Auch kurvige Frauen haben gute Chancen: Die RTL-II-Castingshow "Curvy Supermodel" wird zu einer echten Konkurrenz für "Germany's Next Topmodel". Hilft sie, unsere Schönheitsideale zu revolutionieren?

Seit 2006 läuft "Germany's Next Topmodel" unter der Leitung von Heidi Klum bei ProSieben. Zuletzt zeigte die Quotenkurve sogar wieder nach oben. Und doch: Die Kritik an der Castingsendung und dem dort transportierten Frauenbild wird immer lauter. Großes Aufsehen erregte etwa dieses Jahr ein "GNTM"-Protestsong unter dem Schlagwort "NotHeidisGirl", der bereits über 800.000 Klicks auf YouTube erreichte. Ist es an der Zeit, dass die Topmodel-Industrie eine neue Richtung einlegt? Eine, wie sie die RTL-II-Show "Curvy Supermodel – Echt. Schön. Kurvig" aufzeigt? Das "andere" Modelcasting, das ab 26. Juli 2018, donnerstags, 20.15 Uhr, ausgestrahlt wird, nimmt "üppigere" Frauen in den Fokus und setzt auf Disziplin und Selbstbewusstsein anstelle von Size Zero und Schlankheitswahn. Der Erfolg der Sendung ist ein Zeichen, dass das Modeln nicht nur aus dem einen Schönheitsideal besteht, das "GNTM" vermittelt.

Die Zahlen sprechen für sich: Laut dem Portal "Refinery29" liefen im Frühling 2017 gerade mal 30 Curvy Models über die Laufstege der internationalen Fashion Weeks, im Herbst desselben Jahres waren es bereits 93. Auch Kampagnen von Nike, Fenty Beauty by Rihanna und Dolce & Gabbana setzen inzwischen gelegentlich Übergrößenmodels ein. Ist hier eine schleichende Revolution im Gange?

Ab wann ist man ein Curvy Model?

Eine verlässliche Antwort darauf ist nicht ganz einfach zu finden. Die Probleme fangen schon ganz vorne an: Wie wird ein Curvy Model überhaupt definiert? Die gängige Faustformel laute: Ein Curvy Model ist ein Model mit der Kleidergröße 38 aufwärts bis hin zum medizinischen Übergewicht. Bei "Germany's Next Topmodel" allerdings gilt ein Model mit Größe 40 schon als Übergrößenmodel, wobei bisher kaum solche Plus-Size-Kandidatinnen in der ProSieben-Show berücksichtigt wurden.

Topmodel und Jurorin Heidi Klum ließ unlängst in einem Interview mit dem Kölner "Express" verlauten, auch "GNTM" gehe "den Trend mit". Ihre Show sei inzwischen aufgrund der hohen Nachfrage offen für Curvy Models. In diesem Jahr wirkten jedoch gerade mal zwei an der Staffel mit: Pia Riegel, die den dritten Platz erreichte, und Sarah Amiri. Doch keine der beiden könne wirklich als Übergrößenmodel eingeordnet werden, findet Deutschlands erfolgreichstes Curvy Model Angelina Kirsch, sozusagen Heidi Klums Pendant bei "Curvy Supermodel": "Es waren zwei oder drei Mädchen dabei, die nicht Größe 34 hatten, sondern vielleicht ein oder zwei Konfektionsgrößen mehr. Aber Curvy Models waren das in meinen Augen noch lange nicht", bekräftigt die 30-Jährige im Interview.

Generell entfaltet sich der Trend zu mehr Realismus im Modegeschäft noch recht träge. Angelina Kirsch zeigt die aktuelle Lage auf: "Die Durchschnittsgröße in Deutschland ist 42. Das ist in der Modebranche Plus Size. Dennoch gelten dünne Models als normal. Auch Männer mögen Frauen mit Kurven – aber in der Modebranche kommt das nicht an." Die 30-Jährige vermutet: "Uns wurde so lange ein sehr eng gefasstes Schönheitsideal eingehämmert, dass es länger dauern wird, bis es vollständig aufgebrochen ist."

"Die Zeit ist auch in der Mode nicht stehengeblieben"

Dass aber eine Entwicklung im Gange ist, das lässt sich nicht mehr leugnen. Immerhin produzieren auch renommierte Modemarken Kleidung passend zur "Sanduhr-Silhouette". Kurvige Promi-Vorbilder wie Jennifer Lopez und Kim Kardashian dürften das ihre beitragen, aber auch das erste berühmte Curvy Model auf den Laufstegen, Ashley Graham, zog international viel Aufmerksamkeit auf sich. Frauen, die sich bei Shows wie "GNTM" und einer Konfektionsgröße zwischen 30 und 36 nicht angesprochen fühlen, finden hier ein ganz anderes Identifikationspotenzial. Angelina Kirsch erklärt, auf was es beim Plus-Size-Modeln ankommt: "Man sieht einem Bild an, ob das Model im Reinen mit sich und seinem Körper ist. Wer als Model Angst hat oder sich selbst nicht liebt, wird auf dem Laufsteg keine gute Figur abgeben." Ashley Graham, die mit diversen Fotos und in Interviews betont, wie zufrieden sie mit ihrem Körper ist, strahlt genau diese Sicherheit auch aus.

Auch Modelagent Peyman Amin, der sowohl bei "GNTM" als auch bei "Curvy Supermodel" in der Jury saß, findet, dass die dürren Jahre vorbei sind. "Wir leben in einer sehr abwechslungsreichen Zeit. Einerseits gibt es unter den Skinny-Models inzwischen große Unterschiede – asiatische Models sind gefragt, afrikanische Models, einfach alle möglichen verschiedenen Typen –, andererseits steigt auch die Nachfrage nach Models mit unterschiedlichen Konfektionsgrößen", erklärte er bereits im vergangenen Jahr im Interview mit der Agentur teleschau. "Die Zeit ist auch in der Mode nicht stehengeblieben. Die Modeindustrie stellt sich darauf ein, welche Bedürfnisse die Gesellschaft hat. Und es gibt in der Gesellschaft eben ein riesiges Bedürfnis danach, Mode für Menschen mit unterschiedlichen Körperformen zu machen." Er habe "täglich mit großen Modekunden zu tun und wurde in der Vergangenheit immer öfter nach Curvy Models gefragt". Für den aktuellen Juror Jan Kralitschka steht eines sowieso fest: "Die ganze Welt wünscht sich Frauen mit sexy Kurven. Es wird Zeit, dass junge Mädchen endlich ein anderes Schönheitsideal präsentiert bekommen."


Quelle: teleschau – der Mediendienst