, die wohl lustig sein soll: "In der Stadt sollte man Terroralarm ausrufen – Konsumterroralarm!".

Wie gesagt: Besinnlich ist dieser "Tatort" nicht, auch wenn der morbide Charme, der melancholische Blick der Ermittler auf die Welt und die allfälligen Albernheiten durchaus zu einem gehörigen (Anti-)Weihnachtsdrama taugen. Dazu bei trägt vor allem die geheimnisvoll und natürlich irgendwie böse wirkende Figur Jörn Weig bei, die beste Kontakte zum Juwelierladen pflegt und von "Blechtrommel"-Star David Bennent die nötige Eigenartigkeit verliehen bekommt. Dessen Charakter läuft überraschend dem irgendwie ganz netten Entführer den Rang des mysteriösen Typen ab – was auch daran liegen mag, dass sich im "Tatort: Väterchen Frost" dann doch noch eine weihnachtliche Liebesgeschichte direkt aus Stockholm zuträgt – nämlich zwischen Kidnapper und entführter Kommissarin.


Quelle: teleschau – der Mediendienst