Ayka (Samal Yeslyamova) putzt für ein paar Tage in einer Luxus-Tierklinik, in der die verwöhnten Haustiere viel besser behandelt werden als sie selbst.
Das schonungslose Sozialdrama "Ayka" zeigt den Überlebenskampf einer illegalen Arbeitsmigrantin im eiskalten Moskau.

Ayka

KINOSTART: 18.04.2019 • Drama • RUS / D / PL / KZ (2018) • 114 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Ayka
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
RUS / D / PL / KZ
Filmstudio
ARTE, Eurasia Film Production, Juben Pictures, Kinodvor, Otter Films, Pallas Film, ZDF, Ministry of Culture of the Russian Federation
Laufzeit
114 Minuten
Regie
Sergei Dvortsevoy, Сергей Дворцевой
Kamera
Jolanta Dylewska

Filmkritik

Ayka rennt
von Gabriele Summen

In knallharten Sozialdrama "Ayka" hetzt eine illegale Arbeitsmigrantin, die ihr Neugeborenes in der Geburtsklinik zurücklassen musste, durchs winterliche Moskau. Kälter noch als die Stadt sind ihre Bewohner.

Er sei zutiefst schockiert gewesen, als er in der Zeitung las, dass im Jahr 2010 in Moskauer Geburtskliniken 248 Babys von Müttern aus Kirgisistan zurückgelassen wurden. Was um Himmel willen konnte diese Frauen dazu verleitet haben, ihre Neugeborenen aufzugeben, fragte sich Sergey Dvortsevoy. Das Thema ließ dem russisch-kasachischen Regisseur, der ursprünglich Dokumentarfilmer ist, keine Ruhe. Das Ergebnis seiner Recherche schlägt sich in dem nur schwer verdaulichen Überlebensdrama "Ayka" nieder. Seine Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova, die in Dvortsevoys "Tulpan" als 19-Jährige ihr Schauspieldebüt gab, gewann für ihre eindringliche Darstellung der titelgebenden Ayka beim letztjährigen Filmfestival in Cannes zu Recht den Darstellerpreis.

Ayka ist eine von vier Frauen, denen zu Beginn des Films eine resolute Krankenschwester in einem Moskauer Krankenhaus ihre Neugeboren zum Stillen bringt. Doch Ayka gibt vor, noch einmal auf die Toilette zu müssen, und flieht dann durch ein Fenster vor der zusätzlichen Verantwortung, sich auch noch um ihr Baby kümmern zu müssen. Schließlich kämpft sie schon täglich selbst ums nackte Überleben – und muss dringend zu ihrem Job in einer schmuddeligen Schlachtanlage. Im Akkord sieht man sie mit letzter Kraft Hühner rupfen. Nachblutungen haben eingesetzt, doch Ayka kann auch darauf keine Rücksicht nehmen, sie muss Geld verdienen, um ihre Schulden bei mafiösen Gläubigern abzahlen zu können.

Ständig klingelt das Handy der erschöpften Frau, die Geldeintreiber erinnern sie an ihre Schuld. Als wäre das noch nicht genug, betrügt der Chef Ayka und ihre Kolleginnen auch noch um ihren kargen Lohn. Von da an hetzt der Zuschauer mit Ayka auf der verzweifelten Suche nach Arbeit durch das von einem Schneesturm heimgesuchte Moskau, in dem ihr auch von den Mitmenschen nur Kälte entgegenschlägt.

Kamerafrau Jolanta Dylewska klebt – mit zum Teil sehr wackliger Handkamera – eng an der 25-Jährigen mit der abgelaufenen Arbeitserlaubnis. Man meint am eigenen Leib zu spüren, wie es ist, am alleräußersten Rand der Gesellschaft zu leben. "Ayka" erinnert an die Filme der Dardenne-Brüder, besonders an den 1999 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film "Rosetta", der ebenfalls die Geschichte einer Unterprivilegierten auf verbissener Arbeitssuche erzählte.

Von Ayka erfährt man sehr wenig. Nur, dass sie das geborgte Geld für den Traum von einer eigenen Nähwerkstatt benötigte. Die junge Frau, die in einer beengten, schäbigen Unterkunft eine mickrige Schlafkoje hat, wird von Regisseur Dvortsevoy bewusst nicht sympathisch gezeichnet. Schließlich haben die gesellschaftlichen Umstände auch Ayka zu einer kaltherzigen Frau gemacht, die um ihr nacktes Überleben kämpft. So ist es nur konsequent, dass der Regisseur sich jeglicher Melodramatik verweigert. Dennoch ist man voller Mitgefühl für Ayka und die Arbeitsmigranten in aller Welt, für die sie steht.

Es dauert sehr lange, bis man Ayka das erste Mal bei einer Tasse Tee kurz verschnaufen sieht: Die kasachische Putzfrau in einer Luxus-Tierklinik ist die erste, die ein wenig Mitgefühl mit ihr zeigt und ihr letztlich sogar für ein paar Tage ihre Stelle überlässt. Während Ayka in der Putzkombüse heimlich ihre überflüssige Muttermilch ausdrückt, muss sie wenig später mit ansehen, wie man sich liebevoll um eine verletzte Hundedame kümmert. In "Ayka" ist manch Hundeleben mehr wert als ein Menschenleben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Самал Еслямова Dzhipargul Abdilova Давид Алавердян Cholponay Borubaeva Nurzhan Kunnazarova Sergey Mazur Azamat Satimbaev Askhat Kuchencherekov Larisa Firsova Polina Severnaya Андрей Колядов Александр Златопольский Вячеслав Агашкин

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