Noch lächelt sie tapfer in die Kamera: Doch das Leben der arbeitslosen Journalistin Alice (Eva Löbau) geht im Film "Reise nach Jerusalem" kontinuierlich den Bach runter. Wird sie ihren Abstieg aufhalten können?
Brillant grimmiges Frauenporträt aus der Welt der Arbeitssuchenden: "Reise nach Jerusalem" mit "Tatort"-Kommissarin Eva Löbau

Reise nach Jerusalem

KINOSTART: 15.11.2018 • Drama • D (2018) • 120 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Reise nach Jerusalem
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
D
Laufzeit
120 Minuten
Regie
Lucia Chiarla

Filmkritik

Und raus bist du!
von Eric Leimann

Alice ("Tatort"-Kommissarin Eva Löbau) wird arbeitslos. Die Berliner Singlefrau ist Ende 30 und im Prinzip all das, was man heutzutage sein soll: gut ausgebildet, berufserfahren, ungebunden und voll flexibel. Schleichend verliert sie den Anschluss an ihr Leben. Brillant gespieltes Frauenporträt aus der Welt der Arbeitssuchenden.

Anfangs geht Alice ihre Bewerbungen noch dynamisch an. Der Wecker klingelt früh und nach dem Joggen durch die winterliche Hauptstadt werden Bewerbungen geschrieben, Job-Interviews per Skype arrangiert oder alte Kollegen-Netzwerke aktiviert, um sich bei einer Stehparty ins Gespräch zu bringen. Doch nichts will klappen. Alices Aktionen nehmen mehr und mehr tragikomische Züge an. "Reise nach Jerusalem" ist die Geschichte eines individuellen, sozialen Abstiegs. Schauspielerisch brillant und so realistisch, dass man beim Zuschauen zwischen Faszination und Fremdschämen schwankt.

Als Alice ein vom Jobcenter verordnetes Bewerbungstraining abbricht, kürzt die Behörde ihre Arbeitslosenbezüge. Von nun an wird das knappe Geld noch knapper. Ihren Eltern (Veronika Nowag-Jones, Axel Werner) spielt Alice immer noch eine funktionierende Frau aus der Mitte der Gesellschaft vor. Tatsächlich aber kann sie sich die Heizkosten nicht mehr leisten. Für eine dringend notwendige Zahnbehandlung fehlt erst recht das Geld. Ihre einzige Einnahmequelle sind Benzingutscheine, die Alice für die Teilnahme an absurden Produktdiskussionen erhält, die von einer Bekannten organisiert werden. Doch leider besitzt sie kein Auto und versucht deshalb nachts an Tankstellen, die Gutscheine in Geld umzutauschen – mit überschaubarem Erfolg. Am Vorabend ihres 40. Geburtstags besucht Alice ihren sympathischen italienischen Nachbarn Luca (Beniamino Brogi) – obwohl sie ihn erst kürzlich als "Freiberufler" erlebte, der seinen Körper bei Damen-Partys anbietet.

Die italienische Schauspielerin und Regie-Debütantin Lucia Chiarla zog 2005 mit ihrem Sohn nach Berlin. Etwa seit dieser Zeit arbeitet die heute 47-Jährige an ihrem Frauenporträt, das ohne die sonst üblichen Fördergelder von Fernsehsendern entstanden ist. "Reise nach Jerusalem" seziert das Schicksal "moderner" Arbeitslosigkeit in einem Tonfall, der deutschen Filmemachern wohl eher schwerfiele: als bösartiges Drama, über das man doch immer wieder grimmig lachen muss. Weil seine Situationen so realistisch inszeniert sind, dass man als Zuschauer der stattlichen 120 Minuten mitunter denkt, man würde durch ein Schlüsselloch dem abkippenden Leben einer eigentlich doch recht normalen Frau beiwohnen.

Wer Eva Löbaus Durchbruch als Schauspielerin kennt – Maren Ades ("Toni Erdmann") Frühwerk "Der Wald vor lauter Bäumen" -, weiß, dass die mittlerweile 46-Jährige solche Rollen spielen kann wie kaum eine Zweite in Deutschland. In Ades Film von 2003 beeindruckte (und erschreckte) Löbau als quälend selbstunsichere Lehrerin. Wer diesen Film einmal gesehen hat, vergisst ihn sein Leben lang nicht. "Reise nach Jerusalem" ist die ebenso brillante Darstellung eines Scheiterns, wenn auch mit mehr Humor und klugen Beobachtungen unserer voll flexiblen, immer mehr ungeerdeten Arbeitskultur versehen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Antonio Wannek
Jan Henrik Stahlberg in "Muxmäuschenstill".
Jan Henrik Stahlberg
Eva Löbau als "Tatort"-Kommissarin Franziska Tobler.
Eva Löbau
Weitere Darsteller
Anna Bardorf Veronika Nowag-Jones Bettina Lohmeyer

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