Was wurde und wird in diesem Land nicht diskutiert über Parallelgesellschaften und Integrationsprobleme. Anfang 2010, viele Jahre bevor die Flüchtlingsströme alte Debatten neu befeuerten, legte der Regisseur Dror Zahavi einen Brennpunktschocker allererster Kajüte vor. Der zeigte vor allem eines: Das Leben in den sogenannten Problemkiezen ist zwar hart, aber nicht fair. Und dort lässt sich auch schlecht debattieren. "Zivilcourage", nun erneut im Ersten zu sehen, ist widerspenstig, ein bisschen böse und in seiner finalen Vergeltungslogik mehr als streitbar. Gewinnbringend ist die aufwühlende WDR-Produktion trotzdem.

"Willkommen in meiner Welt voll Hass und Blut", tönt es eingangs im tristen Kiezambiente. Da ahnt man noch nicht, wie bitterernst das Motto zu nehmen ist. Berlin-Kreuzberg, ein fiktiver Straßenzug, die Gegend zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor und ein explosives Gemisch. Alt-68er, Gentrifizierte, Hartz-IV-Elend, Obdachlose, Gangs, überforderte Polizisten, Kriegsflüchtlinge und mittendrin: Götz George.

Der 2016 verstorbene Altmeister bildet den Ankerpunkt dieser chaotischen Melange: Er spielt den Antiquitätenhändler Peter Jordan, der in einer Art bürgerlicher Trutzburg haust. Draußen die Penner und Straßengangs, drinnen Jazz, Weltliteratur und grüner Tee. Hinter Gittern hat sich der alte Idealist in dieser Parallelwelt verbarrikadiert, doch weg will er nicht aus seinem Viertel, das jetzt den Migrantenkindern gehört. Anders als seine Tochter Monika (Maria Simon), die mit Mann und Tochter in einen Vorort geflüchtet ist.

Ein betrunkener Penner provoziert nachts den zornigen, jungen Kosovaren Afrim (Arnel Taci), der den Mann vor den Augen seiner Freundin Jessica (Carolyn Genzkow) halb totschlägt. Jordan ist Augenzeuge, zögert kurz, geht dann dazwischen und erstattet später Anzeige – obwohl die vernachlässigte Jessica bei ihm gerade ein Praktikum macht. Und obwohl Afrim einen älteren Bruder, Dalmat (Marko Mandic), hat, der keine Skrupel kennt – Jordan soll die Anzeige zurückziehen.

Bis zum Äußersten

Zahavi und Drehbuchautor Jürgen Werner entlarven das Law-and-Order-Gewäsch, haben aber auch keinen Nerv für Multikulti-Gerede oder Integrationsdebatten. Sie drehen die Gewaltspirale einfach immer weiter, fast bis zur letzten, fatalen Konsequenz. Dieser Bruder Dalmat, ein verwaister Bürgerkriegsveteran, wäre im Grunde eine Steilvorlage für rechte Parolen. Verhielte er sich nicht so, wie sich Menschen in seiner Situation und mit seiner Geschichte eben bisweilen verhalten. Er geht bis zum Äußersten. "Ihr habt Angst, dass sich die zornigen, jungen Männer auf den Weg zu euch machen", zischt er Jordan entgegen: "Aber wir sind längst da."

So schonungslos, so klarsichtig und aufwühlend wie hier hatte diese Thematik zuvor noch keine deutsche Produktion aufgegriffen. Zahavi schaut nicht wie andere aufs Elend drauf, er stürzt sich mit Haut und Haaren hinein. Jeder Fausthieb, jeder Tritt ist fast körperlich spürbar. Neun Jahre nach der Erstausstrahlung hat der Film nichts von seiner erzählerischen Kraft und Relevanz eingebüßt.

"Zivilcourage" war für den Deutschen Fernsehpreis 2010 nominiert und bekam 2011 die Goldene Kamera und den Grimme-Publikumspreis der "Marler Gruppe".


Quelle: teleschau – der Mediendienst