Samuel Fuller

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Die Zigarre war sein Markenzeichen: Samuel Fuller
Samuel Fuller
Geboren: 12.08.1911 in Worcester, Massachusetts, USA
Gestorben: 30.10.1997 in Hollywood, Kalifornien, USA

"Fullers Filme skandalisieren. Sie können grotesk wirken, geschmacklos, brutal, häßlich. Sie wirken niemals beruhigend. Fullers Welt ist eine gewalttätige Welt, eine Welt der Entbehrungen und des Leidens, der Angst und des Schreckens, des Hasses und der Krankheit." Biograph Peter Wollen vergleicht Samuel Fuller und Norman Mailer. Beide - so schreibt er - seien von Amerika besessen und fühlten sich sehr stark als Amerikaner, aber ihr Amerikabild sei von Gewalt und Verrücktheit gezeichnet. Fullers Filme sind unmittelbar mit seiner eigenen Geschichte verbunden.

Seit dem sechsten Lebensjahr lebt Samuel Fuller in den Slums von New York. Dort beginnt sein Kampf ums Überleben: Zeitungsjunge mit 13, Polizei- und Gerichtsreporter in San Diego mit 17, Roman-Autor mit 23. Fuller schreibt Drehbücher, ist Soldat und Kriegsberichterstatter. Er dreht seinen ersten Spielfilm als er 37 Jahre alt ist: "Ich erschoss Jesse James". Titel und Kino wechseln einander ab: all seine Filme, ob Krimis, Psychothriller oder Schlachten-Epen sind vom Krieg bestimmt - Gewalt mit klassischer Musik - meist von Ludwig van Beethoven.

Zu Beethoven gibt es eine besondere Anekdote: 1944 ist GI Fuller in Bonn. Sein Sergeant und er gehen nachts in ein leeres Haus, schlafen in einem Zimmer auf dem Fußboden. Als Fuller aufwacht, stößt er mit dem Kopf an ein Klavier. An den Wänden entdeckt er Noten, Briefe, Fotos - sie sind in einem Museum, in Beethovens Geburtshaus. Das erzählt er über Jahrzehnte immer wieder, die kauzige Erfindung eines Unikums oder Wahrheit? - beides jedenfalls passt zu Good Old Sam. Beethoven lässt Fuller nie los: die "Schicksalssymphonie" zu Beginn von "Verboten", dem Kriegsfilm mit dem deutschen Titel von 1958 folgt das Staccato eines Maschinengewehrs im selben Rhythmus. Auch in "The Big Red One" (1968) sind Passagen mit suggestiver Beethoven-Musik unterlegt.

Als Fuller 1972 vom WDR Köln eingeladen wird, eine Folge der "Tatort"-Reihe zu drehen, nennt er ihn "Tatort - Tote Taube in der Beethovenstraße". Der Fernsehfilm wird in Bonn gedreht und zitiert Fullers Erinnerungen an die Kriegszeit. Fuller wohnt in einem Hotel, besichtigt tagsüber die möglichen Drehorte, die Wände des Zimmers füllen sich mit Fotos und Skizzen. Bevor er mit dem Drehbuch beginnt, sind Schauplätze und Details schon festgelegt. In einem Kölner Kino schaut er sich bis tief in die Nacht Filme an, die er im "Tatort" zitiert: Jean-Luc Godards "Alphaville", in dem seine Frau, Christa Lang, eine Rolle spielt, Howard Hawks "El Dorado", und Fuller lacht schallend, als John Wayne in der deutschen Fassung vom Wirt "ein Glas Bier" verlangt. Der Regisseur will vor allem alles ansehen, was mit Karneval zu tun hat. Denn Karneval spielt auch in seinem Bonn-Krimi eine wichtige Rolle. Das Drehbuch entsteht in wenigen Tagen, er ist ein Arbeitstier - "Schlafen kann ich später, wenn der Film fertig ist".

Ein wunderbarer Haudegen, dieser kleine Mann, mit der Havanna als Markenzeichen im Mundwinkel, ein Geschichtenerzähler, wie man ihn sehr selten nur noch fand. Seine Filme haben eine ganz persönliche Handschrift und handeln häufig von Gewalt und menschlicher Gemeinheit, auch der ruhige, poesievolle Zeitungs-Film "Park Row - Eine Zeitung für New York" von 1952. Fuller kennt das Milieu wie kaum ein anderer. Lange lebte der US-Rebell in Paris. 1989 entstanden dort zwei Spielfilme "Die Madonna und der Drache" und "Straße ohne Wiederkehr", der zweite erinnert an das Frühwerk.

Fuller ist noch zu Lebzeiten Legende, ein Stück amerikanische Filmgeschichte. Christa Lang produziert vor allem Filme von und mit Sam. Vor ein paar Jahren hat der Finne Mika Kaurismäki aus einem alten, abgebrochenen Fuller-Projekt einen aufregenden Reportagefilm gedreht: "Tigrero" war 1954 als aufwendiges Projekt mit Stars wie John Wayne, Ava Gardner, Tyrone Power in Brasilien geplant, und wurde aus Versicherungsgründen nie gedreht. Fuller war zuvor zu Recherchen vor Ort, hatte mit der 16 mm-Kamera das Leben der Karajú-Indianer festgehalten. Mit Hilfe des wiedergefundenen alten Material machten Mika Kaurismäki, Fuller und Jim Jarmusch 1994 einen eindringlichen, poetischen Dokumentarfilm.

Weitere Filme von Samuel Fuller als Regissieur sind: "Der letzte Angriff" (1951), "Polizei greift ein" (1953), "The Crimson Kimono" (1959), "Vierzig Gewehre" (1957), "Durchbruch auf Befehl" (1961), "Schock-Korridor" (1963), "Hai" (1969) sowie "Der weiße Hund von Beverly Hills" (1981). Außerdem trat Fuller seit seinem ersten Auftritt in Godards "Elf Uhr nachts" (1965) immer wieder als Schauspieler in Erscheinung, so u. a. in Dennis Hoppers "The Last Movie" (1971) und in vielen Filmen von Wim Wenders ("Der amerikanische Freund", 1977, "Hammett", 1982, "Der Stand der Dinge", 1982 und in "Am Ende der Gewalt", 1996).


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