Auf dem Papier ist Gernot Grömer Österreichs "erster" Astronaut, doch ins Weltall hat er es nie geschafft. Im Interview spricht der "P.M. Wissen"-Moderator über die Mondlandung vor 50 Jahren und das aktuelle Interesse für den Mond.

Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969, betrat Astronaut Neil Armstrong den Mond. Als erster Mensch hatte der Amerikaner seinen Fuß auf den Erdtrabanten gesetzt. Fast 600 Millionen Menschen verfolgten "den kleinen Schritt, der ein gewaltiger für die Menschheit war" per Fernsehübertragung. Beides war Hightech an der Grenze des Machbaren. Fast schon Science Fiction in einer Welt, die noch weitgehend analog und schwarzweiß funktionierte. Gernot Grömer ist Direktor des Österreichischen Weltraum Forums (ÖWF) und damit – auf dem Papier – "erster" Astronaut der Alpenrepublik. Dennoch realisierte der Astrobiologe irgendwann, dass er es wohl selbst nie in den Weltraum schaffen würde und wurde Analog-Astronaut. Das von Grömer mitgegründete Forschungszentrum ÖWF in Innsbruck plant bemannte Mars-Expeditionen in Theorie und Praxis. Für die Reise zum Nachbarplaneten, die Grömer in 20 bis 30 Jahren erwartet, testet seine Crew bereits jetzt schon die notwendigen Technologien in Simulatoren und Wüstenlandschaften. Nebenbei moderiert Grömer die Sendung "P.M. Wissen" auf Servus TV. Am Mittwoch, 10. Juli, um 21.15 Uhr, läuft dort die Sendung "50 Jahre Mondlandung", in der sich der 44-jährige Wissenschaftler intensiv mit dem Apollo-Programm und der ersten bemannten Mondmission auseinandersetzt.

prisma: Vor 50 Jahren betrat der erste Mensch den Mond. Wie gefährlich war die Mission damals aus heutiger Sicht?

Gernot Grömer: Das ganze Apollo-Programm John F. Kennedys war enorm sportlich. Er verkündete im Mai 1961, sechs Wochen nach dem ersten Weltraumflug des Russen Juri Gagarin, dass binnen zehn Jahren ein US-Amerikaner den Mond betreten und wieder zurückkehren würde. Damals fehlten auf vielen technischen Gebieten absolut die Voraussetzungen dafür. Man hatte offenbar viel Vertrauen in das Entwicklungs-Potenzial der damaligen Weltraumtechnik, die Anfang der 60-er noch in den Kinderschuhen steckte.

prisma: Warum war man damals so mutig?

Grömer: Man muss das Ganze vor dem Kontext des Kalten Krieges sehen. Die Risikobereitschaft war deutlich höher, als sie es heute ist. Heute würde das Apollo-Mondprogramm keinen einzigen Sicherheits-Check mehr passieren. Viele Insider schätzten die Chance, dass der Mondflug klappte, bei etwa 50 Prozent ein. Eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Trotzdem hatte das Apollo-Programm auch etwas Großartiges. Es mobilisierte 400.000 Menschen, die an dieser Idee arbeiteten. Man kann sich diese Ausmaße heute nicht mehr vorstellen.

prisma: War die amerikanische Idee vom Betreten des Mond volkswirtschaftlich betrachtet nicht purer Wahnsinn?

Grömer: Nein, würde ich nicht sagen. Das Apollo-Programm zeigte den Amerikanern, zu was sie in Sachen Forschung und Entwicklung in der Lage sind, wenn man etwas unbedingt schaffen will. Aus soziologischen Studien wissen wir, dass Zehntausende von Ingenieuren ihre Berufswahl trafen, weil sie über Apollo vom Weltraumfieber angesteckt wurden. Insofern gab das Programm den USA auch einen gewaltigen Schub.

prisma: Welche Technik, die 1961 fehlte, musste auf die Schnelle erfunden werden, damit Neil Armstrong 1969 den Mond betreten konnte?

