Lord "Dickie" Mountbatten (Hugh Bonneville, vierter von links) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) vertreten in Indien die britische Krone.

Der Stern von Indien

KINOSTART: 10.08.2017 • Drama • GB / IND (2017) • 107 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Viceroy's House
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
GB / IND
Filmstudio
Reliance Entertainment, BBC Film, BFI, Bend It Films, Deepak Nayar Productions, Anguille Productions, Filmgate, India Take One, Ingenious Media, Pathé
Einspielergebnis
11.868.221 USD
Laufzeit
107 Minuten
Regie
Gurinder Chadha
Music
A.R. Rahman
Kamera
Ben Smithard

Filmkritik

Brisante Geschichtsnachhilfestunde
von Gabriele Summen

Mit dem bildgewaltigen Historiendrama "Der Stern von Indien" liefert Gurinder Chadha eine überaus spannende und lehrreiche Sicht auf die Teilung Indiens.

Den 15. August 1947, den Tag, an dem Indien nach drei Jahrhunderten britischer Kolonialherrschaft endlich unabhängig wurde, verschläft Gandhi einfach. "Es gibt heute nichts zu feiern", konstatiert er weise, bevor er die Augen schließt. Schließlich ist es dem letzten Herrscher – Lord Mountbatten – nicht gelungen, einen einheitlichen indischen Staat in die Freiheit zu entlassen. Der religiös tief gespaltene Subkontinent wurde damals in Pakistan und Indien aufgeteilt. Die britische Filmemacherin Gurinder Chadha entstammt selbst einer Familie aus dem nordindischen Punjab, welche nach der Teilung Indiens fliehen musste. In ihrem zu Herzen gehenden, zart-bollywoodesken Historiendrama "Der Stern von Indien" beleuchtet sie eindrucksvoll die politischen Hintergründe, die zu dieser schmerzlichen und verlustreichen Spaltung des Landes geführt haben, deren Konflikte bis heute weiter schwelen.

Am selben Tag wie Lord "Dickie" Mountbatten (Hugh Bonneville) zieht Jeet (Manish Dayal), ein junger Mann aus dem Punjab, in den prächtig ausgestatteten und bildgewaltig von Kameramann Ben Smithard in Szene gesetzten Königspalast mit seinen 500 Angestellten ein. Dickies kluge Ehefrau Edwina ("Akte X"-Star Gillian Anderson) und ihre smarte Tochter Pamela (Lily Travers) sind überwältigt von der Opulenz des Palastes, gegen den sich Buckingham Palace "wie ein Bungalow" ausnimmt.

Der aufrechte Hindu Jeet wird Diener des redlichen Vizekönigs, der übrigens der Onkel des heutigen britischen Prinzgemahls Philip war. Am Hof trifft Jeet seine große Liebe wieder, die Muslimin Aalia (Huma Qureshi), die aus demselben Dorf wie er stammt und im Palast als Übersetzerin arbeitet. Ihr blinder Vater (der im Januar verstorbene Bollywood-Star Om Puri in seiner letzten großen Rolle), der sich einst gegen den Briten aufgelehnt hat und dafür im Gefängnis saß, ahnt lange nichts von den heimlichen Gefühlen der beiden. Seine Tochter ist bereits einem Muslim versprochen, denn die Engländer haben ganze Arbeit geleistet: Mit ihrer Maxime "Teile und herrsche" haben sie die Spaltung der Religionsgemeinschaften bewusst vorangetrieben, sodass eine Ehe zwischen dem Hindu und seiner Jugendliebe mittlerweile unvorstellbar geworden ist.

Geschickt spiegeln Gurinder Chadha und ihre Co-Autoren Paul Mayeda Berges und Moira Buffini den Palast als Mikrokosmos der Konflikte des Vielvölkerstaates Indien. Die "Kick It Like Beckham"-Regisseurin nimmt sich viel Zeit, den wohlmeinenden Lord Mountbatten bei seinen schwierigen Verhandlungen mit politischen Führern des Landes zu beobachten. Während Gandhi (Neeraj Kabi) und der Indische Nationalkongress unter Nehru (Tanveer Ghani) einen Einheitsstaat wollen, strebt der muslimische Repräsentant Muhammad Ali Jinnah (Denzil Smith) einen neuen islamischen Staat Pakistan an.

Lord Mountbatten aber begreift zu spät, dass Winston Churchill aus geopolitischen Kalkül bereits im Hintergrund kräftig die Fäden zieht. In ihrer klugen Version der Geschichte stellt Chadha Mountbatten als eine Marionette der britischen Regierung dar, die ihre Ölinteressen am Golf mit dem neu gegründeten Staat Pakistan gegen die Sowjets schützen will.

Erst nach den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten, von denen Gandhi zu Recht nichts wissen will, zeigt sich die tiefe Tragik und Brutalität des Teilungsplans, denn nun müssen Millionen Menschen gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen. Während die muslimische Minderheit sich auf den Weg nach Norden macht, sehen sich die Hindus in Pakistan gezwungen, gen Süden aufzubrechen. Deren unvorstellbares Leid und die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern führen dem Zuschauer hochaktuell vor Augen, was passiert, wenn eiskaltes, politisches Kalkül vor Menschlichkeit den absoluten Vorrang hat.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

David Hayman
Längst über "Akte X" hinausgewachsen: Gillian Anderson
Gillian Anderson
Dank "Downton Abbey" weltweit bekannt: Hugh Bonneville
Hugh Bonneville
Mimte unter anderem den "Dumbledore": Michael Gambon.
Michael Gambon
Weitere Darsteller
Manish Dayal Huma Qureshi Simon Callow Om Puri Lily Travers Simon Williams Arunoday Singh Sarah-Jane Dias Lucy Fleming Marcus Jean Pirae Samrat Chakrabarti Terence Harvey Roberta Taylor Neeraj Kabi Denzil Smith Darshan Jariwala Jaz Deol Robin Soans Tanveer Ghani Trishaan  Hriiday Malhotra Noah Zeiler Nicholas Blane Mahatma Gandhi Jawaharlal Nehru Edwina Mountbatten Louis Mountbatten Winston Churchill

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