Ken Russell

Henry Kenneth Alfred Russell
Geboren: 03.07.1927 in Southampton, England, Großbritannien
Sternzeichen: Krebs
Gestorben: 27.11.2011 in London, England, Großbritannien

Er war der Exzentriker unter den Regisseuren und wurde mit dem Publikums- und Kritikererfolg "Liebende Frauen" berühmt: Ken Russell. Der Spezialist von erotischen Abenteuern besuchte das Pangbourne Nautical College, später die Walthamstow Art School, London, wo er als Photograph ausgebildet wurde. Als Kind hatte er Ballettunterricht und als er auf der Bühne stand, sah man ihn auch häufig als Tänzer. Vom Film war er früh besessen, Schmalfilm, 16 mm, später professionell und als das Videosystem aufkam, experimentierte der längst bekannte Filmemacher auch hier.

1958 drehte er drei Amateurfilme, von denen - wie er sagte - "Amelia und der Engel" der beste sei. Beim BBC begann er 1959 vorwiegend mit Filmen über zeitgenössische Künstler. Vor allem die Serie über Komponisten machte Furore. Musikkritiker beschimpften ihn und warfen ihm Respektlosigkeit gegenüber den geheiligten Göttern des Olymp vor. So sieht man etwa in "Prokofiew" (1961) nur die Hunde über die Tasten laufen, in "Elgar" (1962) wird der Komponist in einigen Szenen von einem Schauspieler gedoubelt und "Debussy" (1965) war eine völlig dramatisierte "Dokumentation".

Zwischendurch drehte Russell seinen ersten Kino-Spielfilm "French Dressing" (1963), eine spritzige Komödie, deren Heiterkeit von den aus Werbefilmen (auch das hatte Russell zwischendurch gemacht) stammenden visuellen Tricks stammt. Solche Techniken hatte Russell dem späteren "Erfinder" dieser Spielart, Richard Lester, vorweggenommen. Sein Ruf als Fernsehregisseur wurde durch einen Film über Isadora Duncan (1966) und "Dante's Inferno" (1967) gefestigt.

Viele Freunde von Russell bezeichnen seinen zweiten Film "Das Milliarden-Dollar-Gehirn" (1967) als Fehlgriff, doch der dritte Teil der Anti-Bond-Figur Harry Palmer alias Michael Caine ist ein subversiver Action-Spaß, in dem jede Kalte-Krieg-Stimmung und der im angloamerikanischen Actionfilm schon programmatische Antikommunismus völlig ad absurdum geführt wird: Ein wahnsinniger texanischer Öl-König will via Lettland die Sowjetunion vernichten. Eine zwielichtige Agentin alias Françoise Dorleac und der sowjetische Abwehroffizier Oscar Homolka vereiteln den Plan. Höhepunkt des Spektakels: ein Lebenskampf auf einem riesigen Lettischen Eissee, als Hommage an Eisensteins "Alexander Newski" inszeniert.

Der Publikums- und Kritikererfolg von "Liebende Frauen" - für den Film erhielt Russell 1970 eine Oscar-Nominierung - machte ihn zum Spezialisten von erotischen Abenteuern. Nach D. H. Lawrences "Women in Love" folgten "Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn" (1970), Gustav Mahler in "Mahler" (1973) und Franz Liszt in "Lisztomania" (1975). Hier übersteigerte Russell seinen Hohn aus den frühen Fernsehtagen ins Groteske.

Doch es ging dem Regisseur vor allem um die Kritik am Zeitgeist als um die Zerstörung des Künstlers und seines Werkes. In "Lisztomania" konfrontiert Russell den sinnesfreudigen Luxusmenschen, der hier ein umstürmter Rockstar, ist einem vom Teufel besessenen Richard Wagner, der in seinem nationalen Wahn einen künstlichen Menschen à la Frankensteins Monster erschafft. Und der ist eine Mischung aus Siegfried, Hitler und Wagner. Damit bringt Russell Wagner und den Nationalsozialismus zusammen, zeigt den Kult der braunen Bewegung als Erbe Wagnerschen Gralskults. Eine geniale Idee, das deutsche Musikwesen ausziehen zu lassen, um die Welt mit Gewalt zu überzeugen. "Wir leben nicht in einer Zeit der guten Sitten, sondern in einer, in der man Leute unter der Gürtellinie treffen muss. Ich will schockieren, damit die Leute etwas begreifen," erzählte Russell einmal. In dem Film "Die Teufel" nach Aldous Huxley tat er das so kräftig, dass "Newsweek" den Film als "Gemeinschaftsproduktion von Nero und Marquis de Sade" bezeichnete und das Vatikansblatt "Osservatore Romano" den Film als Beleidigung für die gesamte Welt des Films" ansah. Russell hatte sein Ziel erreicht, seine Filme strotzen von unbändiger Leidenschaft, ob es sich um religiöse Fanatiker, qualvollen Künstlerwahn oder übersteigerte Liebesempfindung handelt. Ein brillanter Film geriet in Vergessenheit: "Der wilde Messias" von 1972.

