Ballauf und Schenk ermitteln unter "Nachbarn", die es faustdick hinter den Ohren haben.

Ein sattes Plumpsen, Bremsen quietschen, völlig verstört steigt ein LKW-Fahrer aus seiner Kabine und wirft einen scheuen Blick unter seinen Sattelschlepper. Und: übergibt sich erst einmal. Denn da, zwischen den Reifen, liegt das, was von Werner Holtkamp noch übrig ist, nachdem er von einer Brücke und direkt vor den LKW gefallen ist. Oder wurde er gestoßen?

Was schnell feststeht: Das Opfer war Chemiker bei eine Pharma-Firma. "Sein Chef beschreibt ihn als fachlich brillanten, aber 'kontaktgestörten Ordnungsfanatiker'", so Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen). Doch dann zeigt sich: nicht nur Holtkamp war ein wenig seltsam, diese ganze Nachbarschaft ist extrem merkwürdig.

Da wäre dieser Leo Voigt (Werner Wölbern), ein echter Familienmensch. Nachdem seine Frau ihn vor Jahren verlassen hatte, hat er seine Stieftochter Sandra (Claudia Eisinger) adoptiert und sie mitsamt Tochter Mira (Lena Meyer) allein großgezogen. Doch diese Sandra hat eine merkwürdige Form der Erkältung, eine Art stressbedingten Stimmverlust. Was aber hat ihn ausgelöst? Und dann wäre da auch noch Jens Scholten (Florian Panzner), der nicht nur nebenan wohnt, sondern auch noch Miras Vater ist. Und Holtkamp, der hatte auch noch Dreck am Stecken.

Verleumdung, Freundschaft, Eifersucht, Hass und Liebe

Währenddessen steht die Ehe zweier anderer Nachbarn vor dem Aus: Anne und Frank Möbius (Birge Schade und Stephan Grossmann) haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen. Und überhaupt ist unter diesen "Nachbarn" wichtiger, was nicht gesagt, was sie alles verschweigen oder verdrängen. "Die Voigts, die Scholtens, das Ehepaar Möbius sind ganz normale Leute in einem ganz normalen Umfeld. Sie leben ihr Leben und erfüllen Rollen – als Einzelne, in der Familie, als Nachbarn", sagt Drehbuchautor Christoph Wortberg. "Das ist die äußere Schicht. Darunter liegen ihre Sehnsüchte und Träume und – sorgsam verpackt – ihre Ängste und inneren Konflikte. Obwohl der Mord ihr Zusammenleben als Nachbarn kollabieren lässt, halten sie verzweifelt an ihren Rollen fest."

Denn zwischen all diesen Figuren, da gibt es ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, da gibt es Regeln, und da gibt es das brisante Spielchen aus Verleumdung, Wegschauen, Freundschaft, Eifersucht, Hass und Liebe. Besonders wirkungsvoll ist dabei, wie Dora Vajda die Szenen zusammenschneidet, wie sie die Dialoge zwischen den Ermittlern mit Schnipseln aus der Siedlung mischt, in der Holtkamp gewohnt hat. Und hier sind es vor allem die Dialoge, die Wortberg Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) auf den Leib geschneidert hat, die sichtlich Spaß machen – wie sie nachhaken, wie sie sich vorantasten, ist eine Freude. Von der kleinen Nebengeschichte, die Freddy Schenk dieses Mal erleben muss, abgesehen, sie ist ein wenig unnötig.

Zum Miträtseln und Mitleiden

Und: Wirkungsvoll ist auch, wie Regisseur Torsten C. Fischer mit allerlei Andeutungen spielt, wie er etwa Tochter Mira, die ihr Kinderhäuschen im Garten mit allerlei Knochen und anderen gruseligen Utensilien vor bösen Geistern schützt, immer wieder Schauergeschichten erzählen lässt, von einer Prinzessin in Weiß und dunklen Geheimnissen. Sollte in dieser Siedlung also tatsächlich "alles nur Märchen" sein, wie Schenk sagt? "Und böse Geister", wie Ballauf ergänzt?

Und dann ist da noch der Soundtrack, der beinahe die ganze Zeit solide Spannung erzeugt, am Anfang und am Ende aber mit Pharrell Williams "Happy" so genial in eine völlig andere Richtung abdriftet und dadurch das alltägliche Drama zu einem bitterbösen Spiel macht. Mit tatsächlich so etwas Ähnlichem wie einem Happy End.

Und so ist "Nachbarn" ein stimmungsvoller, unterhaltsamer Kölner Tatort zum Miträtseln und Mitleiden, der nicht nur durch die Schauspieler, sondern vor allem als Gesamtpaket überzeugt. Absolut sehenswert.