Robert Wise

Einer der kommerziell erfolgreichsten Regisseure der 60er Jahre: Robert Wise Vergrößern
Einer der kommerziell erfolgreichsten Regisseure der 60er Jahre: Robert Wise
Robert Wise
Geboren: 10.09.1914 in Winchester, Indiana, USA
Gestorben: 14.09.2005 in Los Angeles, Kalifornien, USA

Er war einer der letzten Legenden des alten Hollywood. In den Vierzigerjahren setzte er als Cutter bei Orson Welles wichtige Akzente für die spätere Karriere. Seither war er in der Filmgeschichte der Mann, der Orson Welles' "Citizen Kane" (1941) und "Der Glanz des Hauses Amberson" (1942) montierte. Wise blieb als Cutter, Regisseur und Produzent immer Realist: "Wie ich es zeige, so ist es," war einer seiner Lieblingssätze.

In seinem Geburtsort Winchester, Indiana, gab es drei Kinos und Robert wurde Fan von Tom Mix, Buck Jones, Douglas Fairbanks Sr. und den Filmen von Cecil B. de Mille. Als 19jähriger verließ er seine Heimatstadt und ging nach Kalifornien. In Hollywood war er Laufbursche, dann Toncutter bei Musicals und schließlich Schnittassistent - 1939 wurde ihm bei der Garson-Kanin-Komödie "Die Findelmutter" der erste Bildschnitt anvertraut - und zum ersten Mal Cutter bei William Dieterle für "Der Glöckner von Notre Dame". Wise war zu der Zeit 24 Jahre alt. Dann kam die Begegnung mit Orson Welles.

Welles war der Erfinder, der Mann mit den großen Ideen, der weitverzweigte Geschichten zu klaren Szenenfolgen und Dialogen verdichtete, Bildideen entwickelte, Schauspieler schmiedete. Wise dagegen gehörte - wie der Kameramann, der Komponist - zu den phantasiereichen Technikern, die solche Ideen umsetzten. Brillant der Wochenschau-Zusammenschnitt zu Beginn von "Citizen Kane": das hat Tempo, Dynamik.

Nach der ebenso schwierigen wie erfolgreichen Arbeit bei Orson Welles stellte RKO-Produzent Val Lewton den begabten jungen Mann als Regisseur an. Es mangelte im Studio an zuverlässigen Handwerkern und Lewton erkannte mit sicherem Blick, dass Wise diesen Anspruch erfüllte. Wise inszenierte 1944 anstelle von Hausregisseur Jacques Tourneur "Rückkehr der Katzenmenschen" ("The Curse of the Cat People"), ein Jahr später den "Der Leichendieb". Da war er in seinem Element: Das schmale Budget erlaubte kaum mehr als drei bis fünf Wochen Drehzeit, vorhandene Kulissen mussten benutzt werden, Ökonomie und Phantasie waren gefordert. Das setzte Routine voraus.

Auch als Regisseur war Robert Wise Handwerker, doch allmählich wuchs sein eigener Stil heran. Es war ein Stil zwischen der Forderung des Realisten und dem sehr persönlichen Hang zum Stilisieren. Von Anfang an zog Wise den Schwarzweiß-Film vor. Da gibt es größere Tiefenschärfe, mehr Kontrast. Großaufnahmen in Weitwinkel lassen die Szene realistischer erscheinen und mit grobkörnigem Filmmaterial wollte er die Oberfläche "aufrauhen" - wie er sagte.

"Ich habe immer den Schwarzweiß-Film bevorzugt, weil man - so anachronistisch das klingt - hier mehr Farbigkeit entwickeln kann. Stummfilme zeigen das besonders deutlich. Man spricht in der Filmgeschichte oft vom 'Rembrandtschen Schwarzweiß' und meint ganz einfach die verschiedenen Schattierungen von schwarz über verschiedene Graustufen nach weiß. Und das dientmehr der einfachen klaren Bildsprache als einer künstlerischen Forderung. Für mich ist die Wirklichkeit schwarzweiß."

"Der Leichendieb" ("The Body Snetcher"), die finstere Albtraumstory aus dem viktorianischen England, in der ein Arzt heimlich vom Friedhof herbeigeschaffte Leichen seziert, wirkte damals so realistisch, dass der Film Medizinstudenten vorgeführt wurde, um das Sezieren zu demonstrieren. Und in "Bis das Blut gefriert" ("The Haunting") von 1962 versucht ein wissbegieriger Wissenschaftler hinter die letzten Geheimnisse des Lebens zu kommen.