Grömer: Fast alle weltraumtauglichen Materialien fehlten. Legierungen für die Triebwerke beispielsweise. Auch wusste niemand, wie ein funktionierender Raumanzug aussehen muss. Sogar im Management mussten neue Dinge erfunden werden, um 400.000 Mitarbeiter zu steuern, die an einem Ziel arbeiten sollten. Wie sehr Apollo damals Science Fiction war, sieht man, wenn man sich im Vergleich eine Alltagswohnung von 1961 anschaut. Im Alltag der Menschen spielte Technik noch kaum eine Rolle. Damals wurde gerade diese neue Band aus Liverpool bekannt, The Beatles. Gleichzeitig stiegen Raketen auf einer Feuersäule in den Weltraum hinauf. Der Kontrast dieser beider Welten ist in der Retrospektive schon sehr beeindruckend.

prisma: Was hätte beim Flug zum Mond damals schiefgehen können?

Grömer: Es hätten tausende Dinge schief gehenkönnen. Beim Berechnen der Flugbahn hätte man schnell danebenliegen können. Ein Mini-Fehler im Triebwerk hätte fatale Folgen haben können. Eine bemannte Rakete, ob Apollo oder ein heutiges Modell, besteht in etwa aus einer Million Bauteile. Selbst, wenn ich eine Verlässlichkeit von 99,999 Prozent habe – das heißt, die Dinge sind unglaublich robust und verlässlich gebaut – bedeutet das immer noch, dass in etwa ein Dutzend Bauteile versagen werden. Mann kann dann nur hoffen, dass es nicht die kritischen Elemente sind.

prisma: In welchen Momenten schrammte Apollo 11 haarscharf am Scheitern vorbei?

Grömer: Neil Armstrongs Treibstoffvorrat, bevor er die Mission hätte abbrechen müssen, lag im Bereich von ein paar wenigen zehn Sekunden. Und das auf eine Entfernung von 384.000 Kilometern von zu Hause. Bei einem Flug, den noch niemand unternommen hat. Einen Monat bevor die Astronauten starteten, lagen schon die Nachruf-Reden auf dem Schreibtisch von Präsident Nixon.

prisma: Warum war man damals so mutig? Nur wegen des Kalten Krieges?

Grömer: Es gab verschiedene Gründe. Der Kalte Krieg war gleichbedeutend mit einer institutionalisierten Risikobereitschaft. Dazu existierte ein ausgeprägter Flaggenpatriotismus. Man war wirklich bereit, sich für sein Land zu opfern. Außerdem war die wissenschaftliche Neugierde enorm. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Der Mensch glaubte an und träumte vom Fortschritt.

prisma: Sie sagen, dass das Interesse am Mond heute wieder groß ist. Warum sollte dem so sein?

Grömer: Zunächst mal gibt es einen Rhythmus in der Explorations-Geschichte. Er reicht von Christoph Kolumbus bis hin zur Entdeckung des Nord- und Südpols. Immer, wenn Menschen einen dieser magischen Orte zum ersten Mal betreten haben, folgt eine Generation lang Desinteresse. Erst danach beginnt die eigentliche Erkundung des Neulandes. Auch meine Organisation, das Österreichische Weltraum Forum, spürt das verstärkte Interesse der Menschen zum Beispiel an einer Mars Mission. Schulklassen fragen uns heute nicht mehr, ob wir zum Mars reisen, sondern wann es endlich soweit ist.

prisma: Aber was nutzt uns der Mond konkret in naher Zukunft?

Grömer: Auf dem Mond existieren spannende Rohstoffe, die sehr attraktiv für die Menschheit sind. Da geht es zum Beispiel um den Abbau von Helium-3 für Kernfusion-Reaktoren auf der Erde. Eine im Gegensatz zur heutigen Atomkraft eine sehr sichere und saubere Energiequelle. In den Polarregionen, vor allem am Südpol des Mondes, existieren Wasserreserven in Form von Eis. Die erdabgewandte Seite des Mondes wäre zudem ein außergewöhnlich guter Standort für Radioteleskope, mit denen die Wissenschaft in den Weltraum schauen und hören könnte. Man betrachtet den Mond mittlerweile nicht mehr im Sinne des Flaggenpatriotismus, sondern denkt darüber nach, wie er dem Menschen nützlich sein kann.

prisma: Werden irgendwann Menschen auf dem Mond leben?

