Die deutsche Serienlandschaft verändert sich. Vor allem durch den neuen starken Output inländischer Produktionen, mit denen Netflix, Amazon und Sky den Markt aufmischen. In Amazons furiosem Techno-Thriller "Beat" (ab 9. November) spielt Christian Berkel eine der Hauptrollen. Doch auch im "alten" Fernsehen ist der 61-Jährige nach wie vor dabei. Seine ZDF-Serie "Der Kriminalist", die 2006 startete, geht eine Woche nach "Beat", am Freitag, 16. November, 20.15 Uhr, mit sechs neuen Folgen in ihre 13 Staffel. Was unterscheidet das alte vom neuen Fernsehen? Und hat beides eine Zukunft, Herr Berkel?

prisma: Herr Berkel, Sie sind ein Veteran des deutschen Fernsehens. Fühlt es sich anders an, eine Serie für Amazon zu drehen?

Christian Berkel: Der größte Unterschied der modernen Serien zu früheren ist das horizontale Erzählen. Wir wissen, dass wir seit geraumer Zeit einen Umbruch erleben, der den Stoffen und ihrer Qualität guttut. Gut daran ist aber auch, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen diese Entwicklung mitvollzieht. Ich glaube, bald wird man in Sachen Qualität und Machart ambitionierter Serien keinen großen Unterschied zwischen Streaming-Dienst und klassischem Fernsehen mehr bemerken. Für uns Kreative ist das natürlich eine tolle Situation, in die wir da geraten sind.

prisma: Das heißt, Sie haben das Öffentlich-Rechtliche noch nicht aufgegeben.

Berkel: Nein, keineswegs. Das Öffentlich-Rechtliche fühlt sich für mich und die meisten meiner Kollegen ja wie Heimat an. Wir sind mit dem Fernsehen aufgewachsen, als Schauspieler sind wir ins Fernsehen reingewachsen. Wir sind sozusagen beide Veteranen, um bei Ihrem Begriff zu bleiben (lacht). Insofern ist da natürlich Verbundenheit da. Ich glaube tatsächlich, die tolle Entwicklung bei der Qualität fiktionaler Stoffen ist auch eine große Chance fürs Öffentlich-Rechtliche, die ja Qualität grundsätzlich können.

prisma: Sie haben mit "Der Kriminalist" auch noch eine traditionelle Serie im ZDF. Ist fiktionale Qualität denn nur im horizontalen Serienfernsehen zu finden?

Berkel: Nein. International beobachte ich sogar einen gegenteiligen Trend. In Amerika entstehen wieder mehr sogenannte "Procedurals", also Serien mit jeweils abgeschlossenen Folgen. Man kann in jeder Länge und jeder Form hochwertig oder minderwertig erzählen. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Leute auch ein wenig vom Serien-Boom erschlagen fühlen. Nicht jeder hat die Zeit, sich eine horizontale Serie nach der anderen reinzuziehen.

prisma: Wird bei einem amerikanischen Streaming-Dienst wie Amazon wuchtiger erzählt – selbst wenn das Produkt wie "Beat" aus Deutschland kommt?

Berkel: "Beat" ist schon sehr wuchtig. Es geht um die Techno-Szene, organisiertes Verbrechen, Geheimdienst, internationale kriminelle Verflechtungen. Das knallt schon sehr intensiv aufeinander. Für mich ist das aber eher ein Kennzeichen der spezifischen Serie "Beat". Der Produzent Amazon gibt keine erzählerische Ästhetik vor. Die können auch leise und zurückhaltend. "Beat" erzählt den Zusammenprall unterschiedlicher Szenen – der Feier-Kultur und des Verbrechens. Das Ganze hochgejagt, kalt und hart. Wobei ich die Serie trotzdem als sensibel empfinde.

prisma: Eine andere Notwendigkeit moderner Serien sind neben dem horizontalen Erzählen ambivalente Figuren. Kann diese Ambivalenz auch zum Klischee?

Berkel: Ich weiß, was Sie meinen. Ambivalente Figuren sind immer dann spannend, wenn sie mit der Realität zu tun haben. Wenn man diese Art der Ambivalenz auch aus dem echten Leben kennt. Wenn man klischeehaft die Extreme sucht oder Ambivalenz zum Selbstzweck wird, kommt auch eine schlechte Serie dabei raus. Wobei Klischees im Genre natürlich auch ein bisschen dazugehören. Genres wie Thriller, Krimi oder Grusel leben immer ein bisschen von der Überzeichnung. Daran hat der Zuschauer auch Spaß. Natürlich nur dann, wenn er dieses Genre auch mag.

prisma: In welchem Genre tritt "Beat" an?

Berkel: Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich würde sagen, wir vermischen ein relativ klassisches Genre, den Spionagefilm, mit dem Porträt einer modernen, aggressiven, sexuell stark aufgeladenen Subkultur – der Technoszene.

prisma: Und dabei sind die von Amazon vorgegebenen Produktionsbedingungen andere als in rein deutschen Serien?

