Paul Mazursky

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Als Regisseur und Schauspieler im Geschäft: Paul Mazursky
Irwin Mazursky
Geboren: 25.04.1930 in Brooklyn, New York, USA
Gestorben: 30.06.2014 in Los Angeles, Kalifornien, USA

Paul Mazursky war ein brillanter Geschichtenerzähler. "Willie und Phil" (1979) ist eine Hommage an François Truffaut, ein Film über die Liebe, das Leben und was man damit anfangen kann, wenn man jung ist. Sein Erstlingswerk heißt "Bob & Caroline & Ted und Alice" (1968) und spielt wie die folgenden Filme "Harry & Tonto" (1974), "Ein Haar in der Suppe" (1975) und "Eine entheiratete Frau" (1977) in New York. Denn der Nachfahre von polnisch-russischen Einwanderern war in New York geboren und liebte diese Stadt wie keine andere.

Mazursky studierte zunächst Literatur und war nach zwei Filmrollen als Komiker in Kabaretts und Nachtclubs beschäftigt. Gemeinsam mit seinem Partner Larry Tucker schrieb er Sketche und Geschichten für TV-Shows, beispielsweise für die Danny-Kaye-Show. Der vielseitige Künstler inszenierte überdies Stücke am Off-Broadway. 1968 schrieb und produzierte er den Film "Lass mich küssen deinen Schmetterling", den Hy Averback inszenierte.

Als Schauspieler trat er auf in Stanley Kubricks "Fear and Desire" (1952), in Richard Brooks "Die Saat der Gewalt" (1954), in Vic Morrows "Deathwatch" (1967) und "Der Einsame aus dem Westen" (1970), sowie in vielen anderen Filmen - auch seinen eigenen. Mazursky selbst drehte sehr unterschiedliche Filme: "Ein Haar in der Suppe" handelt von einer Gruppe von Menschen, die sich in einem kleinen, schmuddeligen Restaurant in Greenvich Village treffen. Sie alle sind Außenseiter der Gesellschaft. Kleine Schicksale, Heiteres und Ernstes verdichten vor dem Hintergrund der düsteren 50er Jahre: eine schwerblütige Komödie, brillant inszeniert.

"Eine entheiratete Frau" (1977) erzählt von der 35-jährigen Erica, die mit Mann und 16-jährigen Tochter in New York lebt. Das Leben als Hausfrau und Mutter in guter Position genügt ihr zum Lebensglück. Da eröffnet ihr Ehemann, dass er sie wegen einer jüngeren Frau verlassen werde. Natürlich sieht sie ihr ganzes Kartenhaus zusammenstürzen, doch dann fängt sie sich und beginnt ein selbstbewusstes Eigenleben: Der Bruch der Ehe wird für sie zum Initialfunken. Ein konventioneller Film, aber brillant gemacht und gespielt.

"Feinde - die Geschichte einer Liebe" (1989) ist die Geschichte eines jungen Mannes, der vor den Nazis nach Amerika flüchtet, dort ein neues Leben beginnt und sich mit der tot geglaubten Ehefrau und seiner ehemaligen Geliebten konfrontiert sieht. Der Film beruht auf einem Roman von Isaac Bashevis Singer. "Zoff in Beverly Hills" (1986) ist ein Remake von Jean Renoirs Humoreske "Boudu - Aus den Wassern gerettet" (1932) und erzählt von dem lebensfrohen Anarchisten und Clochard, der von einem mildtätigen Buchhändler aus dem Swimmingpool gezogen wird. Boudou lernt, wie man es sich auf Kosten anderer wohlgehen lässt, und kommt auf diesem Weg letztendlich zu Geld.

