Freya Becker ist kein Charakter, wie man ihn von Iris Berben bereits gesehen hätte. Als ungeschminkte, ja fast unsichtbare Frau um die 60 protokolliert sie beim Berliner LKA grausame Verbrechen. Nicht immer werden die Täter verurteilt.

Als sie ein Fall an ihre vor elf Jahren spurlos verschwundene Tochter erinnert, beschließt die Unscheinbare, der Gerechtigkeit selbst nachzuhelfen. Das über fünfmal 60 Minuten fortlaufend erzählte Kriminal-Epos "Die Protokollantin" ist leisetretendes, aber mit subtiler Spannung erfülltes Serienfernsehen. Nach einer Idee des Schriftstellers Friedrich Ani ("Kommissar Süden") schrieb Nina Grosse ("Der verlorene Sohn") das Drehbuch und übernahm auch die Regie.

Es ist erstaunlich, was sich beim ZDF in Sachen seriellem Erzählen tut. Dabei scheint das Genre der Miniserie jenes zu sein, das sich Mainzer derzeit verstärkt auf die Fahnen schreiben. Bereits das Hochfinanzstück "Bad Banks" brauchte keinen Vergleich zu internationalen Serien-Highlights zu scheuen. Am 14. November startet zudem "Parfum" von Regie-Maniac Philipp Kadelbach ("Unsere Mütter, unsere Väter"), eine sehr freie, ja kühne Adaption von Patrick Süskinds "Das Parfum".

Auch "Die Protokollantin" dürfte sich in diese Riege von erstklassigen Produkten des ehemaligen Serien-Schnarchsenders einordnen. Dafür spricht nicht nur die Besetzung: Peter Kurth ("Babylon Berlin"), der hier ein weiteres Mal als tiefgründiger, ambivalenter Ermittler zu sehen ist. Moritz Bleibtreu spielt den weichen, jüngeren Bruder Freyas, der immer wieder erschreckend starke Misel Maticevic stößt in der Mitte der Serie zum Hauptcast. Auch die zahlreichen Nebenrollen sind sehr überzeugend besetzt.

Nina Grosse, die mit Samira Radsi Regie führte, fand für das präzise, detailliert auf die Ermittlungsarbeit eingehende Drehbuch naturalistisch ruhige Bilder, die ein bisschen an Hans-Christian Schmids überragende ARD-Miniserie "Das Verschwinden" (2017) erinnern. Spannendes, modernes Serienfernsehen muss nicht unbedingt "abgefahren" aussehen, wenn traditionelle Güter wie Drehbuch, Figurenentwicklung und Schauspiel einen herausragenden, sichtbar und spürbar überdurchschnittlichen Job machen.

Mit "Die Protokollantin" setzt das ZDF seinen modernen Umgang mit der eigenen Mediathek fort: Die Serie wird bereits 24 Stunden vor der linearen TV-Ausstrahlung und danach für 180 Tage "on demand" verfügbar sein. Zudem verkündet das ZDF, dass der lineare Sendeplatz samstags, um 21.45 Uhr, in Zukunft regelmäßig mit "hochwertigem, seriellem Erzählfernsehen aus Deutschland" bestückt werden soll. Klingt verheißungsvoll.

Lesen Sie hier ein Interview mit Iris Berben über ihre Rolle in "Die Protokollantin".


Quelle: teleschau – der Mediendienst