Zu den wunderbaren Filmen des Regisseurs zählen auch das Porträt "Tommy" (1974), "Valentino" (1976), "China Blue bei Tag und Nacht" (1984) und der albtraumhafte "Gothic" (1986), in dem er eine Gespensternacht am Genfer See beschreibt. In "China Blue" hingegen ist Kathleen Turner zweigeteilt: Aufregend undurchsichtig, elegant gekleidet, fast ein wenig maskulin, dennoch aber von vibrierender Weiblichkeit: Joanna Crain. Die Modedesignerin lebt zurückgezogen in fürstlicher Umgebung. Männer hält sie sich vom Leib, ihre Unnahbarkeit macht sie jedoch verdächtig: der Chef schickt einen jungen Detektiv auf ihre Spur! Das hätte er mal lieber nicht getan, denn jetzt kommt China Blue ins Spiel und das ist tödlich!

Eine Jean d'Arc im Rotlichtbezirk ist das Mädchen Liz und ihre Story ist eine Sozialgeschichte aus der Gegenwart. Dass die bei Russell anders aussieht, war zu erwarten. Nicht der Ärger über Richard Gere und Julia Roberts im Film "Pretty Woman" hat - wie oft kolportiert und von der Werbung flink aufgegriffen - Ken Russell zu seinem ungewöhnlichen Prostituierten-Portrait "Die Hure" (1991) inspiriert, sondern ganz einfach ein Londoner Taxifahrer, der seine Gespräche und Erfahrungen mit Prostituierten erst zu Stories und dann zum Theaterstück verarbeitete. Der sprach den prominenten Film- und Opernregisseur auf der Straße an und fragte ihn, ob er nicht sein Stück lesen wolle. Russell tat's und war begeistert. Er schrieb die Story fürs britische Kino um, doch da gab man ihm keine Chance, obwohl das Stück inzwischen ein Hit geworden war. Zu rüde war den Briten die Sprache aus dem Red Light District, und vor allem: so etwas ließe sich nie auf dem Bildschirm vermarkten. Auch gefiel den Engländern nicht, was Liz über die Männer sagt, die sich mit ihrem brutalen Sex-Verhalten nur für ihr mickriges Leben rächen wollen.

Ein amerikanischer Freund organisierte dann die Verbindung zu einer US-Firma, Deborah Dalton, durch Radio-Features über Prostituierte sachvertraut, schrieb mit Russell die Story aus dem Londoner Milieu in das von Los Angeles und das erstaunlichste für Regisseur Russell: "Es bestand überhaupt kein großer Unterschied zwischen einer Prostituierten aus London und einer aus L. A.!" Die Story: Liz ist eine vom Straßenstrich in Los Angeles und das ist ganz harte Arbeit. Seit sie ihrem zudringlich brutalen Luden Blake abgehauen ist, muss sie sich die Kunden selbst aussuchen und da kann man sich ganz rasch vertun. Pervers, brutal und niemals romantisch ist diese Wirklichkeit, und wenn's mal besser geht und friedlicher, dann macht ihr der Zuhälter wieder zu schaffen. Der lässt nicht locker, ist ihr ständig auf den Fersen, prügelt sie, wann immer er sie findet und will sie am Ende gar töten. Doch der kleine schwarze Clown Rasta, der im Film immer wieder auftaucht, verhindert das in letzter Minute.

Ken Russells "Die Hure" ist ein Film über den Kreislauf der Ausbeutung. Ohne Beschönigung wird das dunkle Leben im Halbweltmilieu eingefangen,schmuddlige Straßenecken, wo zwischen Ausgeflippten und Pennern der knappe rote Mini der Liz einen kessen Farbfleck setzt. Und dieses Bild ist typisch für den ganzen Film: Natürlich hat Ken Russell bei aller Authentizität der Szene keinen realistischen Film gemacht. Der musikalisch opernhafte Charakter kennzeichnet auch hier das Ken-Russell-Signum: "Musik bringt die Szenen oft besser zum Tragen und gibt mehr Kraft als Dialoge es könnten."

Die Straßen, Plätze und Kneipen erscheinen als Kulissen, die Personen um Liz herum wirken stilisiert und Theresa Russell tritt als Liz immer wieder direkt vor die Kamera und spricht zum Publikum, erzählt (was in sparsamen Rückblenden abläuft) aus ihrem Leben: die verpfuschte Ehe, der Sohn bei Pflegeeltern, das Hineinrutschen in die Prostitution. Theresa Russell ist ausgezeichnet, sie macht diese schrille Figur glaubwürdig, gibt ihr in der Mischung aus Vulgärem und Verletzlichem etwas Vertrautes, das tiefe Traurigkeit auslöst. Auch wenn die Solidarität der Getretenen, die Kumpanei zwischen dem Neger Rasta und der zukunftslosen Blondine Liz als fast versöhnlicher Schluss erscheint.

Weitere Filme von Ken Russell: "Der Biss der Schlangenfrau" (1988), "Der Regenbogen" (1989), "Der Gefangene der Teufelsinsel" (1991) "Lady Chatterley" (1995), "Gejagt und in Ketten gelegt" (1998).


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