Paul Mazursky erwies sich hier wieder als einer der eigenwilligsten Geschichtenerzähler und Schauspieler-Regisseure. Er hatte Renoirs Geschichte fürs heutige Kino umgearbeitet und aus der melancholischen Farce eine ebenso böse wie lustige Satire auf die bessere Gesellschaft in Beverly Hills gemacht. Im Mittelpunkt steht der Stadtstreuner Jerry (Nick Nolte), der nach dem Tod seines Lieblingshundes nicht mehr leben will und sich in den Swimmingpool des millionenschweren Kleiderbügelfabrikanten Whiteman (Richard Dreyfuss) plumpsen lässt. Der aber rettet ihn nicht nur, sondern gerät auch voll auf den Aussteigertrip. Aus seinem Schützling wird indes ein geschniegelter Playboy. Mutter Barbara (schrecklich schön böse: Bette Midler) entdeckt ihr Sexualleben neu, und Sohnemann erkennt in sich den Transvestiten und Punk.

Foto: Petr Novák, Wikipedia Eine böse Satire ist schließlich auch das Drei-Personen-Stück "Der Hochzeitstag" (1995). Das Drehbuch stammt von Chazz Palminteri, dem Autor des Bühnenstücks. Gemeinsam mit Cher und Ryan O'Neal spielte er auch eine der Hauptrollen. Die lebensmüde Margret erhält unerwarteten Besuch von einem Einbrecher, der sie im Auftrag ihres Ehemanns vergewaltigen und umbringen soll. Das folgende abendfüllende Gespräch zwischen Cher und Palminteri gehört zu den schönsten Lang-Dialogen des modernen amerikanischen Kinos.

Schon einmal hatte sich Mazursky eines Ehezanks am Hochzeitstag angenommen. In "Ein ganz normaler Hochzeitstag" gelang ihm das Kunststück, Woody Allen zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder nur als Schauspieler auftreten zu lassen. Ein Ehepaar kommt in dieser bissigen Komödie auf die tolle Idee, sich die ganzen Seitensprünge zu beichten, und das mitten in einem riesigen Einkaufszentrum. Doch der überlaufene Ort ist so unpersönlich, dass er beinahe dieselbe Intimität ausstrahlt wie das heimische Wohnzimmer.

Viele von Mazurskys Erfahrungen aus dem Showbusiness waren sicherlich in seine Rolle in John Herzfelds Thriller-Mosaik "Zwei Tage in L.A." (1995) eingeflossen. Darin spielte er einen alternden, erfolglosen TV-Regisseur, der sich erschießen will und plötzlich zum Helden wird.

Als Darsteller erschien Mazursky unter anderem in "A Star Is Born" (1976), "Kopfüber in die Nacht" (1985), "Der Knalleffekt" (1988), "Luxus, Sex und Lotterleben" (1989), "Filofax - ich bin Du und Du bist nichts" (1990), "Carlito's Way" (1993) von Brian De Palma, "Miami Rhapsody - Heiße Nächte in Florida" (1995), "Touch - Der Typ mit den magischen Händen" (1996), "Why do Fools Fall in Love - Die Wurzeln des Rock'n'Roll" (1998), "Ein filmreifer Mord" und "Verrückt in Alabama" (beide 1999) und in der Dokumentation "Stanley Kubrick - Ein Leben für den Film" (2000).

Weitere Filme von Paul Mazursky: "Alex im Wunderland" (1972), "Heirat ausgeschlossen" (1973), "Der Sturm" (1982), "Moskau in New York" (1984), "Mond über Parador" (1987), "Stage Fright - Eine Gurke erobert Hollywood" (1992) und "Winchell - Reporter aus Leidenschaft" (1999).