Grömer: Ja, ich denke schon. Außenposten, die Grenzbereiche erkunden, sind für die Wissenschaft von hohem Wert. In der McMurdo-Station, der Basis der Amerikaner in der Antarktis, lebten zu Spitzenzeiten bis zu 1.000 Menschen. Das sind schon kleine Städte. Ich glaube, dass wir möglicherweise die letzte Generation sind, die den Mond als unbewohnten Himmelskörper kennen.

prisma: Also werden Wissenschaftler auf dem Mond wohnen?

Grömer: Ja, zunächst werden es Wissenschaftler sein. So wie immer, wenn eine Region neu erkundet wird. Wenig später werden kommerzielle Interessen folgen. So war es immer in der Explorations-Geschichte.

prisma: Bei Kommerz auf dem Mond denken Sie auch an touristische Modelle?

Grömer: Ja, auch das. Ich denke, in den nächsten zehn oder 15 Jahren wird man zunächst die Erdumlaufbahn als touristisches Ziel etablieren. Der britische Milliardär Richard Branson will bald mit seinem privaten Raumfahrtunternehmen Virgin Galactic ins All fliegen, vielleicht zwei Wochen in der Raumstation ISS verbringen. Für kolportierte 46 Millionen Euro. Allerdings ohne Kost und Logis, die muss man extra zahlen. Solche Reisen werden jedoch in Zukunft sehr viel billiger werden. Vor allem, was Flüge in den Orbit betrifft. Seriöse Studien gehen davon aus, dass solche Trips für ein paar zehntausend Euro in absehbarer Zeit möglich sind. Dann wird es einen echten Markt für diese Angebote geben.

prisma: Und Ferien auf dem Mond sind die nächste Stufe?

Grömer: Ja, davon gehe ich aus. Aber es wird noch etwas dauern. Ich schätze, Interessenten werden noch mehr als 15 Jahren warten müssen. Derzeit gibt es auch keine Fluggeräte, die auf dem Mond landen können. Natürlich arbeitet man an technisch und wirtschaftlich sinnvollen Konzepten.

prisma: Wer wird Ihrer Meinung nach die erste neue Mondrakete bauen?

Grömer: Wir beobachten in den USA derzeit einen Wettbewerb zwischen Elon Musk und Jeff Bezos. Beide betreiben mit SpaceX beziehungsweise Blue Origin Firmen, die sich Weltraumprojekten verschrieben haben. Jeff Bezos will auf jeden Fall mit dem Mond arbeiten, wenn auch zunächst über unbemannte Raumschiffe. Elon Musk hat gesagt, sein Ziel sei der Mars.

prisma: Warum stehen heute private Unternehmen in der ersten Reihe, wenn es um derlei Projekte geht, und nicht mehr ambitionierte Staaten wie die USA oder die damalige UdSSR?

Grömer: Die Staaten und ihre Weltraumprogramme sind ja nicht raus aus dem Wettbewerb. Sie haben nur private Konkurrenz bekommen. Die USA, Russland und China – zum Teil auch Europa und vielleicht sogar Indien – verfolgen seriöse Pläne im Weltall. Dass sich auch Privatleute dafür interessieren, zeigt nur das kommerzielle Potenzial des Weltraums. Das funktionierte in der Vergangenheit aber nicht anders. Die erste Atlantik-Überquerung mit dem Flugzeug durch Charles Lindbergh war eine Reaktion auf die Ausschreibung eines amerikanischen Öl-Millionärs. Er hatte einen Preis ausgesetzt auf den ersten Nonstop-Flug und damit eine ganze Generation von ambitionierten Fliegern elektrisiert. Damals gab es auch viele Tode. Man fand aber eben auch die Grundlagen für die moderne Verkehrsfliegerei von heute.


Quelle: teleschau – der Mediendienst