Christoph Schlingensief

Christoph Maria Schlingensief
Lesermeinung
Geboren
24.10.1960 in Oberhausen, Deutschland
Gestorben
21.08.2010 in Berlin, Deutschland
Sternzeichen
Biografie

Er war einer der außergewöhnlichsten Künstler Deutschlands, ein Multitalent, das provozierte und polarisierte wie kein anderer. Er inszenierte Filme und am Theater, selbst als Opernregisseur sorgte er für Furore, daneben schrieb er Hörspiele und war sogar Professor für "Kunst in Aktion". Kein anderer deutscher Künstler machte derart Ernst mit dem Spiel mit der Authentizität wie Christoph Schlingensief.

Der Film "Das deutsche Kettensägenmassaker" (nach "100 Jahre Adolf Hitler - Die letzten Stunden im Führerbunker" der zweite Teil der so genannten Deutschland Trilogie) war sein Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung und brachte ihm den Ruf des Underground-Berserkers ein, seine Polit-Aktion "Ausländer raus! - Schlingensiefs Container" machte ihn zum radikalen Aufklärer. Mitten im Zentrum von Wien verwirklichte Schlingensief 2000 für eine Woche eine Angstvision: Ein Abschiebecontainer für Asylanten, beklebt mit Jörg Haiders fremdenfeindlichen Wahlplakaten und beschallt mit Aufnahmen seiner rassistischen Reden. Tausende Passanten erbosten sich und wurden genau dadurch zu Mitspielern in Schlingensiefs Inszenierung.

"Schlingensief: Talk 2000"

Drei Jahre zuvor hatte er bereits mit seiner Talkshow-Satirereihe "Schlingensief: Talk 2000" auf sich aufmerksam gemacht. "Talken kann jeder" behauptete er seinerzeit und lieferte auch direkt den Beweis mit: "Talk 2000" bei dem Fensterprogramm Kanal 4. Mit Prominenten wie Harald Schmidt, Hildegard Knef, Lilo Wanders und Beate Uhse überschritt er die üblichen Formen des Talkens und setzte damit neue Akzente im deutschen Fernsehen: Er scheute keine Fettnäpfchen, wagte Provokationen; selbst Handgreiflichkeiten blieben nicht aus. Schlingensiefs Talkgäste und das Publikum reagierten ebenso verblüfft wie begeistert. Ebenfalls 1997 wurde Schlingensief bei einer 48-stündigen Schlaf-Performance auf der "Dokumenta X" verhaftet. Bei der Polizei waren Anrufe empörter Bürger eingegangen. Über Lautsprecher seien, ohne Zwischentexte, die Parolen "Tötet Helmut Kohl" und "Heil Hitler" zu hören gewesen. Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete ihn deshalb einst als dummen, geschmacklosen Dilettanten, der zur Reflexion nicht in der Lage sei. Die "FAZ" warnte gar vor pornographischen Nebenwirkungen.

Im Februar 1998 begann er in Berlin erneut ein ungewöhnliches Projekt: In Zusammenarbeit mit dem Theater Volksbühne in Berlin sorgte Schlingensief acht Monate lang für ein Spektakel ganz eigener Art. Er inszenierte einen Wahlkampfzirkus parallel zur Bundestagswahl, er karikierte und persiflierte die gewohnt-gewöhnliche Politik und formulierte ernstzunehmende Ziele. Als Medienereignis im deutschen Alltag 1998 sorgte es für Irritation, Nachdenklichkeit und eine Reihe absurder Begegnungen. März 1998: Vor dem Hintergrund von Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau gründete Schlingensief eine Partei mit dem Namen "Chance 2000". "Wähle dich selbst" war ihr Motto, "Beweise, dass es dich gibt". Die Partei machte Arbeitslose, Obdachlose und Behinderte wieder in der Gesellschaft sichtbar und stellte sie als Landeslistenkandidaten auf. Den Auftakt bildete ein Wahlkampfzirkus im Zelt der Familie Sperlich am Berliner Prater. Dann folgt bis zum Wahlabend am 27. September 1998 eine spektakuläre Aktion der nächsten. In St. Gilgen, dem Urlaubsdomizil von Helmut Kohl, waren etwa sechs Millionen Arbeitslose dazu aufgerufen, den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen. Stattdessen kam es zu einem wahren Presse-Happening. Und mit jeder künstlerischen Arbeit spielte sich Schlingensief immer weiter frei, schließlich inszenierte er 2004 sogar Wagners "Parsifal" in Bayreuth.