Interview anlässlich von "Willie und Phil", Hamburg 1979

prisma Was war der Ausgangspunkt Ihres Filmes? Ging es um eine amerikanische Version von "Jules und Jim"?
Mazursky Natürlich spielte Truffaut und sein Film "Jules und Jim" eine Rolle. Doch im Grunde war das Problem sehr viel simpler: Ich wollte immer wieder in New York arbeiten. Ich lebe in Kalifornien und möchte nicht ohne Job nach New York. Also schreibe ich eine Story, die in New York spielt, dann weiß ich, ich kann dort drehen. Und bei der Arbeit an diesem Film wurde noch etwas anderes wichtig: Die Leute in den Zwanzigern werden im Film eigentlich nie so richtig erfasst. Ich habe eine Tochter von 23, selten beschäftigt sich ein Film mit diesem Alter, das ich die Jahre des Versprechens nennen möchte. Hier bei Ihnen in Europa haben es die Jungen noch einfacher, sie können in gewisser Weise machen was sie wollen. Mit 18, 19, 20, 21 können sie mit jemandem zusammenleben, zwei Männer mit einer Frau, es ist alles erlaubt - in Amerika nicht. Die jungen Leute bei uns sind verwirrt, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie warten auf jemanden, der ihnen sagt, das ist es, das musst du tun. Sie haben Probleme, aber andere. In Europa ist das Leben der jungen Leute viel schwieriger, die Schule, der erste Job, das Geldverdienen, aber in den Staaten hängt man viel leichter irgendwie herum und weiß keinen Weg. Darüber wollte ich einen Film machen, eine Geschichte mit Humor und Lebensgefühl zugleich.

prisma Was ist das Besondere an New York?
Mazursky Ich selbst stamme aus New York und habe einen ganz anderen Stand. Du kannst am schönsten Platz der Welt sein, aber New York fehlt dir, und wenn es die Untergrundbahn ist. Los Angeles, wo ich lebe, ist keine City, es ist ein Platz. Es gibt viele Menschen, nette Menschen, aber du siehst sie nicht. Sie sind in Autos, sie fahren an dir vorbei. Mein Großvater ist aus Kiew, meine Großmutter aus Warschau. Sie kamen 1905 nach Amerika. Ich bin quasi die dritte Generation. Meine Eltern kamen aus New York, meine Großeltern - das wäre ein ausgezeichneter Filmstoff! Er kam aus Kiew und ist 1905 aus der russischen Armee desertiert, das war damals sehr in. Und Großmutter kam unter einem Haufen von Kartoffeln über die polnische Grenze. In "Next Stop, Greenvich Village" spreche ich davon. Sie trafen sich beide auf einem Schiff, das von Hamburg in die USA ging, und sie kamen nach New York. Zu Polen habe ich nicht viel Beziehung mehr, aber ich kenne einige ausgezeichnete Filme von Andrzej Wajda. Meine Großeltern sprachen meist jiddisch und ich verstehe eine Menge deutsch, weil das sehr ähnlich ist. In drei Monaten könnte ich deutsch lernen. Meine Eltern sprachen jiddisch, wenn sie etwas sagen wollten, was ich nicht verstehen soll, und da habe ich es schnell gelernt.

prisma Ihr Filmstil ist eigentlich sehr europäisch...
Mazursky Man sagt so gerne, hier gibt es Kultur und in USA nicht. Wenn ich Hamburg betrachte: Was hier nicht getan wurde, ist besser als was getan wurde. Man rekonstruiert beispielsweise Ruinen so, dass sie wie alte Gebäude aussehen. Das ist wärmer. New York ist schön anzusehen, L.A. nicht. Die Stadt hat kein Alter, keine Geschichte, das älteste Gebäude in Los Angeles ist eine Garage.

prisma Jeder Ihrer Filme beschäftigt sich mit dem Alltagsleben.
Mazursky Ich denke, Kino kann alles sein. Es gibt keine Gesetze, keine Reglements, wenn Du zeigen willst, wie ein Boot sinkt und die Leute ins Wasser springen, wie ein Monster aus dem Wasser steigt, ein Gorilla die Krallen zeigt. Kino ist Magie, es ist immer ein Traum, auch wenn das, was du zeigst, wahr ist. Ich drehe einen Film über wirkliche Menschen. Sie sind wirklich, aber nicht ganz: einen Schritt von der Realität weg, weil wir immer in einem dunklen Raum sitzen, Musik da ist, Leute reden...; das ist das Besondere am Kino. Das gleiche gilt, wenn Sie die "Buddenbrooks" lesen: ein Buch mit genauen Angaben, wo jede Serviette genau beschrieben ist, und doch ist es überhöhte Realität.