"Egal was man zeigt, man muss die Wahrheit kennen, Filmemachen ist ein fortwährender Lernprozess," sagte Wise einmal und für den Boxerfilm "Ring frei für Stoker Thompson" ("The Set Up") von 1949 sah er sich nicht nur im Boxring um, sondern auch in den Umkleidekabinen und Trainingsräumen. Und das zeigte er im Kino: Männer im Überschwang nach dem Sieg, im Tief nach der Niederlage, Manager beim Verhandeln: es geht um Dollars, nicht um Menschen, und das Publikum in den Rängen: Gesichter, keine farblose Masse, keine Klischeefiguren: Begeisterung, Entsetzen, Anteilnahme, Spannung, Wut, das Gefühl von Betrogensein auf den Gesichtern. Wise erhielt dafür den Kritikerpreis in Cannes.

Sieben Jahre später folgte "Eine Hand voll Dreck" ("Somebody up there Likes Me") mit Paul Newman, das Schicksal des Box-Weltmeisters Rocky Graciano: Aufstieg aus den Slums von New York, dunkle Abwege als jugendlicher Gangster, im Militärgefängnis wird sein Talent von den Wärtern entdeckt. Wise läßt den Film mit Rockys Weltmeisterschaft enden, Sport als Ausweg, als Neubeginn für den Gescheiterten. Im Genre-Kino war Robert Wise einer der besten. Das bewies er in dem Sciencefiction-Melodram "Der Tag, an dem die Erde stillstand" von 1951: Ein friedlicher Botschafter eines fernen Planeten warnt vor dem Krieg - ein deutlicher Appell angesichts des Korea-Krieges. 20 Jahre später droht in "Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All" der Welt Gefahr aus dem Weltraum: ein alter Mann und ein Kind sind die einzigen Überlebenden eines tödlichen Staubes, der eine Wüstenregion vernichtet. Der Arzt und Schriftsteller Michael Crichton hat diese faszinierende Utopie geschrieben.

In "Die Intriganten" ("Executive Suite") bewies Wise 1954 Geschick im Sozialdrama: der atemberaubende Machtkampf innerhalb eines Industrieunternehmens. 1959 entsteht mit dem Thriller "Wenig Chancen für morgen" (1959) einer seiner stärksten Filme. Der perfekte Bankraub scheitert an Hass und einem Vorurteil: Um dem schwarzen Johnny eins auszuwischen, kommt es zum Schießduell, bei dem einer verwundet wird und die beiden anderen bei der Explosion eines Tankwagens verbrennen. Angesichts der beiden verkohlten Leichen fragt einer: "Welcher von beiden ist der Neger?" - "einer von beiden" lautet die lakonische Antwort.

Die Grausamkeit der Todestrafe wird in selten krasser Art thematisiert, wenn Susan Hayward als Barbara Graham in "Lasst mich leben" ("I Want to Live") von 1958 zur Gaskammer schreitet. Wise ersparte dem Zuschauer nichts: kühl und sachlich läuft die Geschichte einer Frau ab, der wenig Sympathie aber Mitleid gehört. Für Wise war die Recherche, vor allem das Erlebnis einer tatsächlichen Hinrichtung ein furchtbares Erlebnis.

Zu den Überraschungen gehört die Adaptation des mit Oscars vergoldeten Erfolgs-Musicals "West Side Story" von 1961. Ernest Lehmann hat den Broadway-Erfolg umgeschrieben, Regisseur Robert Wise und Choreograph Jerome Robbins fanden geeignete Arrangements und die Schauspieler - mit Ausnahme von Richard Beymers schmalzigen Toni - sind hervorragend: Natalie Wood als Maria, Russ Tamblyn als Riff, George Chakiras als Bernardo und Rita Moreno als Anita.

1967 erhielt Robert Wise für sein Lebenswerk den Irving G. Thalberg Memorial Award der Akademie, nachdem er bereits 1962 für "West Side Story" und 1966 für "Meine Lieder, meine Träume" jeweils mit dem Oscar als bester Regisseur ausgezeichnet worden war. "Fernweh, Wissbegierde und Entdeckerfreude haben ihn als Regisseur ausgezeichnet, seine Filmographie liest sich wie eine Weltkarte des klassischen Erzählkinos," so der Dokumentarfilmer Lars-Olav Beier. 1998 erhielt Robert Wise vom American Film Institute den Life Achievement Award, die höchste Auszeichnung für das Gesamtwerk eines Filmschaffenden.

Weitere Regiearbeiten von Robert Wise: "Durch die gelbe Hölle" (1953), "Der Untergang von Troja" (1955), "Mein Wille ist Gesetz" (1955), "Kein Platz für feine Damen" (1957), "Land ohne Männer" (1957), "U 23 - Tödliche Tiefen" (1958), "Wenig Chancen für Morgen" (1959), "Spiel zu zweit" (1962), "Kanonenboot am Yangtse-Kiang" (1966), "Star" (1967), "Die Hindenburg" (1974), "Audrey Rose - Das Mädchen aus dem Jenseits" (1976), "Star Trek - Der Film" (1979), "Sommer der Freundschaft" (1999).


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