Die Komissare Lannert und Bootz feiern in Stuttgart Jubiläum – um bekommen zum 10-Jährigen ein extravagantes Drehbuch geschenkt. Ein Glücksfall für den Tatort.

"Was für ein herrlicher Tag", sagt Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey), doch schon kurze Zeit später ist alles anders, ist nichts mehr herrlich. Da nämlich stehen zwei Kommissare in seinem Büro – Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) – und befragen ihn zu einem ehemaligen Bekannten. Gregorowicz wirkt verunsichert, scheu und der Zuschauer ahnt schon: Er ist "Der Mann, der lügt".

Der ehemalige Bekannte jedenfalls, der Anlageberater Uwe Berger, ist "Opfer eines Gewaltverbrechens" geworden. Mehr erfährt Gregorowicz erst mal nicht. Doch die Nachricht zieht schnell Kreise, erst in seiner Familie, dann in seinem Tennisclub – und der smarte Familienvater, der wird immer nervöser. Genauso wie seine Frau.

Im Prinzip folgt der Tatort daraufhin diesem Gregorowicz, und doch wirkt der wie ein Statist. Beinahe alles, was passiert – die Gespräche, die Ermittlungen – scheint an ihm vorbeizulaufen. Dabei steckt er mittendrin.

Doch dann wird er aktiv – und besorgt sich ein falsches Alibi. Die Sache stinkt also gewaltig. Was für den Fall nur gut sein kann. Und auch das, was in der Folge passiert, bleibt zu einem großen Teil rätselhaft. Noch ein Pluspunkt für das Drehbuch.

So statisch dieser Krimi sich von nun an auch fortbewegt, so rasant nimmt er psychologisch Fahrt auf. Immer tiefer wird der Zuschauer in das Geflecht aus Lügen und Ausflüchten, neuen Hinweisen und Andeutungen hineingezogen, das zwar immer weitere Kreise um Gregorowicz zieht, ihn als Hauptfigur aber nie aus den Augen verliert.

Aus den Augen verliert er aber die Ermittlungen selbst, und das ist ein selten gesehener, durchaus cleverer Zug. Nur, wenn Lannertz und Bootz Gregorowicz oder seine Familie befragen oder verhören, kommen die Stuttgarter Kommissare ins Spiel. Sie tauchen wie eine Bedrohung aus dem Nichts auf und kappen damit die fragile Verbindung aus Sympathie und Neugier, die zwischen Zuschauer und Verdächtigem entstanden ist. Dazwischen, von all dem, was sonst in Krimis als Füllmasse und zur Steigerung der Atmosphäre dient, hält sich die Kamera fern.

Der Spannung aber schadet das nicht. Denn wie in den Gesprächen und Verhören Puzzleteil für Puzzleteil die Wahrheit ans Licht kommt, ist große Handwerkskunst – sowohl der Drehbuchautoren als auch der Schauspieler. Denn wie Britta Hammelstein die bidere, aber forsche Ehefrau spielt, wie Manuel Rubey als Jakob Gregorowicz den steigenden Druck auf ihn in Mimik, Gestik und Sprache überführt, wie er die Apathie greifbar macht und die Verzweiflung, und wie Richy Müller und Felix Klare als Kommissare die wenigen, aber dichten Auftritte und Gespräche mit kleinen, aber entscheidenden Momenten füllen, lässt sich einfach gut schauen. Eine Kunst, weist das Drehbuch doch deutlich mehr Text auf als ein üblicher Sonntagabendkrimi.

Dass die Kamera in manchen Momenten dazu missbraucht wird, aus der Perspektive von Jakob Gregorowicz auf das Geschehen zu blicken, ist da zwar ebenso so unnötig wie ungeschickt – darüber hinaus aber, und das gilt insbesondere für eine fast 15 Minuten dauernde Verhörszene, ist "Der Mann, der lügt" ein taktisch und dramaturgisch intelligenter, präzise inszenierter und psychologisch feinfühliger Krimi. Und das gilt ganz besonders für die letzten 20 Minuten.