Berkel: Grundsätzlich kann man sagen: Es ist mehr Geld vorhanden. Zum Teil erheblich mehr. Das macht sich natürlich beim Drehen bemerkbar. Es wird aufwendiger gearbeitet. Es können Situationen erzählt werden, die man im alten Fernsehen so nicht schildern konnte.

prisma: Inszeniert man auch aufwendiger, wenn es weniger realistisch ist, dafür aber spektakulärer aussieht? Geheime Treffen zwischen der Hauptfigur Beat und seinen Kontaktleuten beim Geheimdienst finden gern mal an spektakulären öffentlichen Orten in Berlin statt!

Berkel: Das ist richtig, aber keineswegs unrealistisch. Die Öffentlichkeit ist immer ein guter Ort, um unerkannt zu bleiben. Viele geheime Treffen finden öffentlich statt, weil man dort nicht abgehört werden kann. Der Antagonist zur Hauptfigur Beat kauft in der Serie einen Technoclub, weil der für eine analoge Welt steht – inklusive der abhörsicheren Wände. Wir leben ja immer mehr in einer digitalen Welt. Es ist zunehmend schwierig geworden, Orte zu finden, an denen man digital nicht erfasst wird. Der Technoclub mit seinen dicken Wänden unter der Erde ist ein solcher analoger Ort.

prisma: Wir sehen bei "Beat" äußerst brutale Morde und viel drastische, körperliche Gewalt. Beides Dinge, die heutzutage in Literatur und Film quasi dazugehören. Was glauben Sie: Werden die Leute der Ritualmorde irgendwann überdrüssig?

Berkel: Es ist ein Phänomen, das wir schon länger beobachten und das auch nichts mit minderer Qualität zu tun hat. Der "Prix Goncourt" zum Beispiel, das ist der höchste französische Literaturpreis, ging vor ein paar Jahren an Pierre Lemaitre, der sehr drastisch erzählt. Im Krimi-Genre haben vor allem skandinavische Autoren den Boden fürs Drastische bereitet, obwohl es ja gerade in deren Region eher friedlich zugeht. Einerseits schließen sich Qualität und Brutalität heute keineswegs aus, andererseits möchten offenbar viele Leute Realität auf diese Weise beschrieben bekommen. Ich weiß aber auch nicht, warum das so ist.

prisma: Gibt es eine deutsche Mentalität in Sachen Krimi?

Berkel: Ich glaube, einen Grund zu spüren, warum die Deutschen Krimis mögen. Wir lieben es, im geschützten Rahmen dem Chaos zu begegnen und zu erleben, wie es wieder in Ordnung gebracht wird. So etwas befriedigt uns Deutsche, glaube ich, noch mehr als andere Nationen, die ich kenne.

prisma: Lassen Sie uns zu "Beat" zurückkommen. Möchte Amazon damit vor allem den deutschen Markt erobern, oder geht es darum, eine in Deutschland spielende Serie zu kreieren, die in der Welt gut ankommt?

Berkel: Was ich so höre, will Amazon in erster Linie in Deutschland erfolgreich sein. Natürlich hat niemand etwas dagegen, wenn eine deutsche Amazon-Serie international auf Interesse stößt – aber das kommt an zweiter Stelle. Für uns Kreative ist das Internationale eine spannende Sache. Da öffnet sich eine Tür, man wird von neuen Zuschauern und Märkten wahrgenommen, das ist natürlich aufregend. Dass Amerikaner, Engländer und andere Nationen auf einmal deutsche Serien schauen, verdanken wir diesen Plattformen. Vorher gab es so etwas ja nicht.

prisma: Diskutiert "Beat" neben der Krimi-Handlung auch eine philosophische Frage?

Berkel: Ja, ich finde schon. Es gibt Unterhaltungen zwischen Beat, dem Idealisten, und dem Antagonisten, einem kühlen, kriminellen Strategen, die einen Werte-Gegensatz ausleuchten. Der Antagonist sieht jede Beziehung als Deal. Interessant für ihn sind jene Beziehungen, bei denen für ihn am meisten rausspringt. Beat hingegen folgt einer völlig anderen Denkweise. Er fragt sich bei allem, ob der andere dasselbe für ihn tun würde, wie er für den anderen. Beat fragt bei Menschen nach der Beziehungsebene. Der andere danach, wie weit sich Menschen benutzen lassen.

prisma: Und das ist die Meta-Ebene der Serie?

Berkel: Ja, unter anderem. "Beat" stellt durch den Blick auf eine Szene die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Instrumentalisiert man beziehungsweise lässt man sich instrumentalisieren – oder setzt man auf echte Beziehungen.

prisma: Glauben Sie, dass "Beat" auch etwas markant Deutsches hat, das die Zuschauer in anderen Ländern interessieren könnte?

Berkel: Natürlich spielen der Handlungsort Berlin und die dortige Techno- und Clubkultur eine Rolle. Die Leute reagieren besser auf Dinge, die sie schon ein bisschen kennen als auf Dinge, die ihnen völlig fremd sind. Berlin ist international als junge Metropole mit viel Subkultur von großem Interesse. In New York ist das "Berghain" bekannter als das Bode-Museum. Obwohl die Museumsinsel vielleicht immer noch mehr mit unserer deutschen Geschichte zu tun hat als der Technoclub. Doch die jüngere Geschichte ist eben diese. "Beat" spielt natürlich mit dem modernen Ruf von Berlin. Aber das finde ich auch in Ordnung, sofern man nicht in Klischees erstarrt – was wir keineswegs tun.


Quelle: teleschau – der Mediendienst