Lungenkrebs diagnostiziert

Im Januar 2008 wurde bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Ein Lungenflügel wurde entfernt, Chemotherapie und Bestrahlungen folgten. Von einem Moment auf den anderen fühlte sich der seinerzeit 47-Jährige vom normalen Leben ausgeschlossen. Er, der von sich und anderen immer Einsatz bis zum Äußersten forderte, musste lernen "auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken". Mit dem Oratorium "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" kehrte er Monate später auf die Bühne zurück. Es folgten "Der Zwischenstand der Dinge" und "Mea Culpa", der letzte und optimistischste Teil einer Trilogie, in der er sich mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzte.

Während dieser Arbeit, sagte er einmal, habe er erstmals seit seiner Operation wieder angefangen zu lachen. "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" heißt das Tagebuch seiner Krebserkrankung. Eine eindringliche Suche nach sich selbst, nach Gott, nach der Liebe zum Leben. Im Oktober 2009 war Christoph Schlingensief mit dem Buch bundesweit auf Lesereise, gestaltete Benefizabende für seinen großen Traum von einem Festspielhaus in Burkina Faso in Afrika. Mehrere Forschungsreisen nach Afrika hatte er da schon unternommen, immer auf der Suche nach Sponsoren und Helfern für dieses Projekt.

Festspielhaus auf dem afrikanischen Kontinent

Schlingensief war schon als Kind mit Afrika-Spardosen und Patenschaften am missionarischen Engagement der katholischen Kirche beteiligt. Vierzig Jahre später konnte er schließlich seine eigene erwachsene Vision verwirklichen, die nun in Burkina Faso konkrete Gestalt annimmt: Ein Festspielhaus auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Projekt, das - so Schlingensief - nicht moralisch und erst recht nicht missionarisch motiviert war, eher einen künstlerischen Hintergrund hat. Gemeinsam mit dem aus Burkina Faso stammenden Architekten Francis Kéré plante er ein Festspielhaus, das angelegt ist als ein ganzes Operndorf, eine Begegnungs- und Produktionsstätte für afrikanische und europäische Künstler, offen für alle Bevölkerungsgruppen und allen gewidmet dem ästhetischen Bildungstrieb, grenzenlos und frei. Kein Bayreuth soll es sein, aber ein Geamtkunstwerk, kein reines Opernhaus aber ein Ort der Transzendenz im Alltag, mit Bühne, Probebühnen und einer Schule, die neben dem normalen Unterricht zwanglos und spielerisch Musik und Videofilme anbietet. Krankenstation, Hotel, Kirche und Großküche sollen folgen. Einem Kunstprojekt, durchaus im Sinne des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys, der Projekte dieser Art "Soziale Plastik" nannte.

Im September 2009 heiratete Schlingensief seine langjährige Lebensgefährtin, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, "um mit ihr mein restliches Leben zu teilen - auch wenn es nur noch drei Stunden dauern sollte". Es wurden nur noch wenige Monate, denn am 21. August 2010 starb das Enfant terrible der deutschen Kunstszene an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung.

Weitere Filme von und mit Christoph Schlingensief: "Tunguska" (1984) "Menu total" (1985), "Egomania - Insel ohne Hoffnung" (1986), "Mutters Maske" (1988), "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (dritter und letzter Teil der so genannten Deutschland Trilogie, 1992), "Abschied von Agnes" (1994, Darsteller), "United Trash" (1996), "Silvester Countdown" (Darsteller), "Die 120 Tage von Bottrop" (beide 1997) "Freakstars 3000" (2003), "Silentium" (2004, Darsteller), "The African Twintowers" (2005), "Knistern der Zeit" (2012, Dokumentarfilm).

Schlingensief im Internet: ww.schlingensief.com/start.php schlingensief.com

Foto: Manfred Werner - Tsui/Lizenz: GNU-Lizenz für freie Dokumentation, 1.2.

Filme mit Christoph Schlingensief

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