Kennen Sie deutsche Filme?
Mazursky Ich habe die Filme von Werner Herzog gesehen, "Aguirre", "Stroszek", "Auch Zwerge haben klein angefangen" und den Kaspar-Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle". Ich kenne von Rainer Werner Fassbinder "Die Ehe der Maria Braun" und "Faustrecht der Freiheit"; "Die Blechtrommel" von Volker Schlöndorf und "Das zweite Erwachen der Christa Klages" von Margarethe von Trotta. Ich mag das, das war sehr stark. Es gibt viel Kraft im deutschen Film heute.

prisma Welche Beziehung haben Sie zu Truffaut?
Mazursky Als ich "Willie und Phil" drehte, sagten viel, was klaust du von Truffaut. Wir waren beim Film vom wirklichen Leben beeinflusst, und das ist für mich auch eine wichtige Voraussetzung. In New York ist der Mensch mehr sophisticated, im Süden viel provinzieller. Die Eltern sind meist sehr jung. Was die Europäer mögen, ist die Naivität des Jeans-Feelings. Ich habe auch eine 15-jährige Tochter, die ist viel realistischer als die große. Sie will Produzentin werden, hat sehr viel Energie.Für mich gibt es verschiedene Zeitabschnitte, die mich geprägt haben: die Depression, da war ich sehr jung, der Krieg in Europa, den habe ich voll miterlebt. Der Krieg in Vietnam, das war ein Alptraum: die Morde an den Kennedys, an Martin Luther King. In jener Zeit, so schrecklich sie im gewisser Weise war, gab es Energie. Sie ist verflogen. Heute gibt es keine Energie.

prisma Der Film hat viele Enden...
Mazursky Das Studio wollte ein Ende am Strand, beim Zweikampf der Männer, als sie sich versöhnen. Doch für mich war wichtig zu zeigen, das wirkliche Leben geht weiter, und nicht so simpel. Am Ende kommen sie wieder aus "Jules und Jim", und die Jungen stehen draußen vor dem Kino. Die kamen in den bekannten Kostümen aus der Rocky-Horror-Picture-Show. Und die sind so weit weg von den Leuten von damals. Das wollte ich zeigen. Man macht mir zum Vorwurf, daß die Geschichte eigentlich mehrfach endet. Shakespeares Stücke haben mehrere Enden, warum nicht ein solcher Film? Einen Filmschluss zu setzen, ist vielleicht das Schwierigste.

prisma Ihr Film hat eine sehr "emanzipierte Sicht"...
Mazursky Ja, aber das stimmt mit der Wirklichkeit überein. Männer haben eine utopische Sicht von der Wirklichkeit, Frauen sind da viel realistischer: Ich mag die Utopie, weiß aber, daß es so nicht geht.

prisma Wie stehen Sie zum gegenwärtigen Streik der Schauspieler?
Mazursky Es mag der Beginn einer Veränderung sein, einer Veränderung im ganzen System. Es gibt heute - im Gegensatz zu Europa - in den USA noch immer ein großes Star-System. Einige machen bei einem Film mehr Geld als mancher im ganzen Leben. Ich denke, das geht weiter. Im Februar die Autoren, im März die Regisseure, dann die Cutter. Es hat alles seine Berechtigung. Doch: wie geht es weiter? Kommt eine Veränderung, etwas Besseres? Sehr optimistisch sehe ich das allerdings nicht.

Mit Paul Mazursky sprach Heiko R. Blum.


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